von The Future's black » 20. Juni 2005 13:06
© SonntagsZeitung; 19.06.2005; Seite 111
Multimedia
Umstrittener Chip gegen Handystrahlen
Vergoldetes Plättchen soll vor Schäden schützen - das Bundesamt für
Gesundheit zweifelt daran
VON Barnaby Skinner
Auf dem Eppenberg auf 809 Meter Höhe steht das Domizil der Firma Fostac AG
und überblickt das sattgrüne St. Galler Land. Hier oben in Bichwil haben
Hans Seelhofer, Manfred Staub und ihre 15 Mitarbeiter dem Elektrosmog den
Kampf angesagt. Sie produzieren und vertreiben seit 15 Jahren energetische
Produkte und führen ein Kurszentrum, um «das Bewusstsein zu fördern und
Naturgesetze verständlich zu machen», wie es im Firmenbeschrieb heisst. Sie
sind sich sicher, dass von Menschen erzeugte elektromagnetische Felder
natürlich-biologische Felder stören.
Chip soll auch Funkuhren und Babyfone entstören können
Damit sind Seelhofer und Staub nicht allein. Ihre Produkte und Kurse kommen
an. Im vergangenen Jahr erzielte die Fostac AG einen Umsatz von 3,4
Millionen Franken, 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Geschäftsführer Manfred
Staub sagt: «Legen wir mal die Studien beiseite, die das Gegenteil behaupten
wollen. In der Volkswahrnehmung sind Handystrahlen schädlich. Wo grosse
Mobilfunkantennen stehen, verlieren Einfamilienhäuser an Wert, und die
Menschen klagen über Kopfweh, Konzentrationsschwächen und Schlafstörungen.»
Als besonders erfolgreiches Produkt behauptet sich derzeit der Fostac Chip -
ein kleines vergoldetes Messingplättchen, so gross wie ein 20-Rappen-Stück,
das ins Innere eines Handygehäuses passt. Der Chip verspricht, schädliche
Strahlung von Handy, Funktelefon, Funkuhr und Babyfon zu entstören. «Das
Telefon funktioniert weiterhin einwandfrei, nur ohne das Ohr bei langen
Gesprächen zu erhitzen und ohne die natürlichen Energieflüsse zu stören»,
sagt Cheftechniker und Firmengründer Hans Seelhofer.
66 000-mal wurde der Chip bisher verkauft. Das zum stolzen Stückpreis von 35
Franken und ausschliesslich im firmeneigenen Vertrieb und durch
Mundpropaganda.
Über die Herstellung der Chips verrät die Fostac AG wenig. Das
Messingplättchen würde mit einem eigens konstruierten Gerät tachyonisiert.
Das heisst, die Chips werden 24 Stunden lang im hohen Gigahertz-Bereich
bestrahlt. Dadurch würde der Dreh der Elektronen verändert, und der Chip sei
dann in der Lage, schädliche elektromagnetische Strahlen zu entstören. Ans
Tachyonen-Gerät selber lassen Seelhofer und Staub niemanden heran. Es gehört
zu den bestgehüteten Firmengeheimnissen.
Verständlich, dass bei so viel Geheimniskrämerei viele in der
Telekommunikationsbranche skeptisch sind. Mobilezone und Swisscom als
Handyanbieter gaben an, schon von der Fostac AG kontaktiert worden zu sein.
Sie entschieden sich dagegen, den Chip ins Sortiment zu nehmen. Das Produkt
hätte keine nennenswerte Verbesserung der Energieabsorption ergeben.
Was den Telecomanbietern aber viel wichtiger ist: Bisher lägen keine
wissenschaftlich belegbaren Fakten für eine gesundheitliche Gefährdung von
Handystrahlen vor. Swisscom-Sprecher Josef Huber beruft sich dabei auf die
Weltgesundheitsorganisation (WHO), die «dies erst kürzlich wiederum klar
festgehalten hat».
«Die Chips könnten sogar die Strahlungsbelastung erhöhen»
Auch die Bundesstellen sind skeptisch. Mirjana Moser, Expertin für
Strahlenschutz vom Bundesamt für Gesundheit (BAG): «Eine solche Wirkung des
Chips kann ich mir unmöglich vorstellen.» Sie erkennt gar eine Gefahr:
«Unter Umständen könnten diese Chips sogar eine Erhöhung der
Strahlenbelastung bewirken.»
