von The Future's black » 4. September 2005 19:01
© Tages-Anzeiger; 03.09.2005; Seite 13
Zürich
Warnung vor Schnurlos-Telefonen
An einer Fachtagung an der ETH wurde die Forderung gestellt, die Leistung von Handy- Antennen ums 100fache zu reduzieren und auf Schnurlos-Telefone zu verzichten.
Von Ruedi Baumann
Zürich. - Die Angst vor Erkrankungen wegen hochfrequenter elektromagnetischer Wellen muss von den Behörden ernst genommen werden. Zu diesem Schluss kamen gestern die 250 Teilnehmer an einer internationalen Fachtagung zum Thema «Gesundheit und Mobilfunk». Die Hälfte der Teilnehmer waren Vertreter von Gemeinden und Kantonen. «In den Gemeinden spüren die Behörden die Angst der Bevölkerung, weil sie sich mit den Baugesuchen für Antennen herumschlagen müssen», sagte die grüne Nationalrätin Pia Hollenstein (St. Gallen). In National- und Ständerat sei der Druck aber noch viel zu klein.
Es dürfe nicht sein, dass die Mobilfunkindustrie ein riesiges «Feldexperiment» mit Millionen von Leuten durchführe, sagte Guido Huwiler, Baubiologe und Kopräsident der organisierenden Interessengemeinschaft Baubiologie (SIB). Nach Ansicht des österreichischen Arztes und Forschers Gerd Oberfeld entwickelt sich die Mobilfunktechnik heute in eine verkehrte Richtung. Antennen und Sendeleistungen würden im Zusammenhang mit dem neuen UMTS-Standard darauf ausgelegt, «dass man sogar in der Tiefgarage auf dem Telefon Fernsehempfang hat».
Gemäss Huwiler werden 70 Prozent aller Handygespräche in Gebäuden geführt. Immer mehr Leute benutzen auch im Haus oder im Büro ihr Mobiltelefon, weil sie ihre Nummern gespeichert haben. Die Telefonanbieter würden diese Bequemlichkeit nutzen - zumal sie so auch mehr verdienen - und ihre Antennen auf maximale Sendeleistung stellen, um bis in den Keller hinunter Empfang zu haben. Im Namen der SIB forderte Huwiler eine Reduktion der Sendeleistung ums 100fache.
Die gefährlichen Antennen zu Hause
Aus Bequemlichkeit haben heute immer mehr Haushalte Schnurlos-Telefone. Diese sind bereits ab 50 Franken erhältlich. Die allermeisten dieser Funktelefone funktionieren nach dem DECT-Standard. Das ist eine digitale, gepulste Mikrowelle, die im Haus meistens stärker ist als Signale von Handyantennen. Das Heimtückische an diesen Telefonen: Die Basisstation sendet 24 Stunden im Tag. Es sind erst vereinzelte Modelle auf dem Markt, die abschalten, sobald der Hörer auf die Basisstation zurückgestellt wird. Zum Problem werden gemäss Huwiler auch drahtlose Computernetzwerke, die ebenfalls im Hochfrequenzbereich arbeiten. Heute hat fast jeder Laptop ein eingebautes Wireless-Sendeteil. Auch ohne WLAN im Haus suche das Gerät pausenlos einen Sender. Abhilfe schaffe eine Änderung der Grundeinstellung.
Ein sehr emotionales Thema konnte an der Tagung nur andiskutiert werden: Gesundheitsgefährdungen durch elektromagnetische Mikrowellen. Von Ärzten und Naturwissenschaftlern wurden zahlreiche Studien vorgestellt, die beim Menschen Beschwerden nachweisen konnten: Herzstörungen, Kopfschmerzen, quengelnde Kinder, Schlafstörungen, Konzentrationsmangel, Bluthochdruck, Augenreizungen, Sehstörungen, Ohrenrauschen und Blutbildveränderungen bis hin zu Krebs und Hirntumoren.
Am eindrücklichsten war der 42-jährige deutsche Physiker und promovierte Elektrotechniker Volker Schorpp, der bis Ende der 90er-Jahre vor Gesundheit und Unternehmungslust nur so strotzte. Die Verbreitung des Mobilfunks änderte sein Leben dramatisch; er litt an allen möglichen körperlichen und psychischen Gebresten. Erst in den Ferien an einem abgeschiedenen Strand ohne Funkwellen gesundete er in wenigen Wochen. Heute lebt er in einem abgeschiedenen, strahlenarmen Naturschutzgebiet im Zelt.
Handyempfang im Mikrowellenofen
Mit eigenen Experimenten belegte Schorpp anschaulich, dass die Antennenstrahlung meistens viel zu stark ist: In seinem Haus hat ein Handy sogar im geschlossenen und hochisolierten Mikrowellenherd noch Empfang. Und auch in der Badewanne empfängt es bis 18 Zentimeter unter Wasser. Schorpp forderte unter Applaus für strahlensensible Menschen ein Gebiet von mehreren 100 Quadratkilometern, möglichst von einem Gebirge umgeben, mit einer garantierten «Hochfrequenz-Versorgungslücke».
Die Auswirkung des Mobilfunks auf die Gesundheit sei eine hochkomplexe Angelegenheit, sagte Gregor Dürrenberger von der Forschungsstiftung Mobilkommunikation am ETH-Zentrum Zürich. Die grosse Mehrheit der Fachorganisationen bewerte heute die gesundheitlichen Risiken als «eher gering». Der Beweis der Unschädlichkeit allerdings sei umgekehrt nicht möglich. Solange die Unschädlichkeit der Funkwellen nicht bewiesen sei, forderte Pia Hollenstein, müssten die Gesundheitsbehörden endlich aktiv werden.
