von The Future's Black » 15. Oktober 2004 11:41
© St. Galler Tagblatt; 15.10.2004
Stadt St. Gallen
Hauptblatt
Das Handy verändert unser Leben
Forumsveranstaltung des Vereins Forum Mobil
In der Diskussion von Forum Mobil standen für einmal die Auswirkungen des Handys auf unser Leben im Vordergrund - nicht Strahlungen und Gesundheitsrisiken.
Ein Forum zum Thema Handy? Da kann es nur um Strahlungen und gesundheitliche Risiken gehen. Weit gefehlt: An der Forumsveranstaltung von Forum Mobil, einem von Mobilfunk-Anbietern und Handy-Herstellern getragenen Verein, hiess das Thema: «Gibt es ein Leben ohne Handy?»
Christian Grasser, Environmental Affairs Manager bei Orange, betonte in seinem Einführungsreferat, dass heute 6 Mio. Menschen in der Schweiz mobil telefonieren, und dies über knapp 10 000 Sendeanlagen. Mit den Risiken dieser jungen Technologie müsse man erst umgehen lernen. Doch die Grenzwerte in der Schweiz seien sehr streng, Orange höre auf die Wissenschaft und verwende nur Anlagen, von denen man überzeugt sei, dass niemand zu Schaden komme.
Arthur Bürgi, Geschäftsführer der Gewerbeverbände SG/AR, erklärte, das Handy sei ein unverzichtbares Arbeitsinstrument. Ob es Nutzen oder Störfaktor sei, ist für ihn eine Frage der vernünftigen Handhabung. Laute Handys emfindet er als Zumutung, die Plage sei aber nicht das Handy, sondern der Benutzer, der es nicht richtig handhabe.
«Reine Präsenzanzeigen»
Peter Gross, Soziologieprofessor an der HSG, erklärte, die meisten Telefongespräche, die man etwa im Zug mithöre, seien gar keine Kommunikation, sondern «reine Präsenzanzeigen». Untersuchungen hätten anderseits ergeben, dass man per Handy viel direkter spreche, als wenn man sich gegenüberstehe. Dass Gespräche etwa im Zug störten, habe damit zu tun, dass wir lieber das ganze Gespräch hören würden als nur einen der Teilnehmer. Gross plädierte dafür, das Handy fit zu machen für die Bedürfnisse der Benutzer: Wie bei den Uhren müsse es Zweit- und Dritthandys für jeden Bedarf geben. Er sprach sich für ein Handy mit nur vier Tasten aus. Der Mobilfunk müsse sich einem Kommunikationstraining und einem Gesundheits-Check-up unterziehen.
Unter der Moderation der Journalistin Ellinor von Kauffungen begann die Diskussion, zu der auch Gery Baumann, Einsatzleiter bei der Rega, stiess. Für die Rega ist das Handy grundsätzlich positiv, vor allem was die rasche Alarmierung betreffe. Anderseits breche man heute vermehrt einfach mal in die Berge auf und verlasse sich darauf, dass man ja mit dem Handy die Rega rufen könne.
Beschleunigung des Lebens
Bürgi erklärte, das Handy habe auch das Wirtschaften verändert: Kein KMU habe gerne grosse Lager. Heute könne man schnell von überall aus Nachschub bestellen. Die Beschleunigung mache die Arbeit hektischer, aber auch flexibler. Peter Gross sieht die Kommunikationstechnologie als Gegenbewegung zur Vereinzelung der Gesellschaft.
Baumann fand erneut ein Beispiel aus dem Alltag der Rega: Bei einem Unfall auf der Autobahn gingen vielleicht dreissig Anrufe ein, aber oft könne keiner genaue Angaben machen über Verletzte, weil niemand aussteige. Der Griff zum Handy als Möglichkeit, «Verantwortung loszuwerden».
Eine Frau aus dem Publikum beklagte die verkürzte Sprache der Jugendlichen im Zeitalter von SMS. Gross fand dafür Verständnis: Die Kinder lernten heute in verschiedenen Kommunikationsfeldern. Die Reduktion der Sprache sei ein «rationales Umgehen mit den Möglichkeiten».
