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Teufen: «Wir fühlen uns allein gelassen»

Verfasst: 4. März 2005 12:09
von The Future's Black
© St. Galler Tagblatt; 04.03.2005

Mittelland

Appenzeller Zeitung

«Wir fühlen uns allein gelassen»

Geringe Chance bei Einsprachen gegen UMTS-Anlage - Dorfbild Teufens wird nicht verändert

Teufen. Einen Steinwurf entfernt von Kindergarten und Schulhaus soll mitten in Teufen eine bestehende Mobilfunkantenne auf UMTS aufgerüstet werden. Nun regt sich Widerstand: Drei besorgte Bürgerinnen wollen mit Einsprachen und einer Unterschriftensammlung den Umbau stoppen.

David Scarano
Sind UMTS-Anlagen für Menschen schädlich? Diese Frage ist bis heute ungeklärt. Unbestritten ist, dass die Sendeanlagen der dritten Mobilfunk-Generation bei einem Teil der Bevölkerung für Unbehagen sorgen. So auch in Teufen: An der Gremmstrasse, mitten im Dorfzentrum, will «Swisscom» die bestehende Anlage auf UMTS aufrüsten, doch viele Anstösser sind dagegen. «Wir haben Angst. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt», bringen Elisabeth Bosshard, Josefine Eugster und Brigitte Kranabether die Stimmung auf den Punkt. Eine Bedrohung sei die neue Anlage vor allem für die Kinder. Unweit der Mobilfunkantenne befinden sich zwei Kindergärten, das Schulhaus Hörli und das Eben-Ezer-Heim der Waldheimstiftung. «Dieser UMTS-Antennen-Standort ist für uns nicht tragbar», so die drei Teufnerinnen. Mit Einsprachen und einer Unterschriftensammlung wollen die drei Bürgerinnen den Umbau verhindern. Am 27. Januar haben sie bei der Gemeinde eine erste Petition mit 177 Unterschriften abgegeben. Gesammelt wird aber weiter. Zu den Mitunterzeichnern gehören auch viele Lehrer des Hörli-Schulhauses. Dies bestätigt Schulleiter Hansjürg Albrecht und fügt an: «Der Ausbau der Antenne bereitet uns keine Freude.» Über die Schulkommission habe man die negative Einstellung der Lehrerschaft beim Gemeinderat deponiert.

Einsprachen mit wenig Chancen

Elisabeth Bosshard, Josefine Eugster und Brigitte Kranabether kritisieren offen die Kommunikationspolitik der Gemeinde. Die Bevölkerung werde über die bestehende Mobilfunkanlage und den geplanten UMTS-Ausbau nicht informiert. So berichtet Brigitte Kranabether: «Ich habe schon fast 200 Leute aus Teufen befragt. Praktisch niemand weiss etwas davon.» So gibt auch Schulleiter Hansjürg Albrecht zu, erst durch die Initiantinnen etwas über den Ausbau erfahren zu haben. Besonders sauer aufgestossen ist den drei Teufnerinnen die veröffentlichte Bauplanauflage (Bild unten): «Dass es sich um eine UMTS-Funkantenne handelt, steht mit keinem Wort.»

Direkt informiert hat der Gemeinderat erst einmal. Und dies auf Initiative von Elisabeth Boss-hard. «Nachdem ich am Morgen das Gespräch mit dem Gemeindepräsidenten gesucht hatte, wurde für den Nachmittag schnell eine Informationsveranstaltung einberufen», erzählt sie. An dieser Sitzung nahmen 14 Anstösser teil. Er habe sich die Sorgen der Teilnehmer angehört und die Sachlage aus Sicht der Gemeinde dargelegt, so Elisabeth Bosshard. Hoffnung machte er ihnen allerdings nicht. «Gerhard Frey teilte uns mit, die Einsprachen hätten keine Chance, da die Anlage schon bestehe und die Strahlenbelastung innerhalb des Richtwertes liege». Bestätigen konnten diese Aussage weder das Umweltamt des Kantons noch die Baubewilligungsbehörde von Teufen, weil das Verfahren noch hängig ist. Trotzdem scheinen die Aussichten auf Erfolg gleich Null.

