von The Future's Black » 4. November 2004 12:43
© Mittelland Zeitung; 03.11.2004
Tabloid Wohlen
«Studien kommen fünf Jahre zu spät»
Mobilfunk-Hearing Experten von Kantonsbehörden und Netzbetreibern vermögen Bedenken gegenüber Antennenanlagen nicht wegzuräumen.
Roman Huber
Die Zahl der Handy-Abonnenten ist in der Schweiz auf 6 Millionen gestiegen. Und dennoch nimmt die Besorgnis über mögliche gesundheitliche Schäden der Strahlungen von Mobilfunkantennenanlagen zu. Ein Hearing, bei dem Kritiker nur im Publikum sassen, wollte Aufklärung erreichen.
Die Abteilung Planung und Bau der Stadt Baden hatte Vertreter von Kanton, Benutzer- und Netzbetreiberseite zu einem Hearing eingeladen.
Strenge Praxis
Martin Joho (Kanton) erklärt, dass die NIS-Verordnung des Bundes einerseits die Leistung der Quelle und andererseits die Wirkung auf Personen bzw. deren Schutz definiere. Es gebe den Anlagegrenzwert und den Immissionsgrenzwert, beide physikalisch mess- und berechenbar. Die Werte seien auf Bundesebene gesetzlich verankert, die Bestimmungen schärfer als im Ausland. Die Praxis ist im Aargau streng laut Joho: Würde der Grenzwert überschritten, müsse die Anlage unverzüglich saniert werden. Felicitas Siebert (Kanton) verwies auf die vielschichtigen gesetzlichen Grundlagen, die für einen zonenkonformen Antennenbau erfüllt sein müssen.
Mehr Benutzer, mehr Widerstand
Jedermann sei Strahlen ausgesetzt, so Joho; diejenigen der Mobiltelefonie (nicht ionisierende Strahlen, NIS) haben zu wenig Energie, um Stoffe bzw. Atome oder Moleküle zu verändern. «Vorsicht ist die beste Arznei», sagte Joho und verwies auf das laufende Nationale Forschungsprojekt. «Doch die wissenschaftlichen Studien kommen fünf Jahre zu spät.» Für Joho ist klar, dass man beim Gebrauch des Handys weit stärkeren Strahlungen mit «wahrscheinlich biologischen Effekten» ausgesetzt sei, als in der Nähe von Antennenanlagen.
Die Zahl der Handy-Benutzer steigt unentwegt, doch die Akzeptanz gegenüber dem Bau von Antennenanlagen sinkt. Das ist der Zielkonflikt laut Sonja Bierenhart (Forum Mobil). Der Nutzen der mobilen Telefonie - 60 bis 80% aller Notrufe an Polizei und Rettungsdienste erfolgen ab Handy - ist ebenso wenig wegzudiskutieren wie die Bedürfnisse der Benutzer. In der Diskussion fiel der Einwand, dass die Kundenbedürfnisse durch die Technik-Innovationen und die Netzbetreiber geschürt würden. Bierenhart stellte Bedenken in Abrede: Selbst für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestehe kein Nachweis dafür, dass schwach elektromagnetische Felder schädlich seien; «das Vorsorgeprinzip» sei erfüllt.
Antennenanlagen brauche es dort, wo telefoniert werde, erklärten die Netzbetreiber. Je besser Anlagen platziert werden können, desto weniger müssen gebaut werden. Der Ausbau sei aber kundenabhängig. Also: Je mehr telefoniert werde, desto leistungsfähiger müssten die Anlagen sein. Allein schon aus diesem Grunde können die Betreiber ihre Netze nicht überlagern.
Gesundheitsfragen offen
Als Kritiker im Publikum durfte Carlo Marelli (IG gegen Wildwuchs im Mobilfunkantennenbau) seine Bedenken einräumen. Die gesundheitliche Unbedenklichkeit sei nicht bewiesen, kehrte er den Spiess um und verwies auf Studien, die gesundheitsschädigende Effekte festgestellt hätten. Das Krebsrisiko werde unterschätzt, darum müsse man «die Gesundheitsfragen ernster nehmen». Beachten müsse man auch die Abstrahlungen, die der Hauptstrahler einer Antennenanlage erzeuge. Für Marelli gibt es auch andere Gründe, so diejenigen des Ortsbildschutzes und der Aspekt der Besitzer von Liegenschaften in Antennennähe, weil sich der Gebäudewert vermindere. Marelli wehrt sich nicht gegen Mobiltelefonie. Er propagiert für einvernehmliche Lösungen, zusammen mit denNetzbetreibern.
