Mobilität für jeden Preis - eine krasse Zukunftsperspektive

Handymania

Mobilität für jeden Preis - eine krasse Zukunftsperspektive

Beitrag von Handymania » 20. Juli 2012 11:35

Ein sehr interessantes Interview mit dem Soziologen R. Benedikter über die technische Mobilität des Menschen bzw. des menschlichen Geistes in der Zukunft – die Physis spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Der Mensch wird in einem virtuellen Raum leben, so jedenfalls stellt sich das eine Gruppe von Wissenschaftlern vor („Transhumanisten“).
Folgendes Zitat ist mMn auch anwendbar auf die einseitige Wissenschaftspropaganda von Skeptikern, nach dem Prinzip „das kann nicht sein“ – da fehlt (ev. auch bewusst) Multidisziplinarität.
R. Benedikter: „Die Spaltung zwischen Geistes- und Naturwissenschaft ist eine sehr junge Entwicklung, die in ihrer heutigen, extremen Form erst unter dem Eindruck der Katastrophen des 20. Jahrhunderts in Zentraleuropa vollzogen wurde. Bis dahin hatte ja auch Europa das Humboldt-Universitätsmodell mit dem Anspruch, Geistes- und Naturwissenschaften untereinander durchlässig zu machen. Die Amerikaner haben sich diese Durchlässigkeit, die Multidisziplinarität einschließt, in ihrer reinen Form als Zentrum des Erziehungssystems bewahrt. Das hat ihnen die Weltführung im Universitätsbereich eingebracht. Wir dagegen haben das in der Annahme aufgegeben, wir müssten uns möglichst früh spezialisieren, um unterschiedliche und disziplinär eingegrenzte Blicke auf ein Phänomen werfen zu können. Mit nur einem disziplinären Ansatz an die Frage der Zukunft der Mobilität heranzugehen, ist aber völlig sinnlos.
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Wenn man sich nämlich einen "reinen" Philosophen ins Team holt, wie er heute in Europa noch ausgebildet wird, kann dieser nicht oder kaum transdisziplinär mitwirken. Weil er selbst nie eine Ausbildung in Multidisziplinarität erfuhr, kann er den anderen nur zuhören und das in seine eigene Disziplin übersetzen. Das ergibt wenig Sinn. Wir brauchen also künftig von vornherein multidisziplinär ausgerüstete Menschen, und von denen gibt es in Europa noch zu wenige.“

