von The Future's Black » 10. März 2005 12:20
© HandelsZeitung; 09.03.2005; Seite 54; Nummer 10
Telecom
Das Festnetz kann einpacken
Mobilkommunikation · Mitte März wird Vodafone als erster Mobilkommunikationskonzern einen kompletten Ersatz für das Festnetz bringen, und zwar auch für die Breitbandanschlüsse.
Matthias Niklowitz
Wenn an einer grossen Veranstaltung wie der 3GSM-Konferenz in Cannes eine Demo-Installation problemlos läuft, ist sie möglicherweise getürkt - so lautet eine der ganz wenigen zuverlässigen Regeln in der Technologiebranche.
Während konventionelle GSM-Anrufe aufgrund der Netzüberlastung am wichtigsten Branchenanlass weltweit oft gar nicht zu Stande kamen, sich Nokia als allerletztes Unternehmen der Macht der Netzbetreiber beugt und das Modell 6102 für einen bestimmten Operator (China Mobile) vorstellt, zeigte eine Reihe von Herstellern das jüngste Zauberwort in der Industrie: HSDPA (High Speed Downlink Packet Access) bildet eine Ausweitung der Übertragungsgeschwindigkeit von UMTS-Netzen und wird vielfach, weil es ähnlich wie der Schritt von GSM zu GRPS vor allem ein Software-Update ist, als «3,5 G» bezeichnet. Auf dem Papier soll die Downstream-Geschwindigkeit von 384 Kilobit pro Sekunde (Kbps) bei UMTS bis auf 14 Mbps ausgeweitet werden können.
Wieder mal Mangel an Endgeräten
Nortel und Orange präsentierten gemeinsam eine Lösung, die im kommenden Jahr in Frankreich gestartet werden soll. Auf der Basis einer Datenübermittlungskarte von Sierra Wireless und einem Chipset von Qualcomm wurden Bilder über HSDPA mit einer Kapazität von über 1 Mbps übertragen, ausreichend für ein leicht körniges, aber akzeptables Bild auf einem Demo-Notebook. Allerdings ist der Weg bis zur Serienreife umgekehrt proportional zur Distanz zwischen Test-Sender und -Empfänger - die standen nur einige Zentimeter auseinander. Grössere Demo-Distanzen im Meter-Bereich gab es auf dem Siemens-Schiff, am Stand von Ericsson und auf der Motorola-Jacht.
Netzbetreiber wie O2 aus Grossbritannien peilen in einer ersten Phase Übertragungsraten um 500 Kbps an. NTT DoCoMo, mit «Foma» in Japan der grösste Netzbetreiber mit einem bereits seit drei Jahren funktionierenden 3G-Netz, plant ebenfalls einen Start für 2006. Und laut Christoph Caselitz, Chef der Siemens-Mobil-Netzwerksparte, wird Cingular in den USA HSDPA Ende 2005 breit einführen. Das grösste Hindernis ist vorläufig der Mangel an Endgeräten und Datenkarten.
Auch deshalb wird Vodafone an der CeBIT in einigen Tagen den Festnetz-Ersatz «Zuhause» noch auf der Basis von UMTS vorstellen, mmO2 arbeitet an vergleichbaren Modellen. Das Vodafone-Angebot richtet sich an Privathaushalte; Herzstück bildet eine kleine Box, an die bereits vorhandene Festnetzgeräte, PC und Laptops einfach angeschlossen werden können. Parallel zu Telefongesprächen kann dann mit bis zu 384 Kbps gesurft werden - dem Mehrfachen ei- ner Analogmodemgeschwindigkeit, aber lediglich der Hälfte gegenwärtiger ADSL-Tempi. Das Angebot zielt auf Festnetz-Kunden, die ihren Anschluss allenfalls noch für Datenkommunikation verwenden und sonst nur noch mobil telefonieren.
«Durch den Ausbau der 3G-Netzwerke ist viel Bandbreite vorhanden», sagt Herbert Mittermayr, bei Alcatel Direktor im strategischen und operativen Marketing. «Viele Mobil-Operatoren haben dadurch den Anreiz, neue Dienste anzubieten, teilweise auch in Konkurrenz zu Festnetz-Diensten.» Denn das Rington-Geschäft ist an ihnen praktisch vorbeigegangen, als reine Datentransporteure konnten sie sich lediglich eine kleine Kommission vom Umsatz sichern. «Jetzt versuchen sie auch, zusätzlich Content zu liefern, der durch Personalisierung angereichert werden kann und somit attraktiver für den End-User wird.»