Die Teilnehmer des Hearings
Vom kantonalen Baudepartement Martin Joho, Abteilung Umweltschutz, und Felicitas Siebert, Koordinationsstelle für Baugesuche, von der Benutzerseite Sonja Bierenhart, Forum Mobil, Claude Georges (Swisscom), Jürg Aschwanden (Orange) und Michael Burkhardt (Sunrise) als Netzbetreiber.
In vielen gemeinden des Freiamts wird opponiert
Viele Freiämterinnen und Freiämter wehren sich gegen Baugesuche von Mobilfunkanlagen. In Wohlen haben 803 Personen eine Sammeleinsprache gegen den geplanten Bau einer Sunrise-UMTS-Antenne an der Bifangstrasse 32 unterschrieben. In Bremgarten unterzeichneten gar 1353 Personen eine Sammeleinsprache gegen eine UMTS-Erweiterung der Orange-Antenne auf dem Staublihochhaus. Diese Unterschriftenaktion war von Lothar Geppert initiiert worden. Ein früheres Mobilfunkantennengesuch im Bremgarter Bibenlos-Gebiet zog die Swisscom zurück, nachdem sich 700 Anwohner gewehrt hatten. In Hermetschwil-Staffeln gab es gegen ein Mobilfunkantennenprojekt von Orange 13 Einsprachen mit 463 Unterschriften. In Niederwil protestierten im Sommer rund 500 Dorfbewohner gegen den Ausbau einer Anlage von Sunrise und Orange im Gebiet Emmet. Nach Protesten wurde eine UMTS-Aufrüstung auf dem Kreisspital Muri sistiert und eine UMTS-Erweiterung in Sarmenstorf nach 315 Einsprachen und einer Petition durch die Swisscom zurückgezogen. (sv)
martin joho, Kanton
«Denken Sie daran, dass Sie von Kopf bis Fuss permanent in Strahlenwolken eingehüllt sind.»
Sonja Bierenhart, Forum
«Der erlebbare Nutzen steht den gesundheitlichen Bedenken gegen über.»
Felicitas Siebert, Kanton
«Mobiltelefonie untersteht dem Fernmeldegesetz und ist darum Bundessache.»
© Mittelland Zeitung; 03.11.2004
Tabloid Wohlen
«Studien kommen fünf Jahre zu spät»
Mobilfunk-Hearing Experten von Kantonsbehörden und Netzbetreibern vermögen Bedenken gegenüber Antennenanlagen nicht wegzuräumen.
Roman Huber
Die Zahl der Handy-Abonnenten ist in der Schweiz auf 6 Millionen gestiegen. Und dennoch nimmt die Besorgnis über mögliche gesundheitliche Schäden der Strahlungen von Mobilfunkantennenanlagen zu. Ein Hearing, bei dem Kritiker nur im Publikum sassen, wollte Aufklärung erreichen.
Die Abteilung Planung und Bau der Stadt Baden hatte Vertreter von Kanton, Benutzer- und Netzbetreiberseite zu einem Hearing eingeladen.
Strenge Praxis
Martin Joho (Kanton) erklärt, dass die NIS-Verordnung des Bundes einerseits die Leistung der Quelle und andererseits die Wirkung auf Personen bzw. deren Schutz definiere. Es gebe den Anlagegrenzwert und den Immissionsgrenzwert, beide physikalisch mess- und berechenbar. Die Werte seien auf Bundesebene gesetzlich verankert, die Bestimmungen schärfer als im Ausland. Die Praxis ist im Aargau streng laut Joho: Würde der Grenzwert überschritten, müsse die Anlage unverzüglich saniert werden. Felicitas Siebert (Kanton) verwies auf die vielschichtigen gesetzlichen Grundlagen, die für einen zonenkonformen Antennenbau erfüllt sein müssen.
Mehr Benutzer, mehr Widerstand
Jedermann sei Strahlen ausgesetzt, so Joho; diejenigen der Mobiltelefonie (nicht ionisierende Strahlen, NIS) haben zu wenig Energie, um Stoffe bzw. Atome oder Moleküle zu verändern. «Vorsicht ist die beste Arznei», sagte Joho und verwies auf das laufende Nationale Forschungsprojekt. «Doch die wissenschaftlichen Studien kommen fünf Jahre zu spät.» Für Joho ist klar, dass man beim Gebrauch des Handys weit stärkeren Strahlungen mit «wahrscheinlich biologischen Effekten» ausgesetzt sei, als in der Nähe von Antennenanlagen.
