von The Future's black » 3. Februar 2005 14:17
© Tages-Anzeiger; 02.02.2005; Seite 40
Wissen
Es droht eine Aufweichung des Strahlenschutzes
Schweizer Fachleute und Behörden lehnen Änderungen im Strahlenschutz ab, welche die internationale Strahlenschutzkommission ICRP vorschlägt.
Von Felix Maise
Die vorgelegte Empfehlung würde die Situation weder klären noch die bestehenden Konzepte vereinfachen, «sie stellt eher eine Verschlechterung als eine Verbesserung des Strahlenschutzes dar». Zu diesem Fazit kommen die Schweizer Strahlenschutzbehörden und die Eidgenössische Kommission für Strahlenschutz und Überwachung der Radioaktivität (KSR) nach der Prüfung der Revisionsvorschläge, welche die Internationale Fachkommission ICRP den nationalen Fachgremien und -behörden unterbreitete.
«Die neuen Vorschläge bringen keinen ersichtlichen Gewinn. Sie verwirren höchstens die Behörden», sagt dazu KSR-Präsident André Herrmann, Chef des basel-städtischen Kantonslabors. «Wir schlagen der ICRP deshalb einhellig vor, auf die Publikation ihrer Empfehlungen in der vorliegenden Form zu verzichten.»
Das war auch der Tenor eines Workshops der KSR Ende letzter Woche in Bern zum Strahlenrisiko. «Auch die direkt betroffenen Strahlenschutzverantwortlichen der Industrie und der Medizin, die daran teilnahmen, unterstützten uns in unserer Haltung», sagt Herrmann.
Die ICRP ist das höchste internationale Strahlenschutz-Fachgremium. Sie ist privat organisiert und steht mit der Internationalen Atom-Energie-Agentur (IAEA) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in engem Kontakt. In regelmässigen Abständen gibt sie ihre Empfehlungen zum Strahlenschutz heraus, letztmals 1990. Die meisten nationalen Behörden übernehmen diese Empfehlungen jeweils in ihre Gesetzgebung. Die Schweiz ist dabei ein Musterschüler: Während andere Länder mit der Anpassung jahrelang zuwarteten, setzte sie die ICRP-Richtlinien als Erste um. Umso mehr wiegt jetzt die ablehnende Schweizer Stellungnahme zu den neusten ICRP-Vorschlägen.
Zwei strittige Punkte
Vor allem zwei zentrale Punkte der neuen Empfehlungen sind umstritten. Zum einen relativieren die internationalen Experten das genetische Risiko radioaktiver Strahlung. Daneben schlagen sie eine Aufhebung des so genannten Kollektivdosiskonzepts vor. Dieses gibt bisher für genau umschriebene Personengruppen eine maximale Strahlendosis vor. Am Beispiel des AKW Mühleberg dürfen das inklusive der Jahresrevision des Reaktors 4 Personensievert (das heisst Anzahl Beschäftigte multipliziert mit der durchschnittlich erhaltenen Personendosis in Sievert) pro Jahr sein. Mit der Aufhebung der Dosislimite würden die Überwachungsbehörden ein Instrument verlieren, um bei unerwünschten Entwicklungen eingreifen zu können.
Die einseitige Kritik an der Kollektivdosis sei «unangebracht», schreibt die KSR deshalb in ihrem Kommentar. Wenn es auf eine klar begrenzte Bevölkerungsgruppe angewendet wird, sei das Konzept «nach wie vor ein wirksames Instrument.»
Als noch heikler sehen die Schweizer Strahlenschutz-Fachleute die vorgeschlagene Reduktion des genetischen Risikos radioaktiver Strahlung an. Die Änderung zur Berechnung dieses Risikos, bei der neu nur noch Auswirkungen auf zwei Generationen berücksichtigt würden, sei «ziemlich willkürlich» und fördere die Verunsicherung. «Wird das genetische Risiko als viermal schwächer eingestuft, als wir es bis heute erlaubt haben, so bedarf dies einer umfassenden Begründung», so der kritische Kommentar aus der Schweiz.
Schliesslich vermissen die Schweizer Fachleute auch gut begründete Empfehlungen zum umstrittenen Thema der Niedrigdosen. ICRP-Chef Lars-Erik Holm, der sich am Berner Workshop mit der Schweizer Kritik konfrontiert sah, versprach zwar, bisher fehlende Dokumente über die Grundlagen für die Revisionsvorschläge nachzuliefern. «Unsere grundsätzliche Position wird das aber nicht mehr ändern», sagt Herrmann.
Freude an dieser klaren Haltung der KSR haben die atomkritischen Schweizer Ärzte für soziale Verantwortung PSR/IPPNW, die vor dem Berner Workshop bereits Alarm schlugen und den Strahlenschutz in der Schweiz in Gefahr sahen. Hinter den Revisionsvorschlägen der ICRP vermutet Vorstandsmitglied Martin Walter, Arzt und Strahlenschutz-Fachmann in Grenchen, vorab wirtschaftliche Überlegungen. «Ist die Kollektivdosislimite weg, können die AKW-Betreiber ihre Strahlenprobleme leichter managen», so Walter. Unzufrieden ist er wie seine Kollegen nach wie vor beim Thema der Niedrigdosen. «Hier verharmlost die ICRP das Risiko seit Jahren», ist er überzeugt.
