Pornografische Angebote per Mobilfunk werden zum Milliardenm

The Future's Black

Pornografische Angebote per Mobilfunk werden zum Milliardenm

Beitrag von The Future's Black » 7. März 2005 12:45

© NZZ am Sonntag; 06.03.2005; Seite 45; Nummer 10

Wirtschaft

Unanständige Geschäfte

Pornografische Angebote per Mobilfunk werden zum Milliardenmarkt - auch weil sie die Jugend erreichen

Dominik Flammer

Per Handy erhalten Kinder und Jugendliche problemlos

uneingeschränkten Zugang zu zweifelhaften Angeboten. Die Anbieter bemühen sich kaum, taugliche Alterskontrollen einzuführen. Zu gross sind die Gewinnmargen, die winken.

Auf der Internetseite der Swisscom- Tochter Bluewin werden ganz offen Filme angepriesen, die sicher nicht in die Kategorie harmlose Erotikfilmchen fallen. Über die Homepage von Sunrise gelangt man zu einem MMS-Pornokino, während Orange Schweiz seinen Kunden Links wie «Hot-Feeling» empfiehlt. Problemlos und ohne taugliche Alterskontrolle lassen sich die meisten auf den weiterführenden Seiten angepriesenen Pornobilder auf das Handy herunterladen, sofern man über ein MMS-taugliches Gerät verfügt. Auch kurze Videosequenzen stehen bereits zur Verfügung.

Alltag in der Kommunikationsbranche - kaum ein Medium und keine Telekom-Firma verzichtet auf diese kein Ersatz-Angebote. Sie gelten in der Branche als treibende Kraft hinter der technologischen Entwicklung, insbesondere in der mobilen Kommunikation. So zeigt eine Studie des britischen Instituts Visiongain, dass bis 2006 weltweit bereits 3,7 Mrd. $ allein im Mobiltelefonmarkt mit Pornografie eingenommen werden sollen. Zurückhaltender sind die Marktforscher der amerikanischen Yankee-Gruppe, sie gehen von einem Umsatz von 1 Mrd. $ bis ins Jahr 2008 aus. Von einem Milliardenmarkt reden indes alle.

Die Branche hat erkannt, dass die Jugendlichen mit dem Mobiltelefon über ein Kommunikationsmittel verfügen, mit dem sie faktisch ausserhalb der Kontrolle ihres Elternhauses sind. Und das sind viele. Bereits 2003 verfügten laut einer im Kanton Zürich durchgeführten Studie 74% aller 12- bis 16-jährigen über ein Handy, eine Technologie, die sie zudem weit besser beherrschen als ihre Eltern.

Zwar lassen sich bisher mit der MMS-Technologie erst Bilder und kurze Videosequenzen in ungenügender Qualität aufs Handy laden, doch eröffnet die dritte Netz-Generation UMTS neue Dimensionen. Hoffnungsvoll wartet die Industrie hier auf den Durchbruch. Bereits nächstes Jahr soll laut deutschen Studien jeder zweite Nutzer über ein UMTS-taugliches Smartphone verfügen, mit dem sich auch lange Filme problemlos herunterladen und abspeichern lassen.

«Sind Sie schon 18?»

In der Schweiz wurden laut Swisscom bisher erst 20 000 UMTS-Mobilgeräte an Private verkauft, allerdings gibt es das Angebot erst seit Weihnachten. Doch die Technologie lässt sich nicht aufhalten. So hat die britische Vodafone für die Cebit in Hannover bereits ihr Live-Fernsehen für das Handy angekündigt, bis zu 30 Fernsehprogramme sollen damit übertragen werden können.

Mit dieser Entwicklung kommt eine Problematik auf die Telekom-Gesellschaften zu, die noch kaum erkannt wird: Was tun, um den Jugendschutz in der Mobilkommunikation zu gewährleisten? Schwer tut man sich in der Schweiz damit. Kein Wunder, selbst die meisten Internet-Angebote stehen Jugendlichen uneingeschränkt zur Verfügung, taugliche Alterskontrollen kennen die wenigsten Anbieter. Bis heute fehlt es laut dem Bundesamt für Polizei an einem Urteil zur kein Ersatz- Checker-Problematik, obwohl das Gesetz hierzulande das «Anbieten, Zeigen, Überlassen und Zugänglichmachen» von Pornografie an Kinder unter 16 Jahren unter Strafe stellt. Entsprechend locker nimmt es die Branche denn auch mit den Kontrollen. Ein simples «Yes» per SMS auf die Frage «Sind Sie schon 18?» genügt, um sich heute schon MMS-Pornobilder herunterzuladen, etwa beim Sunrise-Partner «Cherry». Die Telekom-Gesellschaften haben sich abgesichert, die Verantwortung wird auf die Partner abgeschoben, welche die Inhalte liefern. Die Swisscom weist darauf hin, dass zwischen der Bluewin-Startseite und dem kein Ersatz- Angebot eine Seite zwischengeschaltet sei, auf der auf die Altersbeschränkung aufmerksam gemacht werde. Dass indes dieses Prinzip der Eigenverantwortung nicht funktioniert, hat man in anderen Ländern längst erkannt.

Während etwa Irland, Australien oder auch Grossbritannien für die neue Generation der Smartphones eine lückenlose Registrierung der Käufer und damit auch der Altersgruppen anstreben, wird das Thema in der Schweiz noch kaum diskutiert. Die beiden wichtigsten Projekte zu Internet, mobiler Kommunikation und Jugendschutz gehen von der französischen Schweiz aus, allerdings kümmern sich die «Aktion Unschuld Genf» und «Weisser Marsch Schweiz» in erster Linie um den Kampf gegen die Pädophilie.

Ungeschützter Zugang

Dass die Problematik um den Jugendschutz nicht angegangen wird, verblüfft, liest man etwa die Zahlen der Bundespolizei zur Internetkriminalität: Über die Hälfte aller Meldungen bei der nationalen Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internet-Kriminalität betreffen die Pornografie - bis zu 250 Meldungen laufen monatlich bereits ein. Oft geht es dabei um den ungeschützten Zugang zu pornografischen Angeboten.

Dass dagegen nur halbherzig vorgegangen wird, zeigt das kürzliche Geplänkel zwischen der SRG und dem Privatsender Star-TV. Gegenseitig warfen sich die beiden Sender vor, Jugendlichen via Werbespots (Star-TV) oder via Teletext MMS-Pornoangebote schmackhaft zu machen. Angebote, die seit Jahren bestehen, aber erst heute scheinen die Behörden zu bemerken, dass es hier rechtliche Probleme geben könnte. So untersucht die Zürcher Bezirksanwaltschaft mittlerweile gegen Star-TV. Ob es zu einer Anzeige kommt, stehe allerdings noch nicht fest, wie der zuständige Bezirksanwalt verlauten lässt. Sanft kommt denn auch die Empörung des «Blicks», der sich mit süffisantem Unterton («Streit um kein Ersatz-Filmli») darüber mokiert, dass man sowohl bei Star-TV als auch über Teletext-Angebote mit ein paar Fingerübungen harte Pornobilder aufs Handy herunterladen könne. Was in der Tat eine ernsthafte Konkurrenz für die eigenen «Hot Butts» sein dürfte, die via «Blick»-Link zu allen erdenklichen Lustspielen einladen.