So sind viele Konsumenten mit den bestehenden Fernsehangeboten unzufrieden, und das nutzen Netzbetreiber, die die Profile ihrer Kunden kennen. Damit können laut Mittermayr beispielsweise Netzbetreiber News oder auch Soaps in kurzen Sequenzen als «triggered TV» einzeln übertragen und individualisiert für jeden einzelnen Kunden anbieten. Auch Caselitz erwartet, dass viele Dienste mobil und über Netze mit hoher Datenübertragungsrate transportiert werden.
Anstelle des Bundling um eine Festnetz-Leitung (für Telefon, Internet sowie Datendienste) und der Ergänzung um ein separates Mobilkommunikationsabonnement tritt bei Vodafone der Mobilanschluss ins Zentrum - und die Datendienste um diesen gebündelt.
Eine andere Strategie fährt Orange in Frankreich. Edge soll hier die breite Abdeckung sichern und Fernseh- und Videodienste ermöglichen, aber das Festnetz-Datengeschäft, bei der Konzernmutter France Télécom je nach Kundentyp entweder direkt, bei Wanadoo oder Equant betreut, keinesfalls konkurrenziert werden.
Auch bei Swisscom hütet man sich davor, die in Cannes neu vorgestellte Datenkarte als Ersatz zum Festnetz zu positionieren - obwohl bereits mit dem preisgekrönten Vorgänger eine solche Substitution möglich ist. Mit dem im Frühling breit aufgeschalteten Edge-Netz überbrückt die Swisscom-Karte, die mit GSM/GPRS, UMTS, WLAN und neu Edge alle drahtlosen Standards abdeckt, die Lücken zwischen den UMTS-Inseln und verbaut vor allem Sunrise und Orange, die in der Schweiz erst am Anfang ihrer UMTS-Starts stehen, den Weg ins lukrativste Kundensegment. Denn in Österreich beispielsweise verzeichnet der UMTS-Netzbetreiber «3» laut Mittermayr Durchschnittsumsätze von 60 Euro - gegenüber 35 bis 40 Euro bei den Konkurrenten.
«Nicht einmal demonstrationsfähig»
Als weitere, nur am Rande in Cannes diskutierte Technologie steht noch DVB-H im Raum. Mit diesem auch terrestrisch ausstrahlbaren Digital-Fernsehstandard lassen sich Broadcast-Übertragungs-Modelle wie etwa Pay-TV viel kostengünstiger und effizienter als mit UMTS einrichten. Erste Prototypen gleichen einer grossen Nokia-N-Gage-Hülle; Industrieanalysten erwarten eine Integration dieser Standards allenfalls für Ende 2006 in Handys. Bei der Swisscom testen die Ingenieure bereits DVB-H.
Inzwischen zeichnet sich laut einer Studie der Marktforscher von «Telecom View» WiMax als weiterer möglicher Konkurrent für 3G (inklusive HSDPA-Aufrüstung) und DSL-Festnetzanschlüsse ab, auch wenn beispielsweise Caselitz diese Technologie als «nicht einmal demonstrationsfähig» beurteilt. Bis 2009 soll diese Technologie, die eine grössere Reichweite als WiFi hat, rund 40% Marktanteile im mobilen Datenübertragungsmarkt erobern - der Rest wird auf 3G und die Nachfolger entfallen. 3G werde wichtig für mobile Dienste sein, aber sobald ein Benutzer an einem bestimmten Ort verweilt - in einer Hotellobby oder an einem Flughafen - sei WiMax die überlegene Lösung.
Bevor auch hier überhaupt an die erforderliche Hardware gedacht werden kann, sind noch einige Standardisierungsfragen zu klären. Unklar ist auch, welches Frequenzband genutzt werden soll. Zuerst werden Geräte für das lizenzierte 3,5-GHz-Band erhältlich sein, es ist attraktiv für Anbieter mit Firmenkunden, die zuverlässige Verbindungen benötigen. Alternativ dazu steht das nicht lizenzierte 5,8-GHz-Band zur Verfügung, es bringt aber Nachteile wie beschränkte Reichweite und Mobilität.
Immerhin vermeldete der kleine britische Chip-Hersteller PicoChip den zehnten Kundenvertrag für die programmierbaren Prozessoren für Basisstationen. WaveSat und Sequans haben beide erste Muster-Chipsätze an Kunden für Testzwecke abgegeben, Fujitsu hat jetzt seinen Fahrplan Richtung WiMax dargelegt, und Intel kämpft vorläufig noch mit Verzögerungen bei der Entwicklung. Nur die Qualcomm-Manager, erklärte Gegner von WiMax und Befürworter von Weiterentwicklungen des in den USA verbreiteten 3G-Standards CDMA-2000, blieben sich treu. Sie betonen bei jeder Gelegenheit, auch jetzt in Cannes, die Unreife von WiMax.
