Roboter macht Handy-Strahlen sicht- und hörbar. Der Erfinder

The Future's black

Roboter macht Handy-Strahlen sicht- und hörbar. Der Erfinder

Beitrag von The Future's black » 8. September 2005 11:45

© Basler Zeitung; 08.09.2005; Seite 15

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Aitu sorgt für Wirbel

Ein Roboter-Prototyp macht Handy-Strahlen sicht- und hörbar

TIMM EUGSTER

Wittert Roboter Aitu ein Handy, reagiert er mit lieblichem Styropor-Schneegestöber - nimmt die Strahlung aber überhand, sorgt er für einen Sturm. Aitu ist raffiniert und verspielt wie ein neues Handy und regt zum Nachdenken über unser Verhältnis zu Technologien an.

Dieser Mann muss ein Technik-Freak sein. Luc Gross, 29, Student am Basler «Hyperwerk». Erfinder und Konstrukteur von Aitu, dem Strahlenroboter: gegen aussen ein futuristisches Designer-Gadget auf Rädern, innen drin vollgepackt mit ausgeklügelter Elektronik.

Ausgerechnet dieses Teil soll uns zum Nachdenken über unseren Umgang mit modernen Technologien anregen. Aitu macht die elektromagnetischen Strahlen sicht- und hörbar, die um uns sind, wenn wir von mobiltelefonierenden Menschen oder Antennen umgeben sind - also fast immer. Auf wenig Strahlen reagiert er mit lieblichem Geplätscher und idyllischem Styropor-Schneerieseln unter der Spielzeug-Glaskuppel. Viele Handys aber lassen ihn verrückt spielen: das Gestöber wird zum lauten Sturm. «Aitu geht nicht sehr intelligent vor», sagt der Erfinder, «er sucht die Strahlung nicht, er fährt einfach zielstrebig in eine Richtung, bis er irgendwo anstösst und eine neue Richtung einschlagen muss.» In diesem Punkt, meint Luc Gross lachend, funktioniere er gleich wie viele Menschen: «In den härtesten Situationen lernt man am meisten.»

Trotzdem hat Luc Gross bewusst nicht die harte Tour gewählt, um mit seinem Fachhochschul-Diplomprojekt auf die Gefahr durch Handy-Strahlen aufmerksam zu machen. Eine Gefahr, die heute kaum ein Thema sei - zu Unrecht, wie Luc Gross sagt: «Die Pulsierung des Funksignals erhitzt Ohr und Kopf.» Bei Ratten habe man sogar festgestellt, dass Zellmaterial dunkler werde. Und: «Die DNA-Struktur kann sich verändern.» Solche Dinge erzählt Luc Gross jedoch nur auf Nachfrage - in seinem Projekt stellt der angehende «Interaktionsleiter FH» das Spielerische in den Vordergrund: «Das Thema gilt nicht gerade als cool, da würde ein erhobener Zeigefinger nur den Zugang zu einer Auseinandersetzung verbauen.»

EMOTIONAL. Mobilkommunikation sei eben weit mehr als Technik - nämlich eine hoch emotionale Sache. Nicht zuletzt, weil die Werbung den Mobilfunk derart mit Träumen von Freiheit, Unabhängigkeit, menschlicher Wärme und Gemeinschaft auflade, dass Luc Gross ins Staunen gerät: «Diese Orange-Werbung zum Beispiel, die in utopischen Landschaften spielt, in der wir alle gar nicht leben, ist ja eigentlich viel zu dick aufgetragen.» Zumal man sich noch immer im direkten Kontakt ohne neue technische Hilfsmittel näher komme, wie Luc Gross bemerkt.

In seiner früheren Arbeit als Programmierer hat er sogar die Erfahrung gemacht, dass der intensive Umgang mit Technologien aufs Gemüt schlagen kann: «Ich bin oft so sehr in der Parallelwelt des Computers abgetaucht, dass ich manchmal Mühe hatte, wieder Menschen zu begegnen.» Diese Erfahrung hat ihn skeptisch gemacht gegenüber naiven Technik-Utopien. Für ebenso unbegründet hält er auf der anderen Seite Ängste wie jene, dass intelligente Roboter an die Stelle der Menschheit treten könnten. Luc Gross: «Wir haben es in der Hand, uns kritisch mit Technologien auseinander zu setzen und einen guten Umgang mit ihnen zu entwickeln.»

UNTER DEM KISSEN. Mit seiner Diplomarbeit will er dazu beitragen. Strahlenroboter Aitu ist bloss ein Teil davon. Die Arbeit umfasst auch Foto-Porträt-Serien von Leuten, die auf der Strasse in ihr Gerät vertieft SMS schreiben, sowie mehrere kleine Theaterstücke, in denen Alltagsepisoden der Beziehung Mensch-Maschine dargestellt werden. Und während der internationalen «TV-Turnoff-Week» organisierte er in Basel Strassenaktionen.

Die bisherigen Erfahrungen bestärken Luc Gross darin, das Thema nach dem Hyperwerk-Abschluss weiter zu verfolgen - und vielleicht noch ein paar Strahlenroboter mehr zu bauen. «Nach einem ersten Erstaunen werden die meisten Leute neugierig», erzählt Luc Gross. Mit dem Resultat, dass einige, die mit Aitu und seinem Schöpfer Bekanntschaft geschlossen haben, nun lange Telefongespräche wieder im Festnetz führen, ihr Handy nachts nicht mehr mit ins Bett nehmen und es auch nicht mehr sehr cool finden, es in den Hosensack zu stecken.

Strahlenroboter Aitu und die anderen Teile des Diplomprojekts sind von morgen Freitag bis am Sonntag jeweils 14-22 Uhr im Kaskadenkondensator, Warteck PP, Burgweg 7 zu sehen (Eingang gleich neben Restaurant Don Camillo). Vernissage: Heute, 18 Uhr.

Internet-Adresse">>www.hyperwerk.ch/face