© SonntagsZeitung; 04.07.2004; Seite 5, Nachrichten, Patrik Müller
UMTS-Antennen: Einspracheflut: Telecomfirmen wollen bis Ende Jahr 1600 neue Anlagen - Ärzte und Anwohner laufen Sturm.
ZüRICH/BERN · Ausgerechnet das aargauische Wohlen, die Wohngemeinde von Swisscom-Chef Jens Alder, hält vermutlich den Schweizer Einspracherekord. 1710 Unterschriften wurden gesammelt gegen zwei geplante UMTS Antennen. «Es ist Wahnsinn», seufzt Gemeinderat René Meier.
1020 Sender für die neue Handytechnologie sind laut dem Bundesamt für Kommunikation (Bakom) landesweit bereits installiert. Doch so richtig los gehts erst jetzt: Nach Informationen der SZ wollen die Telecomfirmen Swisscom, Orange und Sunrise bis Ende Jahr zusätzliche 1600 Antennen aufstellen. Davon entfallen 1000 auf Orange und je 300 auf Swisscom und Sunrise. «Gegen praktisch jede Anlage wird Einsprache eingereicht», sagt Swisscom-Sprecher Josef Huber.
Jeden Tag zehn neue UMTS-Antennen: Das ruft die Vereinigung Ärzte für Umweltschutz auf den Plan. Die Ärzte werden sich kommende Woche an die Medien wenden. «Der Antennenboom ist alarmierend», sagt Verbandspräsident Bernhard Aufdereggen. «Der Bund muss den Ausbau der Sender stoppen, bis Klarheit herrscht über die gesundheitlichen Auswirkungen der UMTS-Strahlung.» Die Eidgenössische Kommunikationskommission (ComCom) lehnt diese Forderung ab. «Wir verlangen, dass die Netzbetreiber bis Ende Jahr mindestens 50 Prozent der Bevölkerung abdecken», sagt ComCom-Präsident Fulvio Caccia. Swisscom erreicht schon heute 77 Prozent. (Anm. Gigaherz: Lesen Sie dazu unter
www.gigaherz.ch/793)
Laut Arzt Aufdereggen gibt es genügend Hinweise, dass das UMTS-Signal Schwindel und Nervosität auslösen kann. Die Telecomfirmen haben ausländische Studien zur Hand, welche die Unbedenklichkeit der Signale belegen. Den Wissenschaftsstreit entscheiden soll ein «Nationales Forschungsprogramm Elektromagnetische Felder und Gesundheit».
Bisher war unklar, ob die Studie durchgeführt wird. Doch in einem Brief vom 10. Juni 2004 sichert das Bundesamt für Bildung und Wissenschaft den Ärzten für Umweltschutz zu: «Wir haben den Schweizerischen Nationalfonds beauftragt, das Anliegen mit hoher Priorität zu behandeln und umgehend eine entsprechende Programmskizze zu erarbeiten.»
Der Schweizerische Nationalfonds soll das Anliegen schnell prüfen.
Profiteure des Antennenkriegs sind die Juristen. Die Telecomfirmen beschäftigen ganze Abteilungen, die sich um Einsprachen kümmern und Verhandlungen führen. 40 Vollzeitstellen sind es allein bei Orange, wie Sprecherin Therese Wenger sagt. 300 geplante UMTS-Antennen sind bei Orange derzeit blockiert. Auch die Beschwerdeführer lassen sich von Juristen beraten. Die holen in den meisten Fällen zumindest Verzögerungen heraus. «Das kann bis zu drei Jahren dauern», klagt Sunrise-Sprecherin Monika Walser. Zum Vergleich: In Dänemark erhalten die Telecomfirmen eine Bewilligung in durchschnittlich 45 Tagen.
Weil die Antennengegner am Ende oft abblitzen, lancieren sie nun neue Ideen. In Bremgarten BE hat die Gemeindeversammlung Mitte Juni eine Initiative des Parteilosen Werner Meile angenommen. Sie verlangt, dass das Volk künftig über die Errichtung und Erweiterung von Antennen entscheidet. Gemeindepräsident Bernhard Lauterburg klärt derzeit ab, ob das juristisch überhaupt möglich ist. «Wahrscheinlich schon», sagt er. Lauterburg zweifelt nicht daran, dass das Volk einer entsprechenden Änderung des Gemeindereglements zustimmen würde. (Anm. Gigaherz: Beitrag leicht gekürzt)