«Wenn die Strahlenbelastung den vorgegebenen Richtlinien des Bundes entsprechen, kann man umweltrechtlich nicht viel dagegen unternehmen», erklärt Ralph Boltshauser vom kantonalen Amt für Umwelt. Bleibt nur ein raumplanerischer Einwand. Doch auch hier sieht es für die drei Frauen schlecht aus. «Eine Erweiterung der bestehenden Antenne verändert das Ortsbild nicht», so Pius Neuländner, Mitglied der Baubewilligungsbehörde Teufen. Würde noch keine Antenne bestehen, sähe es für eine Bewillung wieder ganz anders aus. Der kantonale Richtplan nennt als Ausschluss-kriterien für die Erstellung von Mobilfunk-Antennen unter anderem die Standorte im Bereich his-torischer Bauten und in empfindlichen Gebieten wie Schulen, Heime und Spitäler. Also: Keine Antennen in Nähe von Kirchen und Kindergärten. Federführend beim Verfahren ist die Gemeinde. Die ersten Hürden hat das Gesuch in der Zwischenzeit genommen. Laut Pius Neuländner haben sowohl Heimatschutz wie Denkmalpflege das Okay gegeben. Er rechnet damit, dass in drei Monaten ein definitiver Entscheid fällt.

Wie in Langenthal kämpfen

Kämpfen wollen Josefine Eugs-ter, Brigitte Kranabether und Elisabeth Bosshard weiterhin: «Mit Unterschriften wollen wir für mehr politischen Druck sorgen.» Sie hoffen auf ein zweites Langenthal BE: Dort hatte ein Viertel der Bevölkerung eine Petition unterschrieben. Daraufhin entschied die Regierung, keine Bewilligungen für UMTS-Antennen zu erteilen, bis eine ETH-Studie die Auswirkungen der Strahlen auf Mensch und Umwelt geprüft hat. Eine holländische Studie hatte gezeigt, dass die UMTS-Wellen auch bei Einhaltung der geltenden Grenzwerte Auswirkungen auf den Menschen haben können. Dieser Studie wurden diverse Schwächen vorgeworfen. Die ETH überprüft nun die Daten. Mitte September werden die Resultate voraussichtlich vorliegen. Der Berner Gemeinderat befindet sich mit dem Moratoriums-Entscheid auf einem rechtlich unsicheren Boden. Ihm wird vorgeworfen, er übergehe Bundesrecht, da das Bauvorhaben den Richtwerten entspreche. Dies gibt auch Stadtschreiber Daniel Steiner in der Berner Rundschau zu, doch, «der Gemeinderat muss nicht nur Gesetze vollziehen, sondern auch Zivilcourage entwickeln.» Er habe sich für den Bevölkerungsschutz entschieden.

Die drei Teufnerinnen vermissen diese Haltung bei ihrem Gemeinderat: «Wir fühlen uns allein gelassen. Wir haben das Gefühl, der Gemeinderat vertritt nicht die Interessen der Einwohner, sondern die der Wirtschaft.»

Re: Teufen: «Wir fühlen uns allein gelassen » ...und an der

Verfasst: 5. März 2005 17:09
von Evi Gaigg
"Mediziner verstehen kaum etwas von Technik,
Techniker verstehen kaum etwas von Medizin.
Politik und Justiz verstehen von beidem nichts
und deshalb verlassen sie sich völlig blauäugig
auf die Angaben der interessierten Industrie."

(Zitat aus der Gigaherz-Broschüre PROBLEMFALL MOBILFUNK SCHWEIZ, Seite 9)

Ich setze fort:
Laien besuchen Vorträge, Symposien, Kongresse. Nur ausgerechnet die Vertreter von Bewilligungsbehörden (lies: Bauamtsvorsteher der Gemeinden) und ebenfalls die Bundesämter (BAG, BUWAL, BAKOM) glänzen dort stets durch Abwesenheit.

Laien lesen auch einschlägige Literatur und informieren sich. Die nämlichen Vertreter von Bewilligungsbehörden (siehe oben) tun das nicht, denn sonst müssten sie ihre Verantwortung der betroffenen Bevölkerung gegenüber ernsthafter wahrnehmen.

Da ist es allemal bequemer, von nichts was zu wissen, sich hinter den zweifelhaften, weil völlig nutzlosen Vorschriften zu verschanzen und das Volk mit wohlfeilen Worten (Ausreden) abzuspeisen, auch zu dulden, dass das Volk von der Industrie, wie hier im Fall Teufen, an der Nase herumgeführt wird. Ähnliches gilt auch für die Bundesämter, obwohl es dort einigen Leuten schon bewusst ist, dass sie sich eigentlich bereits zwischen Amboss und Hammer befinden.

Evi Gaigg