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So strahlt die Handy-Lobby

Verfasst: 19. April 2005 12:33
von The Future's Black
So strahlt die Handy-Lobby

Umweltministerium macht mit Mobilfunk-Betreibern gemeinsame Sache: Neue Messungen sollen die Elektrosmog-Belastung in Niedersachsen ermitteln. Experten kennen jetzt schon die Ergebnisse

von Kai Schöneberg

Auf jeden Fall gab es schöne Kulis und Hochglanzbroschüren. Damit gleich alles klar war, sagte Dagmar Wiebusch vom Informationszentrum Mobilfunk (IZMF) strahlend, dass "wir ja nicht an der Mobilfunktechnologie vorbeikommen". Thema auf der mit allerlei PR-Schnickschnack beschickten Pressekonferenz gestern im niedersächsischen Umweltministerium: Bis Ende Mai werden in Niedersachsen in 25 Kommunen Messungen zur Belastung durch elektromagnetische Strahlung durchgeführt. Das IZMF zahlt "unabhängige" Messexperten vom TÜV, das Umweltministerium ist sogar Schirmherr.

Ja, es gebe Menschen, die mit dem Thema Strahlenbelastung durch Elektrosmog "schwer umgehen könnten", begrüßte Staatssekretär Christian Eberl die Aktion. "Wir haben ja kein Sinnesorgan für die Strahlung". Deshalb müsse man "transparent machen, was an der Belastung dran ist". Die neuen Messungen des IZMF gingen über bislang vorgenommene hinaus. Allerdings, so Eberl, "haben wir bislang nichts feststellen können, was in die Nähe der Grenzwerte kam".

Dazu sollte man wissen, dass das IZMF ein eingetragener Lobby-Verein ist, den die Mobilfunkbetreiber laut Wiebusch mit jährlich zwei Millionen Euro sponsern. Das ist jedoch ein Pappenstiel im Vergleich zu den fast 100 Milliarden Mark, die Telekom, Vodafone, E-Plus und andere vor fünf Jahren für die Lizenzen für den neuen Handy-Standard UMTS bezahlt haben. Dazu kommen weitere Milliarden für die Installation der Technik.

Bislang ist UMTS in Deutschland jedoch ein Flopp. Ende 2004 gab es erst 250.000 Nutzer. Es sei ja "weitgehend unbekannt, dass die Strahlungen durch Mobilfunk hundert- bis tausendfach unter den Werten liegen, die gesetzlich zugelassen sind", beteuerte Wiebusch.

"Ich weiß jetzt schon, was bei den Messungen herauskommt", sagt Peter Neitzke vom Ecolog Institut in Hannover, das seit 15 Jahren über Elektrosmog forscht: "Die Grenzwerte werden deutlich unterschritten werden." Allerdings, so der Biophysiker, seien die gesetzlichen Grenzwerte für Handy-Strahlung viel zu niedrig. In Deutschland seien 61 Volt pro Meter erlaubt, in der Schweiz nur 6. "Es sollten jedoch nicht mehr als 2 Volt pro Meter sein", betont Neitzke. Viele Experten hielten Veränderungen am Erbgut, Beeinflussung von Hirnfunktionen oder auch Nervosität und Schlafstörungen für möglich. Jede zehnte der derzeit in Deutschland installierten 70.000 Mobilfunk-Sendeanlagen könne gesundheitliche Probleme verursachen.

Auch Enno Hagenah von den Grünen hält Langzeitbeschwerden durch Handy-Masten für nicht für ausgeschlossen. Zudem sei es "fahrlässig", wenn ausgerechnet das Umweltministerium die Mobilfunkbetreiber durch seine Schirmherrschaft unterstütze. Hagenah: "Es kann doch nicht sein, dass hier vor Auswertung der Untersuchungen quasi eine Generalabsolution erteilt wird." Neitzke wird deutlicher: "Die Messkampagne ist nur ein Beruhigungsbonbon für die Öffentlichkeit."

taz Nord Nr. 7640 vom 15.4.2005, Seite 24, 102 Zeilen (TAZ-Bericht), Kai Schöneberg

Re: So strahlt die Handy-Lobby

Verfasst: 19. April 2005 14:01
von Evi Gaigg
>Allerdings, so der Biophysiker, seien die gesetzlichen Grenzwerte für Handy-Strahlung viel zu niedrig. In Deutschland seien 61 Volt pro Meter erlaubt, in der Schweiz nur 6. "Es sollten jedoch nicht mehr als 2 Volt pro Meter sein", betont Neitzke.