Ziel: Eine Befreiung der körperlichen Leiden für mehr Mobilität und unter Aufgabe von Traditionen
R. Benedikter: „So versteht etwa das "Zukunft-der-Menschheit-Institut" von Nick Bostrom an der Oxford Universität die Mobilität der Zukunft als Omnipräsenz des Geistes durch die Verbindung mit Technologien wie Gehirnimplantaten. Unsere schweren Körper müssen sich physisch gar nicht mehr bewegen, weil sie mit ihrem Geist über beliebige Distanzen hinweg drahtlos mobil sein können - Dinge bewegen können, kommunizieren können, Sitzungen abhalten können dreidimensional mittels visueller Projektion. Die Avantgarde-Wissenschaftler in Oxford, die diese neue Dimension des Mobilseins vorausdenken, verstehen sich nicht mehr als Humanisten, sondern als "Transhumanisten". Diese Denkrichtung geht davon aus, dass sich der Mensch den Bedingungen bisherigen Menschseins, also des Leidens am Körper, entledigen, in ein „jenseits des Menschen" hineingehen und sich dazu im wesentlichen in ein techno-biologisches Hybridwesen, also - sehr verkürzt gesagt - in einen Cyborg verwandeln sollte. Das soll gerade im Hinblick auf eine größere Effizienz von Mobilität geschehen - was natürlich für die "Transhumanisten" nur der Anlass ist, den Menschen in etwas Anderes zu verwandeln, als er bisher war.“
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„Da prallen große Paradigmen aufeinander: Will ich in Zukunft noch ein traditioneller Mensch mit einer Einheit aus Körper und Geist sein, oder will ich darüber hinausgehen, und also Körper und Geist vollkommen voneinander entkoppeln, indem der Körper überflüssig und der Geist alles wird? Genau letzteres streben ja die Kollegen in Oxford an. Daher nenne ich sie auch die erste Generation von echten "materialistischen Idealisten". Es sind reine Idealisten, die den Menschen vom Körper "erlösen" wollen, um das Leiden zu beenden. Aber sie fassen das rein materialistisch auf: Die Technik soll das ermöglichen, indem sie den menschlichen Körper ersetzt.“
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„Es ist falsch, oder jedenfalls hoch riskant anzunehmen, dass die Technik einfach so den Körper ersetzen kann, ohne dass das Auswirkungen auf unser Menschsein hat. Die "Transhumanisten" stellen die Frage nicht, ob der Geist überhaupt ohne Körper sein kann - und welcher Geist er dann sein wird. Vielleicht wird dabei das "Ich" ein anderes. Ist das egal? Ich glaube nicht. Es ist auch problematisch immer davon auszugehen, dass sich die Technik gleichsam als metahumane Dimension von sich aus weiterentwickelt, und wir Menschen passen uns letztlich nur daran an. Die zentrale Herausforderung ist heute nicht mehr, die Mobilität noch effizienter, „grüner" oder bequemer zu machen - das wird alles im Rahmen der bisherigen Funktionsbegriffe geschehen. Wir dürfen es aber nicht geschehen lassen, dass unsere Rolle als Mensch dabei unbewusst und schleichend immer stärker fremddefiniert wird. Was in Zukunft passiert, müssen wir uns gemeinsam ausmachen. Dazu müssen wir wissen, was vor sich geht. Die meisten von uns wissen das noch nicht ausreichend, obwohl sich die Phänomene täglich häufen.“
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„Wenn es nämlich Wissenschaftler gibt, die ernsthaft und mit großen Investitionsunterstützungen sagen, wir sollen aktiv Cyborgs werden und unseren Geist ins Internet herunterladen, dann sollte es dazu auch einen Gegenentwurf geben. Ich sehe die Austauschbarkeit des Menschen durch inversive Technologisierung skeptisch und möchte argumentativ zeigen, dass beim transhumanistischen Ansatz Denkfehler vorliegen. Ich plädiere für einen Neohumanismus, bei dem der bisherige Mensch nicht vorschnell aufgegeben wird.“

"Wir bewegen uns vom Hasen- zum Igelprinzip"
Interview | Sascha Aumüller, 17. Juli 2012
http://derstandard.at/1342139364603/Wir ... gelprinzip

Einige Skeptiker, Humanisten, Brights etc. fordern und fördern unbeirrbar einen technischen Fortschrittsglauben basierend auf eine „reine“ Wissenschaft, ohne Reflektion, ohne „ein Schauen über die wissenschaftlichen Horizonte“ und darüber hinaus. Alternativen, teilweise basierend auf jahrhundertealten Erfahrungen, sind für sie rückständig und werden lauthals kritisiert.
Das obige Interview ist mMn ein krasses (Einzel-) Beispiel dafür, in welche Richtung diese einseitige Denkweise hinauslaufen könnte (die u.a. auch enorm den Blickwinkel für (Mit-)menschen einengt).

Handymania

Wirtschaftswachstum ist eine "heilige Kuh"

Beitrag von Handymania » 21. Juli 2012 11:17

Interview mit dem Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech

"Die frei verfügbare Konsumzeit müssen wir aufteilen auf ein immer größeres Quantum an Konsumaktivitäten, die wir uns leisten können. Denn die Kaufkraft, auch wenn die Linke und die Gewerkschaften das Gegenteil behaupten, ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen - selbst in den Milieus, die man als "arm" bezeichnet. Das führt zu immer mehr Zeitnot, Stress, bis hin zu Burnout und Depression. In reichen Konsumgesellschaften ist Depression mittlerweile die Zivilisationskrankheit Nummer eins."
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"Jede Innovation, die wir eingesetzt haben, um die Umwelt zu entlasten, hat versagt oder wurde systematisch durch Nachfragesteigerungen neutralisiert."
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"Mir begegnen immer häufiger Leute, die genug haben von immer neuen Technikmärchen, die uns vorgaukeln, dass Überfluss und Ökologie vereinbar sind. Ich habe den Luxus, kein Politiker zu sein, nicht gewählt zu sein. Darum kann ich sagen, dass wir im Moment auf einem falschen Gleis fahren."

Interview: Peter Carstens
"Wir fahren auf einem falschen Gleis"
http://www.geo.de/GEO/natur/oekologie/70015.html

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