von The Future's black » 25. Juli 2005 12:32
© Die Südostschweiz; 21.07.2005
Region Graubünden
Ausgabe Graubünden
Elektrosmog: Wie «grün» ist das Greenconnector-Projekt?
Am Vorhaben für einen Stromtransport in der Oleodotto-del-Reno-Ölleitung scheiden sich die Geister. Kritiker warnen vor Elektrosmog und einer Minderung der Lebensqualität; die Initianten loben ihr Projekt als besonders problemlos.
· von Jano Felice Pajarola
Greenconnector – der Name will offensichtlich Programm sein. Der «grüne Stecker» der gleichnamigen Firma soll ab 2008 Energie ins stromhungrige Italien liefern, genauer: von der nationalen Stromdrehscheibe bei Sils im Domleschg nach Verderio. Der Stromtransport würde auf Schweizer Seite bekanntlich unterirdisch in den stillgelegten Rohren der Oleodotto del Reno SA erfolgen. In einer Konverterstation bei Thusis oder Cazis – der Standort ist noch offen – würde der Wechselstrom aus Sils für die Fernleitung in Gleichstrom umgewandelt. In Italien könnte der Strom aus der Schweiz den jährlichen Kohlendioxid-Ausstoss der Gaskraftwerke um bis zu 2900 Tonnen reduzieren. Doch wie «grün» ist Greenconnector tatsächlich? Kann man dem Namen vertrauen?
Vagabundierende Ströme?
Nein, meinen Kritiker des Projekts. Zum Beispiel Markus Durrer, Elektrobiologe und Präsident der Interessengemeinschaft Stopp Elektrosmog. Ihm ist das Vorhaben ein Dorn im Auge: Er befürchtet, dass die Hochspannungsleitungen im Domleschg wegen der erhöhten Zuleitung von Strom via Sils in die Greenconnector-Leitung noch stärker belastet werden als heute schon. Ausserdem rechnet er mit so genannten vagabundierenden Strömen in der Nähe des unterirdischen Kabels: «Der Strom sucht sich den Weg des geringsten elektrischen Widerstands», meint Durrer – und weil die Rückleitung des Gleichstroms bei Greenconnector über das Erdreich statt über ein zweites Kabel erfolgen solle, werde genau das geschehen. Der Strom könne über Häuser abgeleitet werden oder Magnetfelder erzeugen.
Eine weitere Kritik Durrers: Nicht «grüner» Strom aus Bündner Wasserkraft werde Greenconnector nach Italien transportieren, sondern vor allem Atomstrom aus dem Unter- und Ausland. «Der zunehmende Strom-Alpentransit bedeutet eine Minderung unserer Lebensqualität», ist Durrer grundsätzlich überzeugt; er bedrohe einerseits die Gesundheit der Menschen und verschandle andererseits die Landschaft, die in Graubünden von grosser wirtschaftlicher Bedeutung sei.
Mitten auf der grünen Wiese
Bei Greenconnector ist die Konverterstation so ein Fall: Sie benötigt ungefähr 35 000 Quadratmeter Land und wird nicht zu übersehen sein. Ausserdem muss sie in einer gewissen Distanz zu ständig bewohnten Siedlungen errichtet werden – sowohl in Thusis als auch in Cazis käme sie deshalb mitten auf die grüne Wiese zu stehen, in Thusis neben der Schiessanlage Rheinau, in Cazis beim Stall der Bürgergemeinde unweit von St. Martin. Und weil sie zum einen Teil aus Wechselstromanlagen besteht, gibt es dort in einem Radius von fünf bis zehn Metern um die Station herum auch Magnetfelder, wie Franco Quinter, regionaler Projektleiter bei Greenconnector, bestätigt. Dieser Bereich werde jedoch abgezäunt. Laut Geschäftsführer Claudio Gianotti ist zudem auf der Wechselstromseite der Anlage bis in eine Distanz von «einigen zehn Metern» ein permanenter Aufenthalt – zum Beispiel eine Wohnnutzung – nicht erlaubt.
