von M. Hahn » 27. September 2006 22:03
Argus, besser ist es immer, man liest die Studie selbst anstatt nur Pressemitteilungen darüber. Zum Glück ist die von Ihnen angesprochene Studie frei im Internet verfügbar.
Die von Ihnen zitierte Medienmeldung enthält (wie bei Medien leider üblich) eine grobe Falschaussage:
Es wurden keineswegs „alle Studien über die Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung, die zwischen 1995 und 2005 in Fachzeitschriften veröffentlicht wurden“ untersucht. Man stelle sich vor: Nur 59 Studien in 10 Jahren! Aber schon die Zahl 59 steht ja bereits nicht mehr in der Pressenotiz.
Es ging ausschließlich um Studien zu unmittelbaren Auswirkungen der Benutzung von Natels, also z.B. nicht etwa um Studien zu Funkmasten.
Weitere Einschränkungen: Nur Studien mit kontrollierter Expositionserfassung, sprich: Laborstudien. Keine epidemiologischen Studien.
Ebenso keine Studien an Tieren oder Zellkulturen.
Noch einige interessante Passagen aus der Studie, in meiner Übersetzung:
Wir ermittelten 222 potentiell relevante Publikationen, davon wurden 163 Studien nicht berücksichtigt, da sie nicht den Einschlusskriterien (siehe Grafik 1, letzte Seite der Publikation) entsprachen.
Insgesamt 59 Studien wurden letztlich einbezogen:
12 waren ausschließlich industriefinanziert
11 waren öffentlich finanziert
14 hatten Mischfinanzierung
Bei 22 Studien war die Finanzquelle nicht angegeben
Alle Studien wurden zwischen 1995 und 2005 veröffentlicht, wobei die Zahl der Publikationen mit den Jahren anstieg: Von anfänglich zwei bis hin zu 11 Publikationen im Jahr 2004. Das mittlere Publikationsjahr der industriefinanzierten Studien war 1999, das der öffentlich und gemischt finanzierten Studien 2002, bei den Studien ohne Angabe der Finanzquellen: 2003.
In 31% der Studien wurde die Feldintensität korrekt bestimmt, die SAR-Werte lagen zwischen (0,03 und 2 W/kg). Bei 24% der Studien wurde die statistische Auswertung von uns als angemessen bewertet.
Die Studienqualität variierte in Abhängigkeit von der Finanzquelle: Gemischt-finanzierte Studien hatten die höchste Qualität, wogegen die Studien ohne Angabe der Finanzquelle qualitativ am schlechtesten waren.
Ausgewertet wurde die Eigenschaft der Studie, ob sie mindestens einen signifikanten biologischen Effekt berichtet oder nicht. Vergleicht man diesbezüglich rein industriefinanzierte Studien mit rein öffentlich finanzierten, so ergibt sich ein Odds-Ratio von 0,11 (95%-Konfidenzintervall 0,02 – 0,78, also signifikant) für die rein industriefinanzierten Studien. Bezieht man die Auswertung nur auf die Angaben im Abstract der Studien (also ohne den Volltext), so ergibt sich ein OR von 0,29 mit einem 95-%-KI von 0,05 bis 1,59.
Anmerkung: Letzteres bezeichnen die Autoren als „ vergleichbares Resultat“. Ich würde noch anmerken, dass in diesem Fall die Abweichung schon nicht mehr signifikant (1,59 als Obergrenze des KI) ist. Dies kann m.E. nur heißen, dass das bekannte Phänomen, wonach bestimmte signifikante Effekte nicht im abstract (für den eiligen Leser) sondern nur im Volltext nachlesbar sind, bei industriefinanzierten Studien (merkwürdigerweise) seltener (OR 0,29 im Vergleich zu 0,11) auftritt.
Noch ein Zitat:
Obwohl eine Assoziation zwischen Geldgeber und Ergebnis gefunden wurde, bleibt es unklar, welche Art der Finanzierung denn nun die am meisten korrekten Ergebnisse liefert. Zum Beispiel kann es, wenn Forscher mit einem „umweltaktivistischen Hintergrund“ tendenziell öfter Aufträge aus öffentlichen Mitteln erhalten, durch deren Voreingenommenheit zu Überbewertungen der Effekte kommen.
Die Zusammenfassung der Autoren lautet letztlich auch nicht: „Industriefinanzierte Studien berichten seltener von Effekten.“
Sondern: „Unsere Ergebnisse stützen die bestehenden Hinweise, wonach Studienfinanzierung aus nur einer Quelle assoziiert ist mit Ergebnissen, welche positiv für den Geldgeber sind. [...] Unsere Studie zeigt, dass die bei der Interpretation von existierenden und zukünftigen Studien deren Finanzierung mit beachtet werden sollte [...] Interessanterweise hatten gerade die Studien mit gemischter Finanzierung die höchste Qualität.“
Ich bin sicher, der feine Unterschied ist erkennbar. Zumindest wenn man davon ausgeht, dass wissenschaftliche Studien nicht nur diese zwei Merkmale haben:
- Effekte gefunden (ja/nein)
- Finanzquelle
Sondern noch mindestens ein drittes Merkmal, nämlich deren handwerkliche Qualität.