Ein nachvollziehbarer Schluss. Je näher sich ein Telefon an einer Antenne
befindet, desto weniger strahlt es. Dasselbe gilt für Strahlenabschirmungen:
Je freier der Zugang eines Mobiltelefons zur Antenne, desto schwächer sind
die elektromagnetischen Felder. Wenn überhaupt, dann intensiviert der
Fostac-Chip am Telefon die Strahlung, weil das Messingplättchen je nach
Platzierung möglichweise abschirmend wirken könnte.
Moser will eine gesundheitsschädigende Wirkung des Chips aber nicht
hervorheben und redet allenfalls von Kundentäuschung. «Weil wir zu wenig
über Auswirkungen der Handystrahlung wissen, sind solche Anpreisungen für
Konsumentinnen und Konsumenten nicht überprüfbar, wodurch sie leicht
getäuscht werden können.»
Aber weshalb darf die Fostac weiterhin ihren Chip ohne wissenschaftlichen
Fundus als Gesundheitsprodukt verkaufen? Matthias Nast von der Stiftung für
Konsumentenschutz erklärt das Dilemma. «Würde das BAG gegen die Fostac AG
vorgehen, würde sie indirekt zugeben, dass Handystrahlen schädlich seien»,
sagt er. Wäre das Bundesamt jedoch konsequent in seinen
Vorsorgeempfehlungen, dann «sollte es Beschwerde gegen das Produkt einlegen.
Gerade im Bereich der Babyfone, da Kleinkinder besonders betroffen sein
könnten.»
Studie in Arbeit
Was die Strahlenwirkung von Handys betrifft, tritt die Wissenschaft auf der
Stelle. Mit Sicherheit weiss man nur, dass die Strahlen Biomasse erwärmen.
Ob die Erwärmung schädlich ist, ist unklar. Experten warten auf die
Interphone-Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO. In 14 Ländern werden
je 7000 Hirntumorpatienten und gesunde Menschen seit 2003 befragt. Die
Studie soll 2006 relevante Ergebnisse liefern.
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© SonntagsZeitung; 19.06.2005; Seite 111
Multimedia
Umstrittener Chip gegen Handystrahlen
Vergoldetes Plättchen soll vor Schäden schützen - das Bundesamt für
Gesundheit zweifelt daran
VON Barnaby Skinner
Auf dem Eppenberg auf 809 Meter Höhe steht das Domizil der Firma Fostac AG
und überblickt das sattgrüne St. Galler Land. Hier oben in Bichwil haben
Hans Seelhofer, Manfred Staub und ihre 15 Mitarbeiter dem Elektrosmog den
Kampf angesagt. Sie produzieren und vertreiben seit 15 Jahren energetische
Produkte und führen ein Kurszentrum, um «das Bewusstsein zu fördern und
Naturgesetze verständlich zu machen», wie es im Firmenbeschrieb heisst. Sie
sind sich sicher, dass von Menschen erzeugte elektromagnetische Felder
natürlich-biologische Felder stören.
Chip soll auch Funkuhren und Babyfone entstören können
Damit sind Seelhofer und Staub nicht allein. Ihre Produkte und Kurse kommen
an. Im vergangenen Jahr erzielte die Fostac AG einen Umsatz von 3,4
Millionen Franken, 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Geschäftsführer Manfred
Staub sagt: «Legen wir mal die Studien beiseite, die das Gegenteil behaupten
wollen. In der Volkswahrnehmung sind Handystrahlen schädlich. Wo grosse
Mobilfunkantennen stehen, verlieren Einfamilienhäuser an Wert, und die
Menschen klagen über Kopfweh, Konzentrationsschwächen und Schlafstörungen.»
Als besonders erfolgreiches Produkt behauptet sich derzeit der Fostac Chip -
ein kleines vergoldetes Messingplättchen, so gross wie ein 20-Rappen-Stück,
das ins Innere eines Handygehäuses passt. Der Chip verspricht, schädliche
Strahlung von Handy, Funktelefon, Funkuhr und Babyfon zu entstören. «Das
Telefon funktioniert weiterhin einwandfrei, nur ohne das Ohr bei langen
Gesprächen zu erhitzen und ohne die natürlichen Energieflüsse zu stören»,
sagt Cheftechniker und Firmengründer Hans Seelhofer.
