von The Future's Black » 13. Juli 2004 10:15
SonntagsZeitung; 11.07.2004; Seite 87
Online
Seh’ ich dich im Strahlenmeer
Durch die Verbreitung der Drahtlostechnik W-Lan nimmt auch der Elektrosmog zu
Von Alexandra Bröhm
Das wollen wir unseren Kindern nicht zumuten, beschlossen einige Eltern im
amerikanischen Oak Park/Illinois dieses Frühjahr und klagten gegen die
Schulbehörden. Der Schuldistrikt hatte in den Klassenzimmern drahtlose
Computernetzwerke installieren lassen. Doch die Eltern fürchteten um die
Gesundheit ihrer Kinder und verlangten gerichtlich die Entfernung der Anlagen.
Auch in der Schweiz ist die Funktechnik W-Lan auf dem Vormarsch. Viele
Notebooks sind heute standardmässig mit Funkkarten ausgerüstet, die
dazugehörigen Basisstationen sind für 100 bis 200 Franken überall erhältlich.
So kann sich jeder zu Hause ein Netzwerk aufbauen und mehrere Computer und
die Unterhaltungselektronik per Funk miteinander kommunizieren lassen. Auch
in Bahnhöfen, Flughäfen und Unternehmen gibt es immer mehr Hot Spots, über
die sich Notebook-Nutzer drahtlos ins Internet einwählen können.
Woran viele dabei nicht denken: Die kabelllose Kommunikation erzeugt
Elektrosmog, was vor allem in den eigenen vier Wänden problematisch sein
kann. Im Gegensatz zur Handystrahlung ist W-Lan noch wenig erforscht.
Nun wird das Bundesamt für Gesundheit (BAG) aktiv. Die Abteilung
Strahlenschutz hat eine Studie in Auftrag gegeben, die abklären soll, wie
stark die W-Lan-Komponenten strahlen. «Wir erhalten häufig Anfragen aus der
Bevölkerung zu diesem Thema», sagt Martin Meier vom BAG.
Die Situation in der Schweiz ist unbefriedigend: Es gibt keinen Grenzwert,
der die Strahlung mit Blick auf mögliche gesundheitliche Schäden
reglementiert. Es existiert nur ein technischer Grenzwert für die
W-Lan-Geräte, der je nach Standard bei 100 oder 200 Milliwatt liegt. Doch
niemand weiss, ob diese Werte gesundheitlich unbedenklich sind.
Eine Kommission des Europäischen Parlaments hat eine Empfehlung
herausgegeben, die deutlich tiefer liegt. Ein W-Lan-Netz sollte mit
höchstens 100 Mikrowatt pro Quadratmeter strahlen, also tausendmal schwächer
als der technische Grenzwert in der Schweiz vorgibt (1 Mikrowatt = 0,001
Milliwatt).
«Lieber lästige Kabel als lästige Krankheiten»
Das deutsche Magazin «Ökotest» stellte letzten Herbst in einer Testreihe
fest, dass viele Basisstationen zudem viel stärker als nötig und machmal gar
stärker als erlaubt funken. Die W-Lan-Basisstationen oder Access Points sind
Dauersender, die ihre Sendeleistung in gepulste elektromagnetische Strahlung
umsetzen. Das strahlungsstärkste Gerät, der Netgear HE 102, erreichte im
Test Werte von über 1000 Milliwatt, wäre also in Europa gar nicht zugelassen.
Der Baubiologe Manfred Mierau führte die Messungen für Ökotest durch: «In
den eigenen vier Wänden sollte man die Strahlung so tief wie möglich halten,
besonders wichtig ist das an Schlafplätzen.» In seinem Alltag als Baubiologe
erlebe er häufig, dass Menschen auf Strahlungswerte ab 100 Mikrowatt
deutlich reagierten. Deshalb empfiehlt Mierau: «Lieber lästige Kabel als
lästige Krankheiten.»
Die Strahlung wird etwa für Kopfschmerzen oder Schlafstörungen
verantwortlich gemacht. Uneinig sind sich die Experten, ob die Funkwellen
auch Krebs oder Fruchtbarkeitsstörungen mitverursachen. Epidemologische
Studien, unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), zur
Beantwortung dieser Fragen sind noch nicht abgeschlossen.
Die laufenden Gesundheitsstudien beschäftigen sich jedoch alle mit der
Handystrahlung. Die Resultate lassen sich nicht eins zu eins auf das Thema
W-Lan übertragen, obwohl beide Techniken mit gepulster Strahlung arbeiten.