Gleich ein zweifacher Irrtum, denn gemeint ist wohl, dass die deutschen Grenzwerte nicht zu niedrig, sondern zu hoch sind.
Und dass in der Schweiz die 6 V/m nur in Innenräumen gelten und das auch nur, wenn es technisch machbar und finanziell tragbar ist, müsste Prof. Neitzke eigentlich wissen, denn er war am 1. Nationalen Kongress als Referent eingeladen.

Es ist ärgerlich, wenn immer noch die Schweizer Grenzwerte als vorbildhaft dargestellt werden, was sie in Wirklichkeit gar nicht sind.

Und 2 V/m sind immer noch um mehr als das Zehnfache zu hoch, wenn man weiss, dass Menschen schon bei weniger als 0,2 V/m Gesundheitsprobleme bekommen.

Was die "Zusammenarbeit" der Politik mit der Industrie betrifft, ist es überall derselbe Filz. Sagen wir es doch gleich richtig: der gleiche Betrug. Man darf gespannt sein, wann es endlich irgendwo zu dämmern beginnt, denn auf die Dauer lassen sich die Dinge nicht schönreden oder gar vertuschen.

Evi Gaigg

Re: So strahlt die Handy-Lobby

Verfasst: 19. April 2005 14:16
von mips
Auch die von Herrn Neitzke geforderten 2V/m werden an den allermeissten Messpunkten unterschritten werden (in meiner Messpraxis habe ich nur enmal einen höheren Wert als 2V/m an einem OMEN gemessen), denn auch dieser Ecologwert ist viel zu hoch, für Schlafstellen gar um den Faktor 100 zu hoch.

Auch vergleicht Herr Neitzke Aepfel mit Birnen, wenn er die Immissionsgrenzwerte, die nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweizgelten, mit den schw. Anlagegrenzwerten vergleicht.

Re: So strahlt die Handy-Lobby

Verfasst: 20. April 2005 20:39
von Elisabeth Buchs
Herr Neitzke begründet die Werte von 2 V/m folgendermassen: Bei der Formulierung des Vorsorgewertes konnten die Erfahrungsberichte einzelner Umweltmediziner und von Baubiologen über Personen, die auf extrem niedrige Leistungsflussdichten mit unterschiedlichen Symptomen reagieren, nicht berücksichtig werden, da es bisher keine hinreichend dokumentierten Untersuchungen gibt, die als Grundlage für eine wissenschaftlich fundierte Risikobewertung herangezogen werden können. Es sei sofortiger dringender Forschungsbedarf angesagt. (http:www.ecolog-institut.de/templates/index. ... v2=7&nav3=, Biologische Wirkungen HK04 2003.pdf)

D.h. Herr Neitzke wollte sich mit seinen Werten von 2 V/m auf der rein wissenschaftlich bewiesenen Ebene äussern, er muss wohl auch vorsichtig sein, was er sagt.

Auf der angegebenen Seite findet sich ein sehr interessanter Text "Biologische Wirkungen schwacher HF-Felder und Empfehlungen zur Begrenzung der Expositionen durch Funksendeanlagen" (H.-P. Neitzke, J. Osterhoff, H. Voigt).

Gesundheitliche Schäden:
Krebserkrankungen
Beeinflussung des Immunsystems
Beeinflussung der Fortpflanzung
Gentoxische Effekte

Beeinträchtigung des Wohlbefindens:
Befindlichkeitsstörungen
Elektrosensibilität: bisher zu wenig untersucht und noch nicht möglich zu bewerten.

Effekte mit potentieller gesundheitlicher Relevanz:
Beeinflussung des Nervensystems
Beeinflussung des Hormonsystems
Beeinflussung des Calcium-Ionen-Haushalts
Aktivierung von Hitzeschock-Proteinen
Beeinflussung der Zell-Proliferation

Auch wenn sich eindeutig wissenschaftlich bewiesene Effekte erst bei relativ hohen Werten zeigen, können die Erfahrungstatsachen von Betroffenen nicht länger als Einbildung abgetan werden. Vor allem der Zeitfaktor, der bei Versuchen oft zu wenig berücksichtigt werden kann, könnte eine grosse Rolle spielen. Gegen was ich mich besonders wehre ist, dass die Entscheidungsträger solches ignorieren und Bewilligungen zum weiteren ungezügelten Ausbau erteilen. Ich habe von einer Frau gehört, die aufgrund von gesundheitlichen Problemen wegen Mobilfunk in ein abgelegenes Bergdorf geflüchtet ist, ihr Mann nimmt einen weiten Arbeitsweg in Kauf und nun soll in diesem Bergdorf eine GSM und UMTS-Antenne erstellt werden.

Mit freundlichen Grüssen

Elisabeth Buchs