M. Hahn
Argus, besser ist es immer, man liest die Studie selbst anstatt nur Pressemitteilungen darüber. Zum Glück ist die von Ihnen angesprochene Studie frei im Internet verfügbar.
Die von Ihnen zitierte Medienmeldung enthält (wie bei Medien leider üblich) eine grobe Falschaussage:
Es wurden keineswegs „alle Studien über die Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung, die zwischen 1995 und 2005 in Fachzeitschriften veröffentlicht wurden“ untersucht. Man stelle sich vor: Nur 59 Studien in 10 Jahren! Aber schon die Zahl 59 steht ja bereits nicht mehr in der Pressenotiz.
Es ging ausschließlich um Studien zu unmittelbaren Auswirkungen der Benutzung von Natels, also z.B. nicht etwa um Studien zu Funkmasten.
Weitere Einschränkungen: Nur Studien mit kontrollierter Expositionserfassung, sprich: Laborstudien. Keine epidemiologischen Studien.
Ebenso keine Studien an Tieren oder Zellkulturen.
Noch einige interessante Passagen aus der Studie, in meiner Übersetzung:
Wir ermittelten 222 potentiell relevante Publikationen, davon wurden 163 Studien nicht berücksichtigt, da sie nicht den Einschlusskriterien (siehe Grafik 1, letzte Seite der Publikation) entsprachen.
Insgesamt 59 Studien wurden letztlich einbezogen:
12 waren ausschließlich industriefinanziert
11 waren öffentlich finanziert
14 hatten Mischfinanzierung
Bei 22 Studien war die Finanzquelle nicht angegeben
Alle Studien wurden zwischen 1995 und 2005 veröffentlicht, wobei die Zahl der Publikationen mit den Jahren anstieg: Von anfänglich zwei bis hin zu 11 Publikationen im Jahr 2004. Das mittlere Publikationsjahr der industriefinanzierten Studien war 1999, das der öffentlich und gemischt finanzierten Studien 2002, bei den Studien ohne Angabe der Finanzquellen: 2003.
In 31% der Studien wurde die Feldintensität korrekt bestimmt, die SAR-Werte lagen zwischen (0,03 und 2 W/kg). Bei 24% der Studien wurde die statistische Auswertung von uns als angemessen bewertet.
Die Studienqualität variierte in Abhängigkeit von der Finanzquelle: Gemischt-finanzierte Studien hatten die höchste Qualität, wogegen die Studien ohne Angabe der Finanzquelle qualitativ am schlechtesten waren.
Ausgewertet wurde die Eigenschaft der Studie, ob sie mindestens einen signifikanten biologischen Effekt berichtet oder nicht. Vergleicht man diesbezüglich rein industriefinanzierte Studien mit rein öffentlich finanzierten, so ergibt sich ein Odds-Ratio von 0,11 (95%-Konfidenzintervall 0,02 – 0,78, also signifikant) für die rein industriefinanzierten Studien. Bezieht man die Auswertung nur auf die Angaben im Abstract der Studien (also ohne den Volltext), so ergibt sich ein OR von 0,29 mit einem 95-%-KI von 0,05 bis 1,59.
Anmerkung: Letzteres bezeichnen die Autoren als „ vergleichbares Resultat“. Ich würde noch anmerken, dass in diesem Fall die Abweichung schon nicht mehr signifikant (1,59 als Obergrenze des KI) ist. Dies kann m.E. nur heißen, dass das bekannte Phänomen, wonach bestimmte signifikante Effekte nicht im abstract (für den eiligen Leser) sondern nur im Volltext nachlesbar sind, bei industriefinanzierten Studien (merkwürdigerweise) seltener (OR 0,29 im Vergleich zu 0,11) auftritt.
Noch ein Zitat:
Obwohl eine Assoziation zwischen Geldgeber und Ergebnis gefunden wurde, bleibt es unklar, welche Art der Finanzierung denn nun die am meisten korrekten Ergebnisse liefert. Zum Beispiel kann es, wenn Forscher mit einem „umweltaktivistischen Hintergrund“ tendenziell öfter Aufträge aus öffentlichen Mitteln erhalten, durch deren Voreingenommenheit zu Überbewertungen der Effekte kommen.
Die Zusammenfassung der Autoren lautet letztlich auch nicht: „Industriefinanzierte Studien berichten seltener von Effekten.“
Sondern: „Unsere Ergebnisse stützen die bestehenden Hinweise, wonach Studienfinanzierung aus nur einer Quelle assoziiert ist mit Ergebnissen, welche positiv für den Geldgeber sind. [...] Unsere Studie zeigt, dass die bei der Interpretation von existierenden und zukünftigen Studien deren Finanzierung mit beachtet werden sollte [...] Interessanterweise hatten gerade die Studien mit gemischter Finanzierung die höchste Qualität.“
Ich bin sicher, der feine Unterschied ist erkennbar. Zumindest wenn man davon ausgeht, dass wissenschaftliche Studien nicht nur diese zwei Merkmale haben:
- Effekte gefunden (ja/nein)
- Finanzquelle
Sondern noch mindestens ein drittes Merkmal, nämlich deren handwerkliche Qualität.
M. Hahn