W-Lan strahlt zehn- bis zwanzigmal schwächer als ein Handy. Doch das
Mobiltelefon hält man nur wenige Minuten ans Ohr, die Access Points senden
häufig rund um die Uhr. Auch die Funkkarten im Notebook arbeiten - je nach
Softwareeinstellung - im Dauerbetrieb. Sie geben laut Ökotest 15 000 bis 20
000 Mikrowatt Strahlung pro Quadratmeter in bis zu einem Meter Abstand ab.
Weil W-Lan weniger stark als der Mobilfunk strahlt, kommt es kaum zur
Erwärmung von Gewebe, die bei der Handynutzung nachgewiesen ist und als
problematisch gilt. Trotzdem sorgen sich einige Experten, da W-Lan teilweise
mit besonders niedrigen Pulsfrequenzen arbeitet, die den Frequenzbereichen
des menschlichen Gehirns ähneln.
Entscheidend ist der Abstand, den man zu Basisstation oder Funkkarte
einhält, denn die Strahlung nimmt mit der Distanz schnell ab. In der Wohnung
helfen oft einfache Tricks (siehe Kasten).
Das Forschungslabor ITIS in Zürich ist spezialisiert auf Versuchsanordnungen
zum Thema elektromagnetische Strahlung. ITIS führt auch die BAG-Studie
durch. Allerdings können die Wissenschaftler auf neue Technologien nur noch
reagieren, weil die Entwicklung wegen des Konkurrenzdrucks unter den
Herstellern rasant voranschreitet.
Auch TV-Fernbedienung, Mikrowelle oder Babyphones erzeugen Strahlung
«Eine konsequente Technologiefolgenabschätzung müsste Jahre vor der
Marktreife eines Produktes ansetzen. Nur entspricht das nicht den
Marktmechanismen», sagt Jürg Fröhlich, stellvertretender Direktor des
Labors. Um Standortnachteile zu vermeiden, bräuchte es in diesen Fragen
internationale Regelungen. Was recht illusorisch sein dürfte.
So ist es an jedem Einzelnen, die Belastungen zumindest in der eigenen
Wohnung auf das Nötigste zu reduzieren. Denn auch TV-Fernbedienung,
drahtlose Kopfhörer, Mikrowelle oder Babyphones produzieren Strahlung.
Besonders kritisiert werden auch die digitalen kabellosen DECT-Telefone.
Ihre Basisstationen strahlen vier- bis fünfmal stärker als jedes W-Lan. Aus
diesem Grund hat das BAG, die ebenfalls noch wenig erforschten
DECT-Schnurlostelefone in die W-Lan-Studie mitaufgenommen. Resultate
erwarten die Verantwortlichen bis Ende Jahr.
SonntagsZeitung; 11.07.2004; Seite 87
Online
Seh’ ich dich im Strahlenmeer
Durch die Verbreitung der Drahtlostechnik W-Lan nimmt auch der Elektrosmog zu
Von Alexandra Bröhm
Das wollen wir unseren Kindern nicht zumuten, beschlossen einige Eltern im
amerikanischen Oak Park/Illinois dieses Frühjahr und klagten gegen die
Schulbehörden. Der Schuldistrikt hatte in den Klassenzimmern drahtlose
Computernetzwerke installieren lassen. Doch die Eltern fürchteten um die
Gesundheit ihrer Kinder und verlangten gerichtlich die Entfernung der Anlagen.
Auch in der Schweiz ist die Funktechnik W-Lan auf dem Vormarsch. Viele
Notebooks sind heute standardmässig mit Funkkarten ausgerüstet, die
dazugehörigen Basisstationen sind für 100 bis 200 Franken überall erhältlich.
So kann sich jeder zu Hause ein Netzwerk aufbauen und mehrere Computer und
die Unterhaltungselektronik per Funk miteinander kommunizieren lassen. Auch
in Bahnhöfen, Flughäfen und Unternehmen gibt es immer mehr Hot Spots, über
die sich Notebook-Nutzer drahtlos ins Internet einwählen können.
Woran viele dabei nicht denken: Die kabelllose Kommunikation erzeugt
Elektrosmog, was vor allem in den eigenen vier Wänden problematisch sein
kann. Im Gegensatz zur Handystrahlung ist W-Lan noch wenig erforscht.
Nun wird das Bundesamt für Gesundheit (BAG) aktiv. Die Abteilung
Strahlenschutz hat eine Studie in Auftrag gegeben, die abklären soll, wie
stark die W-Lan-Komponenten strahlen. «Wir erhalten häufig Anfragen aus der
Bevölkerung zu diesem Thema», sagt Martin Meier vom BAG.
Die Situation in der Schweiz ist unbefriedigend: Es gibt keinen Grenzwert,
der die Strahlung mit Blick auf mögliche gesundheitliche Schäden
reglementiert. Es existiert nur ein technischer Grenzwert für die
W-Lan-Geräte, der je nach Standard bei 100 oder 200 Milliwatt liegt. Doch
niemand weiss, ob diese Werte gesundheitlich unbedenklich sind.