© HandelsZeitung; 09.03.2005; Seite 54; Nummer 10
Telecom
Das Festnetz kann einpacken
Mobilkommunikation · Mitte März wird Vodafone als erster Mobilkommunikationskonzern einen kompletten Ersatz für das Festnetz bringen, und zwar auch für die Breitbandanschlüsse.
Matthias Niklowitz
Wenn an einer grossen Veranstaltung wie der 3GSM-Konferenz in Cannes eine Demo-Installation problemlos läuft, ist sie möglicherweise getürkt - so lautet eine der ganz wenigen zuverlässigen Regeln in der Technologiebranche.
Während konventionelle GSM-Anrufe aufgrund der Netzüberlastung am wichtigsten Branchenanlass weltweit oft gar nicht zu Stande kamen, sich Nokia als allerletztes Unternehmen der Macht der Netzbetreiber beugt und das Modell 6102 für einen bestimmten Operator (China Mobile) vorstellt, zeigte eine Reihe von Herstellern das jüngste Zauberwort in der Industrie: HSDPA (High Speed Downlink Packet Access) bildet eine Ausweitung der Übertragungsgeschwindigkeit von UMTS-Netzen und wird vielfach, weil es ähnlich wie der Schritt von GSM zu GRPS vor allem ein Software-Update ist, als «3,5 G» bezeichnet. Auf dem Papier soll die Downstream-Geschwindigkeit von 384 Kilobit pro Sekunde (Kbps) bei UMTS bis auf 14 Mbps ausgeweitet werden können.
Wieder mal Mangel an Endgeräten
Nortel und Orange präsentierten gemeinsam eine Lösung, die im kommenden Jahr in Frankreich gestartet werden soll. Auf der Basis einer Datenübermittlungskarte von Sierra Wireless und einem Chipset von Qualcomm wurden Bilder über HSDPA mit einer Kapazität von über 1 Mbps übertragen, ausreichend für ein leicht körniges, aber akzeptables Bild auf einem Demo-Notebook. Allerdings ist der Weg bis zur Serienreife umgekehrt proportional zur Distanz zwischen Test-Sender und -Empfänger - die standen nur einige Zentimeter auseinander. Grössere Demo-Distanzen im Meter-Bereich gab es auf dem Siemens-Schiff, am Stand von Ericsson und auf der Motorola-Jacht.
Netzbetreiber wie O2 aus Grossbritannien peilen in einer ersten Phase Übertragungsraten um 500 Kbps an. NTT DoCoMo, mit «Foma» in Japan der grösste Netzbetreiber mit einem bereits seit drei Jahren funktionierenden 3G-Netz, plant ebenfalls einen Start für 2006. Und laut Christoph Caselitz, Chef der Siemens-Mobil-Netzwerksparte, wird Cingular in den USA HSDPA Ende 2005 breit einführen. Das grösste Hindernis ist vorläufig der Mangel an Endgeräten und Datenkarten.
Auch deshalb wird Vodafone an der CeBIT in einigen Tagen den Festnetz-Ersatz «Zuhause» noch auf der Basis von UMTS vorstellen, mmO2 arbeitet an vergleichbaren Modellen. Das Vodafone-Angebot richtet sich an Privathaushalte; Herzstück bildet eine kleine Box, an die bereits vorhandene Festnetzgeräte, PC und Laptops einfach angeschlossen werden können. Parallel zu Telefongesprächen kann dann mit bis zu 384 Kbps gesurft werden - dem Mehrfachen ei- ner Analogmodemgeschwindigkeit, aber lediglich der Hälfte gegenwärtiger ADSL-Tempi. Das Angebot zielt auf Festnetz-Kunden, die ihren Anschluss allenfalls noch für Datenkommunikation verwenden und sonst nur noch mobil telefonieren.
«Durch den Ausbau der 3G-Netzwerke ist viel Bandbreite vorhanden», sagt Herbert Mittermayr, bei Alcatel Direktor im strategischen und operativen Marketing. «Viele Mobil-Operatoren haben dadurch den Anreiz, neue Dienste anzubieten, teilweise auch in Konkurrenz zu Festnetz-Diensten.» Denn das Rington-Geschäft ist an ihnen praktisch vorbeigegangen, als reine Datentransporteure konnten sie sich lediglich eine kleine Kommission vom Umsatz sichern. «Jetzt versuchen sie auch, zusätzlich Content zu liefern, der durch Personalisierung angereichert werden kann und somit attraktiver für den End-User wird.»