Störfeld «vernachlässigbar»
Trotzdem sind Gianotti und Quinter mit den Befürchtungen Durrers nicht einverstanden. Ihre Gleichung ist simpel: Mit Gleichstrom, wie er in den übrigen Teilen der Konverterstation und in der Fernleitung vorkomme, gebe es praktisch keinen Elektrosmog, beteuern sie. «Das kann man mit bestem Gewissen und mit wissenschaftlicher Begründung sagen», meint Quinter. Tatsächlich bestätigt das Hans-Jürg Weber, technischer Mitarbeiter des Hochspannungslabors der ETH Zürich, auf Nachfrage der «Südostschweiz»: Zwar sei es falsch zu sagen, Gleichstrom habe keine Abstrahlung; er erzeuge sehr wohl ein Störfeld. Doch sei dieses im Vergleich zum sowieso vorhandenen Erdmagnetfeld vernachlässigbar.
Auch den Vorwurf einer unkontrollierbaren Rückleitung des Stroms via Erdreich stellt Gianotti in Abrede. «Die Rückströme werden einen gebundenen Weg haben, da wir mit zwei Kabeln arbeiten.» Und bei der Konverterstation werde Greenconnector die gesetzlichen Grenzwerte in allen Bereichen weit unterschreiten. Die Kapazität der Stromleitungen im Domleschg müsse zudem nicht erhöht werden.
Ein Drittel auf Bündner Seite
Quinter betont dafür die wirtschaftliche Bedeutung des Projekts: Von den geschätzten Investitionen von 450 Millionen Franken werde rund ein Drittel auf Bündner Seite verbaut, rechnet er vor; 90 bis 100 Millionen Franken werde allein die Konverterstation kosten. Neben diesen einmaligen Investitionen müsse man aber auch den Steuerertrag für die Strandortgemeinde bedenken. Arbeitsplätze jedoch wird es auf den 35 000 Quadratmetern nur fünf bis sieben geben: das Überwachungspersonal für die vollautomatische Umwandlungsanlage.
© Die Südostschweiz; 21.07.2005
Region Graubünden
Ausgabe Graubünden
Elektrosmog: Wie «grün» ist das Greenconnector-Projekt?
Am Vorhaben für einen Stromtransport in der Oleodotto-del-Reno-Ölleitung scheiden sich die Geister. Kritiker warnen vor Elektrosmog und einer Minderung der Lebensqualität; die Initianten loben ihr Projekt als besonders problemlos.
· von Jano Felice Pajarola
Greenconnector – der Name will offensichtlich Programm sein. Der «grüne Stecker» der gleichnamigen Firma soll ab 2008 Energie ins stromhungrige Italien liefern, genauer: von der nationalen Stromdrehscheibe bei Sils im Domleschg nach Verderio. Der Stromtransport würde auf Schweizer Seite bekanntlich unterirdisch in den stillgelegten Rohren der Oleodotto del Reno SA erfolgen. In einer Konverterstation bei Thusis oder Cazis – der Standort ist noch offen – würde der Wechselstrom aus Sils für die Fernleitung in Gleichstrom umgewandelt. In Italien könnte der Strom aus der Schweiz den jährlichen Kohlendioxid-Ausstoss der Gaskraftwerke um bis zu 2900 Tonnen reduzieren. Doch wie «grün» ist Greenconnector tatsächlich? Kann man dem Namen vertrauen?
Vagabundierende Ströme?
Nein, meinen Kritiker des Projekts. Zum Beispiel Markus Durrer, Elektrobiologe und Präsident der Interessengemeinschaft Stopp Elektrosmog. Ihm ist das Vorhaben ein Dorn im Auge: Er befürchtet, dass die Hochspannungsleitungen im Domleschg wegen der erhöhten Zuleitung von Strom via Sils in die Greenconnector-Leitung noch stärker belastet werden als heute schon. Ausserdem rechnet er mit so genannten vagabundierenden Strömen in der Nähe des unterirdischen Kabels: «Der Strom sucht sich den Weg des geringsten elektrischen Widerstands», meint Durrer – und weil die Rückleitung des Gleichstroms bei Greenconnector über das Erdreich statt über ein zweites Kabel erfolgen solle, werde genau das geschehen. Der Strom könne über Häuser abgeleitet werden oder Magnetfelder erzeugen.