© Tages-Anzeiger; 03.09.2005; Seite 13
Zürich
Warnung vor Schnurlos-Telefonen
An einer Fachtagung an der ETH wurde die Forderung gestellt, die Leistung von Handy- Antennen ums 100fache zu reduzieren und auf Schnurlos-Telefone zu verzichten.
Von Ruedi Baumann
Zürich. - Die Angst vor Erkrankungen wegen hochfrequenter elektromagnetischer Wellen muss von den Behörden ernst genommen werden. Zu diesem Schluss kamen gestern die 250 Teilnehmer an einer internationalen Fachtagung zum Thema «Gesundheit und Mobilfunk». Die Hälfte der Teilnehmer waren Vertreter von Gemeinden und Kantonen. «In den Gemeinden spüren die Behörden die Angst der Bevölkerung, weil sie sich mit den Baugesuchen für Antennen herumschlagen müssen», sagte die grüne Nationalrätin Pia Hollenstein (St. Gallen). In National- und Ständerat sei der Druck aber noch viel zu klein.
Es dürfe nicht sein, dass die Mobilfunkindustrie ein riesiges «Feldexperiment» mit Millionen von Leuten durchführe, sagte Guido Huwiler, Baubiologe und Kopräsident der organisierenden Interessengemeinschaft Baubiologie (SIB). Nach Ansicht des österreichischen Arztes und Forschers Gerd Oberfeld entwickelt sich die Mobilfunktechnik heute in eine verkehrte Richtung. Antennen und Sendeleistungen würden im Zusammenhang mit dem neuen UMTS-Standard darauf ausgelegt, «dass man sogar in der Tiefgarage auf dem Telefon Fernsehempfang hat».
Gemäss Huwiler werden 70 Prozent aller Handygespräche in Gebäuden geführt. Immer mehr Leute benutzen auch im Haus oder im Büro ihr Mobiltelefon, weil sie ihre Nummern gespeichert haben. Die Telefonanbieter würden diese Bequemlichkeit nutzen - zumal sie so auch mehr verdienen - und ihre Antennen auf maximale Sendeleistung stellen, um bis in den Keller hinunter Empfang zu haben. Im Namen der SIB forderte Huwiler eine Reduktion der Sendeleistung ums 100fache.
Die gefährlichen Antennen zu Hause
Aus Bequemlichkeit haben heute immer mehr Haushalte Schnurlos-Telefone. Diese sind bereits ab 50 Franken erhältlich. Die allermeisten dieser Funktelefone funktionieren nach dem DECT-Standard. Das ist eine digitale, gepulste Mikrowelle, die im Haus meistens stärker ist als Signale von Handyantennen. Das Heimtückische an diesen Telefonen: Die Basisstation sendet 24 Stunden im Tag. Es sind erst vereinzelte Modelle auf dem Markt, die abschalten, sobald der Hörer auf die Basisstation zurückgestellt wird. Zum Problem werden gemäss Huwiler auch drahtlose Computernetzwerke, die ebenfalls im Hochfrequenzbereich arbeiten. Heute hat fast jeder Laptop ein eingebautes Wireless-Sendeteil. Auch ohne WLAN im Haus suche das Gerät pausenlos einen Sender. Abhilfe schaffe eine Änderung der Grundeinstellung.
Ein sehr emotionales Thema konnte an der Tagung nur andiskutiert werden: Gesundheitsgefährdungen durch elektromagnetische Mikrowellen. Von Ärzten und Naturwissenschaftlern wurden zahlreiche Studien vorgestellt, die beim Menschen Beschwerden nachweisen konnten: Herzstörungen, Kopfschmerzen, quengelnde Kinder, Schlafstörungen, Konzentrationsmangel, Bluthochdruck, Augenreizungen, Sehstörungen, Ohrenrauschen und Blutbildveränderungen bis hin zu Krebs und Hirntumoren.
Am eindrücklichsten war der 42-jährige deutsche Physiker und promovierte Elektrotechniker Volker Schorpp, der bis Ende der 90er-Jahre vor Gesundheit und Unternehmungslust nur so strotzte. Die Verbreitung des Mobilfunks änderte sein Leben dramatisch; er litt an allen möglichen körperlichen und psychischen Gebresten. Erst in den Ferien an einem abgeschiedenen Strand ohne Funkwellen gesundete er in wenigen Wochen. Heute lebt er in einem abgeschiedenen, strahlenarmen Naturschutzgebiet im Zelt.
Handyempfang im Mikrowellenofen
Mit eigenen Experimenten belegte Schorpp anschaulich, dass die Antennenstrahlung meistens viel zu stark ist: In seinem Haus hat ein Handy sogar im geschlossenen und hochisolierten Mikrowellenherd noch Empfang. Und auch in der Badewanne empfängt es bis 18 Zentimeter unter Wasser. Schorpp forderte unter Applaus für strahlensensible Menschen ein Gebiet von mehreren 100 Quadratkilometern, möglichst von einem Gebirge umgeben, mit einer garantierten «Hochfrequenz-Versorgungslücke».
Die Auswirkung des Mobilfunks auf die Gesundheit sei eine hochkomplexe Angelegenheit, sagte Gregor Dürrenberger von der Forschungsstiftung Mobilkommunikation am ETH-Zentrum Zürich. Die grosse Mehrheit der Fachorganisationen bewerte heute die gesundheitlichen Risiken als «eher gering». Der Beweis der Unschädlichkeit allerdings sei umgekehrt nicht möglich. Solange die Unschädlichkeit der Funkwellen nicht bewiesen sei, forderte Pia Hollenstein, müssten die Gesundheitsbehörden endlich aktiv werden.