So sind viele Konsumenten mit den bestehenden Fernsehangeboten unzufrieden, und das nutzen Netzbetreiber, die die Profile ihrer Kunden kennen. Damit können laut Mittermayr beispielsweise Netzbetreiber News oder auch Soaps in kurzen Sequenzen als «triggered TV» einzeln übertragen und individualisiert für jeden einzelnen Kunden anbieten. Auch Caselitz erwartet, dass viele Dienste mobil und über Netze mit hoher Datenübertragungsrate transportiert werden.
Anstelle des Bundling um eine Festnetz-Leitung (für Telefon, Internet sowie Datendienste) und der Ergänzung um ein separates Mobilkommunikationsabonnement tritt bei Vodafone der Mobilanschluss ins Zentrum - und die Datendienste um diesen gebündelt.
Eine andere Strategie fährt Orange in Frankreich. Edge soll hier die breite Abdeckung sichern und Fernseh- und Videodienste ermöglichen, aber das Festnetz-Datengeschäft, bei der Konzernmutter France Télécom je nach Kundentyp entweder direkt, bei Wanadoo oder Equant betreut, keinesfalls konkurrenziert werden.
Auch bei Swisscom hütet man sich davor, die in Cannes neu vorgestellte Datenkarte als Ersatz zum Festnetz zu positionieren - obwohl bereits mit dem preisgekrönten Vorgänger eine solche Substitution möglich ist. Mit dem im Frühling breit aufgeschalteten Edge-Netz überbrückt die Swisscom-Karte, die mit GSM/GPRS, UMTS, WLAN und neu Edge alle drahtlosen Standards abdeckt, die Lücken zwischen den UMTS-Inseln und verbaut vor allem Sunrise und Orange, die in der Schweiz erst am Anfang ihrer UMTS-Starts stehen, den Weg ins lukrativste Kundensegment. Denn in Österreich beispielsweise verzeichnet der UMTS-Netzbetreiber «3» laut Mittermayr Durchschnittsumsätze von 60 Euro - gegenüber 35 bis 40 Euro bei den Konkurrenten.
«Nicht einmal demonstrationsfähig»
Als weitere, nur am Rande in Cannes diskutierte Technologie steht noch DVB-H im Raum. Mit diesem auch terrestrisch ausstrahlbaren Digital-Fernsehstandard lassen sich Broadcast-Übertragungs-Modelle wie etwa Pay-TV viel kostengünstiger und effizienter als mit UMTS einrichten. Erste Prototypen gleichen einer grossen Nokia-N-Gage-Hülle; Industrieanalysten erwarten eine Integration dieser Standards allenfalls für Ende 2006 in Handys. Bei der Swisscom testen die Ingenieure bereits DVB-H.
Inzwischen zeichnet sich laut einer Studie der Marktforscher von «Telecom View» WiMax als weiterer möglicher Konkurrent für 3G (inklusive HSDPA-Aufrüstung) und DSL-Festnetzanschlüsse ab, auch wenn beispielsweise Caselitz diese Technologie als «nicht einmal demonstrationsfähig» beurteilt. Bis 2009 soll diese Technologie, die eine grössere Reichweite als WiFi hat, rund 40% Marktanteile im mobilen Datenübertragungsmarkt erobern - der Rest wird auf 3G und die Nachfolger entfallen. 3G werde wichtig für mobile Dienste sein, aber sobald ein Benutzer an einem bestimmten Ort verweilt - in einer Hotellobby oder an einem Flughafen - sei WiMax die überlegene Lösung.
Bevor auch hier überhaupt an die erforderliche Hardware gedacht werden kann, sind noch einige Standardisierungsfragen zu klären. Unklar ist auch, welches Frequenzband genutzt werden soll. Zuerst werden Geräte für das lizenzierte 3,5-GHz-Band erhältlich sein, es ist attraktiv für Anbieter mit Firmenkunden, die zuverlässige Verbindungen benötigen. Alternativ dazu steht das nicht lizenzierte 5,8-GHz-Band zur Verfügung, es bringt aber Nachteile wie beschränkte Reichweite und Mobilität.
Immerhin vermeldete der kleine britische Chip-Hersteller PicoChip den zehnten Kundenvertrag für die programmierbaren Prozessoren für Basisstationen. WaveSat und Sequans haben beide erste Muster-Chipsätze an Kunden für Testzwecke abgegeben, Fujitsu hat jetzt seinen Fahrplan Richtung WiMax dargelegt, und Intel kämpft vorläufig noch mit Verzögerungen bei der Entwicklung. Nur die Qualcomm-Manager, erklärte Gegner von WiMax und Befürworter von Weiterentwicklungen des in den USA verbreiteten 3G-Standards CDMA-2000, blieben sich treu. Sie betonen bei jeder Gelegenheit, auch jetzt in Cannes, die Unreife von WiMax.