© Tages-Anzeiger; 02.02.2005; Seite 40
Wissen
Es droht eine Aufweichung des Strahlenschutzes
Schweizer Fachleute und Behörden lehnen Änderungen im Strahlenschutz ab, welche die internationale Strahlenschutzkommission ICRP vorschlägt.
Von Felix Maise
Die vorgelegte Empfehlung würde die Situation weder klären noch die bestehenden Konzepte vereinfachen, «sie stellt eher eine Verschlechterung als eine Verbesserung des Strahlenschutzes dar». Zu diesem Fazit kommen die Schweizer Strahlenschutzbehörden und die Eidgenössische Kommission für Strahlenschutz und Überwachung der Radioaktivität (KSR) nach der Prüfung der Revisionsvorschläge, welche die Internationale Fachkommission ICRP den nationalen Fachgremien und -behörden unterbreitete.
«Die neuen Vorschläge bringen keinen ersichtlichen Gewinn. Sie verwirren höchstens die Behörden», sagt dazu KSR-Präsident André Herrmann, Chef des basel-städtischen Kantonslabors. «Wir schlagen der ICRP deshalb einhellig vor, auf die Publikation ihrer Empfehlungen in der vorliegenden Form zu verzichten.»
Das war auch der Tenor eines Workshops der KSR Ende letzter Woche in Bern zum Strahlenrisiko. «Auch die direkt betroffenen Strahlenschutzverantwortlichen der Industrie und der Medizin, die daran teilnahmen, unterstützten uns in unserer Haltung», sagt Herrmann.
Die ICRP ist das höchste internationale Strahlenschutz-Fachgremium. Sie ist privat organisiert und steht mit der Internationalen Atom-Energie-Agentur (IAEA) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in engem Kontakt. In regelmässigen Abständen gibt sie ihre Empfehlungen zum Strahlenschutz heraus, letztmals 1990. Die meisten nationalen Behörden übernehmen diese Empfehlungen jeweils in ihre Gesetzgebung. Die Schweiz ist dabei ein Musterschüler: Während andere Länder mit der Anpassung jahrelang zuwarteten, setzte sie die ICRP-Richtlinien als Erste um. Umso mehr wiegt jetzt die ablehnende Schweizer Stellungnahme zu den neusten ICRP-Vorschlägen.
Zwei strittige Punkte
Vor allem zwei zentrale Punkte der neuen Empfehlungen sind umstritten. Zum einen relativieren die internationalen Experten das genetische Risiko radioaktiver Strahlung. Daneben schlagen sie eine Aufhebung des so genannten Kollektivdosiskonzepts vor. Dieses gibt bisher für genau umschriebene Personengruppen eine maximale Strahlendosis vor. Am Beispiel des AKW Mühleberg dürfen das inklusive der Jahresrevision des Reaktors 4 Personensievert (das heisst Anzahl Beschäftigte multipliziert mit der durchschnittlich erhaltenen Personendosis in Sievert) pro Jahr sein. Mit der Aufhebung der Dosislimite würden die Überwachungsbehörden ein Instrument verlieren, um bei unerwünschten Entwicklungen eingreifen zu können.
Die einseitige Kritik an der Kollektivdosis sei «unangebracht», schreibt die KSR deshalb in ihrem Kommentar. Wenn es auf eine klar begrenzte Bevölkerungsgruppe angewendet wird, sei das Konzept «nach wie vor ein wirksames Instrument.»
Als noch heikler sehen die Schweizer Strahlenschutz-Fachleute die vorgeschlagene Reduktion des genetischen Risikos radioaktiver Strahlung an. Die Änderung zur Berechnung dieses Risikos, bei der neu nur noch Auswirkungen auf zwei Generationen berücksichtigt würden, sei «ziemlich willkürlich» und fördere die Verunsicherung. «Wird das genetische Risiko als viermal schwächer eingestuft, als wir es bis heute erlaubt haben, so bedarf dies einer umfassenden Begründung», so der kritische Kommentar aus der Schweiz.
Schliesslich vermissen die Schweizer Fachleute auch gut begründete Empfehlungen zum umstrittenen Thema der Niedrigdosen. ICRP-Chef Lars-Erik Holm, der sich am Berner Workshop mit der Schweizer Kritik konfrontiert sah, versprach zwar, bisher fehlende Dokumente über die Grundlagen für die Revisionsvorschläge nachzuliefern. «Unsere grundsätzliche Position wird das aber nicht mehr ändern», sagt Herrmann.
Freude an dieser klaren Haltung der KSR haben die atomkritischen Schweizer Ärzte für soziale Verantwortung PSR/IPPNW, die vor dem Berner Workshop bereits Alarm schlugen und den Strahlenschutz in der Schweiz in Gefahr sahen. Hinter den Revisionsvorschlägen der ICRP vermutet Vorstandsmitglied Martin Walter, Arzt und Strahlenschutz-Fachmann in Grenchen, vorab wirtschaftliche Überlegungen. «Ist die Kollektivdosislimite weg, können die AKW-Betreiber ihre Strahlenprobleme leichter managen», so Walter. Unzufrieden ist er wie seine Kollegen nach wie vor beim Thema der Niedrigdosen. «Hier verharmlost die ICRP das Risiko seit Jahren», ist er überzeugt.