Die meisten Wortmeldungen aus dem Publikum sprachen jedoch die Strahlung an. Jemand berichtete empört, dass die Spermienzahl bei Männern reduziert würde, wenn sie das Handy im Sack hätten. Jemand anders wusste von einem Haus in Herisau, das wegen einer Antenne unbewohnbar geworden sei. (pem)
© St. Galler Tagblatt; 15.10.2004
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Das Handy verändert unser Leben
Forumsveranstaltung des Vereins Forum Mobil
In der Diskussion von Forum Mobil standen für einmal die Auswirkungen des Handys auf unser Leben im Vordergrund - nicht Strahlungen und Gesundheitsrisiken.
Ein Forum zum Thema Handy? Da kann es nur um Strahlungen und gesundheitliche Risiken gehen. Weit gefehlt: An der Forumsveranstaltung von Forum Mobil, einem von Mobilfunk-Anbietern und Handy-Herstellern getragenen Verein, hiess das Thema: «Gibt es ein Leben ohne Handy?»
Christian Grasser, Environmental Affairs Manager bei Orange, betonte in seinem Einführungsreferat, dass heute 6 Mio. Menschen in der Schweiz mobil telefonieren, und dies über knapp 10 000 Sendeanlagen. Mit den Risiken dieser jungen Technologie müsse man erst umgehen lernen. Doch die Grenzwerte in der Schweiz seien sehr streng, Orange höre auf die Wissenschaft und verwende nur Anlagen, von denen man überzeugt sei, dass niemand zu Schaden komme.
Arthur Bürgi, Geschäftsführer der Gewerbeverbände SG/AR, erklärte, das Handy sei ein unverzichtbares Arbeitsinstrument. Ob es Nutzen oder Störfaktor sei, ist für ihn eine Frage der vernünftigen Handhabung. Laute Handys emfindet er als Zumutung, die Plage sei aber nicht das Handy, sondern der Benutzer, der es nicht richtig handhabe.
«Reine Präsenzanzeigen»
Peter Gross, Soziologieprofessor an der HSG, erklärte, die meisten Telefongespräche, die man etwa im Zug mithöre, seien gar keine Kommunikation, sondern «reine Präsenzanzeigen». Untersuchungen hätten anderseits ergeben, dass man per Handy viel direkter spreche, als wenn man sich gegenüberstehe. Dass Gespräche etwa im Zug störten, habe damit zu tun, dass wir lieber das ganze Gespräch hören würden als nur einen der Teilnehmer. Gross plädierte dafür, das Handy fit zu machen für die Bedürfnisse der Benutzer: Wie bei den Uhren müsse es Zweit- und Dritthandys für jeden Bedarf geben. Er sprach sich für ein Handy mit nur vier Tasten aus. Der Mobilfunk müsse sich einem Kommunikationstraining und einem Gesundheits-Check-up unterziehen.
Unter der Moderation der Journalistin Ellinor von Kauffungen begann die Diskussion, zu der auch Gery Baumann, Einsatzleiter bei der Rega, stiess. Für die Rega ist das Handy grundsätzlich positiv, vor allem was die rasche Alarmierung betreffe. Anderseits breche man heute vermehrt einfach mal in die Berge auf und verlasse sich darauf, dass man ja mit dem Handy die Rega rufen könne.
Beschleunigung des Lebens
Bürgi erklärte, das Handy habe auch das Wirtschaften verändert: Kein KMU habe gerne grosse Lager. Heute könne man schnell von überall aus Nachschub bestellen. Die Beschleunigung mache die Arbeit hektischer, aber auch flexibler. Peter Gross sieht die Kommunikationstechnologie als Gegenbewegung zur Vereinzelung der Gesellschaft.
Baumann fand erneut ein Beispiel aus dem Alltag der Rega: Bei einem Unfall auf der Autobahn gingen vielleicht dreissig Anrufe ein, aber oft könne keiner genaue Angaben machen über Verletzte, weil niemand aussteige. Der Griff zum Handy als Möglichkeit, «Verantwortung loszuwerden».
Eine Frau aus dem Publikum beklagte die verkürzte Sprache der Jugendlichen im Zeitalter von SMS. Gross fand dafür Verständnis: Die Kinder lernten heute in verschiedenen Kommunikationsfeldern. Die Reduktion der Sprache sei ein «rationales Umgehen mit den Möglichkeiten».
Die meisten Wortmeldungen aus dem Publikum sprachen jedoch die Strahlung an. Jemand berichtete empört, dass die Spermienzahl bei Männern reduziert würde, wenn sie das Handy im Sack hätten. Jemand anders wusste von einem Haus in Herisau, das wegen einer Antenne unbewohnbar geworden sei. (pem)