Eine Kommission des Europäischen Parlaments hat eine Empfehlung
herausgegeben, die deutlich tiefer liegt. Ein W-Lan-Netz sollte mit
höchstens 100 Mikrowatt pro Quadratmeter strahlen, also tausendmal schwächer
als der technische Grenzwert in der Schweiz vorgibt (1 Mikrowatt = 0,001
Milliwatt).
«Lieber lästige Kabel als lästige Krankheiten»
Das deutsche Magazin «Ökotest» stellte letzten Herbst in einer Testreihe
fest, dass viele Basisstationen zudem viel stärker als nötig und machmal gar
stärker als erlaubt funken. Die W-Lan-Basisstationen oder Access Points sind
Dauersender, die ihre Sendeleistung in gepulste elektromagnetische Strahlung
umsetzen. Das strahlungsstärkste Gerät, der Netgear HE 102, erreichte im
Test Werte von über 1000 Milliwatt, wäre also in Europa gar nicht zugelassen.
Der Baubiologe Manfred Mierau führte die Messungen für Ökotest durch: «In
den eigenen vier Wänden sollte man die Strahlung so tief wie möglich halten,
besonders wichtig ist das an Schlafplätzen.» In seinem Alltag als Baubiologe
erlebe er häufig, dass Menschen auf Strahlungswerte ab 100 Mikrowatt
deutlich reagierten. Deshalb empfiehlt Mierau: «Lieber lästige Kabel als
lästige Krankheiten.»
Die Strahlung wird etwa für Kopfschmerzen oder Schlafstörungen
verantwortlich gemacht. Uneinig sind sich die Experten, ob die Funkwellen
auch Krebs oder Fruchtbarkeitsstörungen mitverursachen. Epidemologische
Studien, unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), zur
Beantwortung dieser Fragen sind noch nicht abgeschlossen.
Die laufenden Gesundheitsstudien beschäftigen sich jedoch alle mit der
Handystrahlung. Die Resultate lassen sich nicht eins zu eins auf das Thema
W-Lan übertragen, obwohl beide Techniken mit gepulster Strahlung arbeiten.
W-Lan strahlt zehn- bis zwanzigmal schwächer als ein Handy. Doch das
Mobiltelefon hält man nur wenige Minuten ans Ohr, die Access Points senden
häufig rund um die Uhr. Auch die Funkkarten im Notebook arbeiten - je nach
Softwareeinstellung - im Dauerbetrieb. Sie geben laut Ökotest 15 000 bis 20
000 Mikrowatt Strahlung pro Quadratmeter in bis zu einem Meter Abstand ab.
Weil W-Lan weniger stark als der Mobilfunk strahlt, kommt es kaum zur
Erwärmung von Gewebe, die bei der Handynutzung nachgewiesen ist und als
problematisch gilt. Trotzdem sorgen sich einige Experten, da W-Lan teilweise
mit besonders niedrigen Pulsfrequenzen arbeitet, die den Frequenzbereichen
des menschlichen Gehirns ähneln.
Entscheidend ist der Abstand, den man zu Basisstation oder Funkkarte
einhält, denn die Strahlung nimmt mit der Distanz schnell ab. In der Wohnung
helfen oft einfache Tricks (siehe Kasten).
Das Forschungslabor ITIS in Zürich ist spezialisiert auf Versuchsanordnungen
zum Thema elektromagnetische Strahlung. ITIS führt auch die BAG-Studie
durch. Allerdings können die Wissenschaftler auf neue Technologien nur noch
reagieren, weil die Entwicklung wegen des Konkurrenzdrucks unter den
Herstellern rasant voranschreitet.
Auch TV-Fernbedienung, Mikrowelle oder Babyphones erzeugen Strahlung
«Eine konsequente Technologiefolgenabschätzung müsste Jahre vor der
Marktreife eines Produktes ansetzen. Nur entspricht das nicht den
Marktmechanismen», sagt Jürg Fröhlich, stellvertretender Direktor des
Labors. Um Standortnachteile zu vermeiden, bräuchte es in diesen Fragen
internationale Regelungen. Was recht illusorisch sein dürfte.
So ist es an jedem Einzelnen, die Belastungen zumindest in der eigenen
Wohnung auf das Nötigste zu reduzieren. Denn auch TV-Fernbedienung,
drahtlose Kopfhörer, Mikrowelle oder Babyphones produzieren Strahlung.
Besonders kritisiert werden auch die digitalen kabellosen DECT-Telefone.
Ihre Basisstationen strahlen vier- bis fünfmal stärker als jedes W-Lan. Aus
diesem Grund hat das BAG, die ebenfalls noch wenig erforschten
DECT-Schnurlostelefone in die W-Lan-Studie mitaufgenommen. Resultate
erwarten die Verantwortlichen bis Ende Jahr.