Eine weitere Kritik Durrers: Nicht «grüner» Strom aus Bündner Wasserkraft werde Greenconnector nach Italien transportieren, sondern vor allem Atomstrom aus dem Unter- und Ausland. «Der zunehmende Strom-Alpentransit bedeutet eine Minderung unserer Lebensqualität», ist Durrer grundsätzlich überzeugt; er bedrohe einerseits die Gesundheit der Menschen und verschandle andererseits die Landschaft, die in Graubünden von grosser wirtschaftlicher Bedeutung sei.
Mitten auf der grünen Wiese
Bei Greenconnector ist die Konverterstation so ein Fall: Sie benötigt ungefähr 35 000 Quadratmeter Land und wird nicht zu übersehen sein. Ausserdem muss sie in einer gewissen Distanz zu ständig bewohnten Siedlungen errichtet werden – sowohl in Thusis als auch in Cazis käme sie deshalb mitten auf die grüne Wiese zu stehen, in Thusis neben der Schiessanlage Rheinau, in Cazis beim Stall der Bürgergemeinde unweit von St. Martin. Und weil sie zum einen Teil aus Wechselstromanlagen besteht, gibt es dort in einem Radius von fünf bis zehn Metern um die Station herum auch Magnetfelder, wie Franco Quinter, regionaler Projektleiter bei Greenconnector, bestätigt. Dieser Bereich werde jedoch abgezäunt. Laut Geschäftsführer Claudio Gianotti ist zudem auf der Wechselstromseite der Anlage bis in eine Distanz von «einigen zehn Metern» ein permanenter Aufenthalt – zum Beispiel eine Wohnnutzung – nicht erlaubt.
Störfeld «vernachlässigbar»
Trotzdem sind Gianotti und Quinter mit den Befürchtungen Durrers nicht einverstanden. Ihre Gleichung ist simpel: Mit Gleichstrom, wie er in den übrigen Teilen der Konverterstation und in der Fernleitung vorkomme, gebe es praktisch keinen Elektrosmog, beteuern sie. «Das kann man mit bestem Gewissen und mit wissenschaftlicher Begründung sagen», meint Quinter. Tatsächlich bestätigt das Hans-Jürg Weber, technischer Mitarbeiter des Hochspannungslabors der ETH Zürich, auf Nachfrage der «Südostschweiz»: Zwar sei es falsch zu sagen, Gleichstrom habe keine Abstrahlung; er erzeuge sehr wohl ein Störfeld. Doch sei dieses im Vergleich zum sowieso vorhandenen Erdmagnetfeld vernachlässigbar.
Auch den Vorwurf einer unkontrollierbaren Rückleitung des Stroms via Erdreich stellt Gianotti in Abrede. «Die Rückströme werden einen gebundenen Weg haben, da wir mit zwei Kabeln arbeiten.» Und bei der Konverterstation werde Greenconnector die gesetzlichen Grenzwerte in allen Bereichen weit unterschreiten. Die Kapazität der Stromleitungen im Domleschg müsse zudem nicht erhöht werden.
Ein Drittel auf Bündner Seite
Quinter betont dafür die wirtschaftliche Bedeutung des Projekts: Von den geschätzten Investitionen von 450 Millionen Franken werde rund ein Drittel auf Bündner Seite verbaut, rechnet er vor; 90 bis 100 Millionen Franken werde allein die Konverterstation kosten. Neben diesen einmaligen Investitionen müsse man aber auch den Steuerertrag für die Strandortgemeinde bedenken. Arbeitsplätze jedoch wird es auf den 35 000 Quadratmetern nur fünf bis sieben geben: das Überwachungspersonal für die vollautomatische Umwandlungsanlage.