"Wo Strom fliesst, ist auch Strahlung"

The Future's black

"Wo Strom fliesst, ist auch Strahlung"

Beitrag von The Future's black » 30. September 2005 12:38

© Cash Value; 29.09.2005; Seite 36; Nummer 10

elektrosmog

Wo Strom fliesst, ist auch Strahlung

Beeinträchtigt Elektrosmog die Gesundheit? Eine Gefährdung ist bisher nicht schlüssig erwiesen. Dennoch sind Vorsichtsmassnahmen empfohlen. Die meisten sind billig und einfach zu realisieren.
[Wie Antennen abzureissen? < The Future's black]

Text: Andreas Valda

Sind körperliche Beschwerden auf Grund von Elektrosmog vielleicht nur Einbildung? Diese provokative Frage stand am Anfang der Untersuchungen des ETH-Wissenschafters Christopher Müller vor neun Jahren. Für seine Doktorarbeit liess er unter anderem ein spezielles Bett bauen, worin eine Apparatur von Kabeln und Spulen versteckt war. Computergesteuert konnte er damit in der Liegezone schwache, so genannte niederfrequente elektrische und elektromagnetische Felder erzeugen. Ingesamt nahmen 53 Personen an diesem Experiment teil.

Einmal blieb Strom die ganze Nacht eingeschaltet, ein anderes Mal nicht, wobei niemand wusste, wann. Die Versuchsanlage glich also Medikamententests, bei denen einmal das echte Präparat und einmal ein Placebo gegeben wird. Müller zeichnete Bewegungen, Atmung und Herzschlag der Probanden auf. Zudem musste jeder von ihnen ein Tagebuch führen. Die Aufzeichnungen sollten aufzeigen, ob sie auf elektrische Strahlen reagierten und ob sich das Schlafverhalten bei ein- und ausgeschalteter Apparatur unterschied.

Der Hintergrund der Versuchsanlage sind Behauptungen von Patienten und Baubiologen, dass der so genannte Elektrosmog das körperliche Wohlbefinden schmäleren kann. Als Elektrosmog wird die Beeinträchtigung durch elektrische oder magnetische Felder bezeichnet, die nach Meinung einiger Fachleute den Schlaf stören oder nach jahrelanger Einwirkung gar krank machen können. Als «Felder» oder «Feldstärke» wird die Spannung bezeichnet, die dort, wo die Strahlen eintreffen, gemessen werden kann. Je weiter weg von der Quelle gemessen wird, desto kleiner die Feldstärken.

Elektrische Felder werden etwa von einem einfachen Kabel erzeugt, das unter Spannung liegt. Magnetische Felder entstehen überall dort, wo Strom fliesst, zum Beispiel in Transformatoren von Radioweckern, in Fernsehern oder Niedervolt-Lampen. Menschen, die sich vom Elektrosmog beeinträchtigt fühlen, werden als «elektrosensibel» bezeichnet. Der Umweltforscher wollte nun wissenschaftlich überprüfen, ob diese Menschen schwache elektrische und magnetische Felder wahrnehmen können.

Strahlen haben Wirkung - aber es ist nicht unbedingt so, dass man schlechter schläft

Das Resultat: Es gab Versuchspersonen, die Felder spürten. «7 der 53 Versuchspersonen reagierten auf den eingeschalteten Zustand so, dass man ein zufälliges Verhalten ausschliessen kann», sagt Christopher Müller. Aber dass sie deswegen schlechter schlafen würden, konnte man nicht sagen. Einige drehten sich im Schlaf vom Bettteil mit dem elektrischen Feld weg, andere wiederum zeigten keine auffällige Reaktion. Über alles gesehen schliefen die Versuchspersonen gefühlsmässig sogar besser bei eingeschalteter Apparatur. Nach weiteren Versuchen, etwa, indem erraten werden musste, ob ein Feld strahlt oder nicht, stellte Müller fest: «Eine einzige Versuchsperson hat Wahrnehmungsfähigkeiten, die einen Zufall ausschliessen.» Eine von 53.

Das Ergebnis der Untersuchung war also klar: Es gibt Menschen, die auf elektrische und magnetische Felder reagieren. Statistisch hochgerechnet dürften laut dieser und früher gemachten Studien maximal fünf Prozent der Bevölkerung elektrofühlig sein.

«Das heisst aber nicht, dass sie einen Schaden davontragen oder erkranken», sagt Müller. Denn der in der Studie aufgedeckte biologische Effekt kann nicht als direkte Ursache für Schlaflosigkeit und Krankheiten herhalten. «Elektrosmog bietet sich als einfache Erklärung für Beschwerden an, die andere Gründe haben», kritisiert Müller. Mehrmals stellte er fest, dass Beschwerden dem E-Smog angelastet wurden, bis sich herausstellte, dass andere Ursachen dafür verantwortlich waren.