66 000-mal wurde der Chip bisher verkauft. Das zum stolzen Stückpreis von 35
Franken und ausschliesslich im firmeneigenen Vertrieb und durch
Mundpropaganda.
Über die Herstellung der Chips verrät die Fostac AG wenig. Das
Messingplättchen würde mit einem eigens konstruierten Gerät tachyonisiert.
Das heisst, die Chips werden 24 Stunden lang im hohen Gigahertz-Bereich
bestrahlt. Dadurch würde der Dreh der Elektronen verändert, und der Chip sei
dann in der Lage, schädliche elektromagnetische Strahlen zu entstören. Ans
Tachyonen-Gerät selber lassen Seelhofer und Staub niemanden heran. Es gehört
zu den bestgehüteten Firmengeheimnissen.
Verständlich, dass bei so viel Geheimniskrämerei viele in der
Telekommunikationsbranche skeptisch sind. Mobilezone und Swisscom als
Handyanbieter gaben an, schon von der Fostac AG kontaktiert worden zu sein.
Sie entschieden sich dagegen, den Chip ins Sortiment zu nehmen. Das Produkt
hätte keine nennenswerte Verbesserung der Energieabsorption ergeben.
Was den Telecomanbietern aber viel wichtiger ist: Bisher lägen keine
wissenschaftlich belegbaren Fakten für eine gesundheitliche Gefährdung von
Handystrahlen vor. Swisscom-Sprecher Josef Huber beruft sich dabei auf die
Weltgesundheitsorganisation (WHO), die «dies erst kürzlich wiederum klar
festgehalten hat».
«Die Chips könnten sogar die Strahlungsbelastung erhöhen»
Auch die Bundesstellen sind skeptisch. Mirjana Moser, Expertin für
Strahlenschutz vom Bundesamt für Gesundheit (BAG): «Eine solche Wirkung des
Chips kann ich mir unmöglich vorstellen.» Sie erkennt gar eine Gefahr:
«Unter Umständen könnten diese Chips sogar eine Erhöhung der
Strahlenbelastung bewirken.»
Ein nachvollziehbarer Schluss. Je näher sich ein Telefon an einer Antenne
befindet, desto weniger strahlt es. Dasselbe gilt für Strahlenabschirmungen:
Je freier der Zugang eines Mobiltelefons zur Antenne, desto schwächer sind
die elektromagnetischen Felder. Wenn überhaupt, dann intensiviert der
Fostac-Chip am Telefon die Strahlung, weil das Messingplättchen je nach
Platzierung möglichweise abschirmend wirken könnte.
Moser will eine gesundheitsschädigende Wirkung des Chips aber nicht
hervorheben und redet allenfalls von Kundentäuschung. «Weil wir zu wenig
über Auswirkungen der Handystrahlung wissen, sind solche Anpreisungen für
Konsumentinnen und Konsumenten nicht überprüfbar, wodurch sie leicht
getäuscht werden können.»
Aber weshalb darf die Fostac weiterhin ihren Chip ohne wissenschaftlichen
Fundus als Gesundheitsprodukt verkaufen? Matthias Nast von der Stiftung für
Konsumentenschutz erklärt das Dilemma. «Würde das BAG gegen die Fostac AG
vorgehen, würde sie indirekt zugeben, dass Handystrahlen schädlich seien»,
sagt er. Wäre das Bundesamt jedoch konsequent in seinen
Vorsorgeempfehlungen, dann «sollte es Beschwerde gegen das Produkt einlegen.
Gerade im Bereich der Babyfone, da Kleinkinder besonders betroffen sein
könnten.»
Studie in Arbeit
Was die Strahlenwirkung von Handys betrifft, tritt die Wissenschaft auf der
Stelle. Mit Sicherheit weiss man nur, dass die Strahlen Biomasse erwärmen.
Ob die Erwärmung schädlich ist, ist unklar. Experten warten auf die
Interphone-Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO. In 14 Ländern werden
je 7000 Hirntumorpatienten und gesunde Menschen seit 2003 befragt. Die
Studie soll 2006 relevante Ergebnisse liefern.
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