Die Zahl der Handy-Benutzer steigt unentwegt, doch die Akzeptanz gegenüber dem Bau von Antennenanlagen sinkt. Das ist der Zielkonflikt laut Sonja Bierenhart (Forum Mobil). Der Nutzen der mobilen Telefonie - 60 bis 80% aller Notrufe an Polizei und Rettungsdienste erfolgen ab Handy - ist ebenso wenig wegzudiskutieren wie die Bedürfnisse der Benutzer. In der Diskussion fiel der Einwand, dass die Kundenbedürfnisse durch die Technik-Innovationen und die Netzbetreiber geschürt würden. Bierenhart stellte Bedenken in Abrede: Selbst für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestehe kein Nachweis dafür, dass schwach elektromagnetische Felder schädlich seien; «das Vorsorgeprinzip» sei erfüllt.
Antennenanlagen brauche es dort, wo telefoniert werde, erklärten die Netzbetreiber. Je besser Anlagen platziert werden können, desto weniger müssen gebaut werden. Der Ausbau sei aber kundenabhängig. Also: Je mehr telefoniert werde, desto leistungsfähiger müssten die Anlagen sein. Allein schon aus diesem Grunde können die Betreiber ihre Netze nicht überlagern.
Gesundheitsfragen offen
Als Kritiker im Publikum durfte Carlo Marelli (IG gegen Wildwuchs im Mobilfunkantennenbau) seine Bedenken einräumen. Die gesundheitliche Unbedenklichkeit sei nicht bewiesen, kehrte er den Spiess um und verwies auf Studien, die gesundheitsschädigende Effekte festgestellt hätten. Das Krebsrisiko werde unterschätzt, darum müsse man «die Gesundheitsfragen ernster nehmen». Beachten müsse man auch die Abstrahlungen, die der Hauptstrahler einer Antennenanlage erzeuge. Für Marelli gibt es auch andere Gründe, so diejenigen des Ortsbildschutzes und der Aspekt der Besitzer von Liegenschaften in Antennennähe, weil sich der Gebäudewert vermindere. Marelli wehrt sich nicht gegen Mobiltelefonie. Er propagiert für einvernehmliche Lösungen, zusammen mit denNetzbetreibern.
Die Teilnehmer des Hearings
Vom kantonalen Baudepartement Martin Joho, Abteilung Umweltschutz, und Felicitas Siebert, Koordinationsstelle für Baugesuche, von der Benutzerseite Sonja Bierenhart, Forum Mobil, Claude Georges (Swisscom), Jürg Aschwanden (Orange) und Michael Burkhardt (Sunrise) als Netzbetreiber.
In vielen gemeinden des Freiamts wird opponiert
Viele Freiämterinnen und Freiämter wehren sich gegen Baugesuche von Mobilfunkanlagen. In Wohlen haben 803 Personen eine Sammeleinsprache gegen den geplanten Bau einer Sunrise-UMTS-Antenne an der Bifangstrasse 32 unterschrieben. In Bremgarten unterzeichneten gar 1353 Personen eine Sammeleinsprache gegen eine UMTS-Erweiterung der Orange-Antenne auf dem Staublihochhaus. Diese Unterschriftenaktion war von Lothar Geppert initiiert worden. Ein früheres Mobilfunkantennengesuch im Bremgarter Bibenlos-Gebiet zog die Swisscom zurück, nachdem sich 700 Anwohner gewehrt hatten. In Hermetschwil-Staffeln gab es gegen ein Mobilfunkantennenprojekt von Orange 13 Einsprachen mit 463 Unterschriften. In Niederwil protestierten im Sommer rund 500 Dorfbewohner gegen den Ausbau einer Anlage von Sunrise und Orange im Gebiet Emmet. Nach Protesten wurde eine UMTS-Aufrüstung auf dem Kreisspital Muri sistiert und eine UMTS-Erweiterung in Sarmenstorf nach 315 Einsprachen und einer Petition durch die Swisscom zurückgezogen. (sv)
martin joho, Kanton
«Denken Sie daran, dass Sie von Kopf bis Fuss permanent in Strahlenwolken eingehüllt sind.»
Sonja Bierenhart, Forum
«Der erlebbare Nutzen steht den gesundheitlichen Bedenken gegen über.»
Felicitas Siebert, Kanton
«Mobiltelefonie untersteht dem Fernmeldegesetz und ist darum Bundessache.»