Noch immer sind sich die Fachleute nicht einig, was wie schädlich ist

Diesen Ansatz teilen die meisten Baubiologen nicht. Für sie ist klar, dass elektrische und elektromagnetische Felder den Organismus beeinträchtigen und Krankheiten verursachen können. Einig ist man sich hingegen darin, dass hochfrequente von niederfrequenten Feldern unterschieden werden müssen. Hochfrequente Felder - dazu gehören auch Licht und Wärme - verursachen etwa Handyantennen, drahtlose Internetanschlüsse (Wlan) und Basisstationen von digitalen Schnurlostelefonen. Diese elektromagnetische Strahlung durchdringt Wände und Böden und wirkt auf den Organismus anders als niederfrequente, die im Haus vom Stromnetz ausgesendet wird.

Wie anders, darüber scheiden sich die Geister. Erwiesen ist nichts. Zu sagen, die eine Strahlungsart sei gefährlicher als die andere, ist nicht möglich. Hochfrequente Strahlungen gelten als energiereicher und könnten - stark vereinfacht gesagt - ungeschützt und bei lang anhaltender Einwirkung das Gewebe aufheizen, wie ein Mikrowellenofen das Essen aufheizt. Die maximal zulässigen Feldstärken solcher hochfrequenten Strahlen sind aber bewusst rund 100 Mal tiefer angesetzt, als dass eine Strahlendosis einen Menschen um ein Grad erwärmen könnte.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) liess eine Studie erstellen, die die gesundheitliche Wirkung der Schnurlostelefone beurteilen soll, im Fachjargon Dect-Geräte genannt. Sie stellte fest, dass die Strahlung weit unter den international empfohlenen Grenzwerten liegt. Und die Zürcher Baudirektion schreibt: «Die Funkeinrichtungen Dect und Wlan arbeiten mit sehr geringen Leistungen. Die Messungen zeigen, das mit solchen Anlagen keine Grenzwerte verletzt werden.» Befürchtungen hinsichtlich einer möglichen Strahlungsbelastung seien nach heutiger Kenntnis unbegründet.

Gesichertes Wissen, das solche Geräte in einer Langzeitwirkung schädlich sind, gibt es nicht. «Deshalb setzen wir auf Vorsorgemassnahmen», sagt Mirjana Moser, Strahlenexpertin des BAG. Sie empfiehlt, die mit einer hohen Frequenz strahlenden Geräte nicht im Schlafzimmer, Kinderzimmer oder in der Nähe des Arbeitsplatzes zu halten.

Wer etwas gegen Strahlung tun will, sollte im Schlafzimmer anfangen

Doch Grenzwerte retten die Situation für Elektrosensible nicht. «Wer über Herzklopfen, Kopfweh, Schwitzen, Schlaflosigkeit oder «sich gerädert fühlen» klagt, bei dem könnte Elektrosmog die Ursache sein», sagt Heini Dubs, Präsident der Fachgruppe Hausuntersuchungen der Schweizerischen Interessengemeinschaft Baubiologie und Bauökologie (SIB). Er schätzt, dass für 10 bis 30 Prozent der Bevölkerung der Elektrosmog ein Problem sei. Bei seinen Untersuchungen an Häusern und Wohnungen gilt sein Hauptaugenmerk dem Schlaf: «Das Schlafzimmer ist der einzige Ort, bei dem man keine Kompromisse eingehen sollte», sagt Dubs. Denn einen Drittel des Lebens verbringe man im Bett, dieser Bereich sollte deshalb störungsfrei eingerichtet sein. Für ihn und seine Berufskollegen ist klar: kein Radiowecker auf dem Nachttisch, keine Niedervoltbeleuchtung unter Strom, kein Kabel unter dem Bett, kein Fernsehen im Standby-Modus. Das Holzbett sollte man von der Wand rücken, weil Holz die Felder leitet. «Am besten lässt man alle Geräte nachts ausgeschaltet», sagt Dubs. Am einfachsten ist dies, wenn alle an einem Verteiler angehängt sind, der mit einem Schalter ausgerüstet ist. So können alle Geräte zentral ausgeschaltet werden.

Ein so genannter Netzfreischalter ist bequemer, aber teurer. Der wird am Sicherungskasten installiert. Sobald der letzte Stromverbraucher ausgeht, schaltet der Netzfreischalter den Stromkreis ab. Die Spannung verschwindet in allen Leitungen - auch in denen, die in der Wand liegen. Zu beachten ist allerdings, dass im Nebenzimmer nicht noch andere Geräte laufen. Dann verpuffe die Wirkung, weil die magnetischen Felder des Nebenzimmers hinüberstrahlen, sagt Dubs.

Schliesslich sind nach Ansicht von Baubiologen auch bei der Elektroinstallation die richtigen Weichen zu stellen. So empfiehlt neben Fachleuten auch die Zürcher Baudirektion: «Stromleitungen sind ab den Verteiltafeln möglichst sternförmig anzuordnen. Schlaufen in Stromleitungen sind zu vermeiden.» Auch sollten Sicherungskasten und der Hauptverteilerstrang nicht direkt neben dem Schlafzimmer liegen. n

Welche Strahlungsquellen gibt es eigentlich in meiner Wohnung?

Strahlenquellen gibt es überall im Haushalt. Aber nicht alle sind gleich stark und potenziell schädlich (siehe Kasten auf Seite 38).

Quelle: www.emf-info.ch

value-tipp

n Niederfrequente Felder im Haus

Radio, TV und Halogen-Niedervoltleuchten verursachen so genannte niederfrequente elektrische und magnetische Felder. Solange ein Kabel oder ein Gerät unter Spannung steht, aber kein Strom fliesst, entstehen elektrische Felder. Sobald Strom fliesst, entstehen zudem magnetische Felder, wenn auch ganz schwache. Etwas stärkere magnetische Felder verursachen gewickelte Kabel, etwa in Niedervolt-Trafos oder Heizschlangen. Elektrische Felder werden von Wänden, Kleidern und der Haut gut abgeschirmt. Magnetische Felder dagegen durchdringen Wände. Über die Wirkung dieser Felder auf den Menschen und ob sie schädlich sind, besteht kein gesichertes Wissen. Die gemessenen Feldstärken sind ein Vielfaches kleiner als die offiziellen Grenzwerte.

n Hochfrequente Felder im Haus

Basisstationen von schnurlosen digitalen Telefonen (Dect) und drahtlosen Netzwerken (Wlan) senden permanent, ebenso wie Mobilfunkantennen. Ihre Sendeleistung ist zwar um ein Vielfaches kleiner als die von Handyantennen, aber weil die Quelle im Haus steht, kann ihre Strahlung dort trotzdem stärker sein. Basisstationen von Geräten älteren Standards (so genannte CT1+ und CT2-Geräte) senden strahlungsärmer und werden als Alternative empfohlen.

Bei Elektroboilern erzeugen Heizwickler im Innern starke Magnetfelder, die bei dauernder Nähe zum Boiler bedenklich sein könnten. Die Heizplatten von Elektroherden wiederum enthalten Spulen, die ein Magnetfeld erzeugen, das unbedenklich schwach ist. Induktionskochherde heizen mit Magnetfeldern. Dadurch entsteht eine höhere Belastung als bei konventionellen Herden.

n Wie schützt der Staat?

Ein Gesetz aus dem Jahr 1999 bestimmt, wie stark elektrische und magnetische Felder sein dürfen. Es gibt einen Immissionsgrenzwert und einen Anlagegrenzwert. Ersterer muss überall eingehalten werden, Letzterer ist hundert Mal strenger und gilt in Wohn- und Bürobereichen. Er gilt aber nur für feste Anlagen wie Hochspannungsmasten oder Mobilfunkantennen. Mobile Geräte wie schnurlose Telefone, Wlan oder Radiowecker unterliegen den lascheren internationalen Produktenormen. Das Bundesamt für Gesundheit arbeitet darauf hin, dass strengere Informationsvorschriften für mobile Strahlungsquellen im Haushalt gelten.

Internetlinks

n Umfassende Informationen des Buwal, inklusive der neuen Broschüre «Elektrosmog in der Umwelt», zu finden auf www.buwal.ch, Link Elektrosmog.

n Neue, ausführliche Broschüre «Elektrosmog im Alltag» der Fachstelle Umwelt und Energie Stadt St. Gallen und der Forschungsstiftung Mobilkommunikation an der ETH Zürich: www.luft.zh.ch, Link Elektrosmog.

n Umfassendes Wissen zu Elektrosmog: www.fh-jena.de/contrib/fb/mb/people/wolf/ biowirk1.

n Informationen des Bundesamts für Gesundheit über «Nichtionisierende Strahlung» ist zu finden auf www.bag.admin.ch unter den Links Themen/Strahlenschutz

n Breite, kritische Informationen zum Thema, inklusive Verweisen auf Messprofis und Bezugsquellen von Produkten für elektrosensible Personen: www.e-smog.ch.

n Informationen der Schweizerischen Interessengemeinschaft Baubiologie/Bauökologie: www.gesund-wohnen.ch, www.baubio.ch.

n Die Dissertation von Christopher Müller, «Niederfrequente elektrische und magnetische Felder und Elektrosensibilität in der Schweiz», kann hier heruntergeladen werden: e-collection.ethbib.ethz.ch (über den Autorennamen suchen).

n Die Strahlungsquellen der Illustration auf Seite 39 werden auf www.emf-info.ch ausführlich beschrieben.