Schüler drehen Prügelvideos - jetzt droht Handyverbot
Verfasst: 5. Februar 2006 03:55
Schüler drehen Prügelvideos – jetzt droht Handyverbot
VON DANIEL JAGGI UND PETER EXINGER
05.02.2006 | 00:38:19
VERROHUNG Brutaler Trend auf Schweizer Schulhöfen: Jugendliche schlagen zu, um die Gewaltszenen mit dem Handy aufzunehmen. Nun droht an Basler Schulen ein Handyverbot.
Eine Oberstufenschule in Basel, Mitte Januar, kurz vor Beginn der Turnstunde: Ein Streit zwischen drei Schülern der gleichen Klasse eskaliert. Bisher war keiner von ihnen durch Gewalttaten aufgefallen. Doch jetzt schlägt einer brutal mit den Fäusten zu; ein Dritter filmt die Szene mit seinem Handy. Zeugen für die Schlägerei gibt es keine. Der Verprügelte erstattet Anzeige. Die Polizei findet das Beweismaterial auf dem Mobiltelefon: Der zweite Fall von «Happy Slapping» (fröhliches Draufhauen) in Basel.
Immer öfter finden Ermittlungsbehörden Filmclips und Fotos von grundlosen Schlägereien auf den Natels von Jugendlichen. Alex Briner (56), Jugendanwalt in Zug, bestätigt: «Wahrscheinlich sind solche Videoclips verbreiteter, als Eltern und Lehrer vermuten.»
Erniedrigung, Prügel und Brandstiftung
Nur wenige Fälle haben die Behörden bislang publik gemacht:
Winterthur ZH, Dienstag, 7. Juni: Vier Realschüler aus Zug reissen einen 15-jährigen Schüler vom Velo und verprügeln ihn grundlos. Einer filmt.
Basel, Donnerstag, 9. Juni: Ein 13-Jähriger verprügelt auf dem Schulhof einen Kollegen. Dabei verlangt er vom Opfer, in die Handykamera seines Freundes zu schauen.
Solothurn, Montag, 13. Juni: Jugendliche fackeln in der Nähe des Bahnhofs ein Auto ab. Einer filmt. Das Feuer gerät ausser Kontrolle, eine Scheune brennt nieder. Sachschaden: 1,5 Millionen Franken.
SonntagsBlick hat weitere Fälle recherchiert:
Kanton St. Gallen: Im Oktober ziehen mehrere Mitschüler einem Klassenkameraden die Hosen herunter, halten ihn fest und fotografieren die Szene. Gleich mehrere «Happy Slapping»-Fälle auch in
Jona SG: Oberstufenschüler spucken, schlagen und treten ihren Kollegen ins Gesicht – und nehmen die Szenen mit ihrem Handy auf.
Kanton Zürich: Hier hat die Jugendanwaltschaft Kenntnis von insgesamt sechs neuen Fällen.
Kanton Luzern: Jugendliche zeichnen ihre Schlägerei in einer Disco auf. Ein anderes Mal prügeln sich Oberstufenschüler, während einer filmt.
Fotohandys verleiten zu brutalen Handlungen
«Jede Tat zählt vor allem dann, wenn sie auch publik gemacht werden kann», erklärt der Basler Soziologieprofessor Ueli Mäder (54) die psychologischen Ursachen des neuen Phänomens.
Und die Zürcher Kinder- und Jugendpsychiaterin Cornelia Bessler (50) glaubt zu wissen, was den Trend ausgelöst hat: «Die Taten gäbe es ohne das Handy nicht. Ist ein Handy im Spiel, werden Prügeleien und Demütigungen aufgezeichnet. Die Bilder gelten als Trophäen.» Jugendanwalt Briner bestätigt: Erst der Besitz von Fotohandys verleite zu dieser neuen Form der Brutalität.
Darum wird jetzt auch ein Handyverbot an Schulen zum Thema. Hans Georg Signer (54), Leiter des Ressorts Schulen in Basel-Stadt, sagt: «Mir machen diese Fälle Angst. Denn das Handy wird wie eine Waffe verwendet.» Und weiter: «Ich weiss zwar um die Problematik von Kollektivmassnahmen. Wenn aber in Basel so etwas noch einmal passieren sollte, so müssen wir uns ernsthaft überlegen, ein klares Zeichen zu setzen und an den Schulen den Gebrauch der Handys zu verbieten.»
Sonntagsblick-Hotline
Felix Hof (47), Leiter der Jugendberatung Jona SG, wird nach «Happy Slapping»-Vorfällen regelmässig von
Lehrern und Schülern beigezogen. Der Experte beantwortet heute Sonntag von 10 bis 12 Uhr Fragen von Eltern und Jugendlichen.
Rufen Sie an: 044 259 60 66
VON DANIEL JAGGI UND PETER EXINGER
05.02.2006 | 00:38:19
VERROHUNG Brutaler Trend auf Schweizer Schulhöfen: Jugendliche schlagen zu, um die Gewaltszenen mit dem Handy aufzunehmen. Nun droht an Basler Schulen ein Handyverbot.
Eine Oberstufenschule in Basel, Mitte Januar, kurz vor Beginn der Turnstunde: Ein Streit zwischen drei Schülern der gleichen Klasse eskaliert. Bisher war keiner von ihnen durch Gewalttaten aufgefallen. Doch jetzt schlägt einer brutal mit den Fäusten zu; ein Dritter filmt die Szene mit seinem Handy. Zeugen für die Schlägerei gibt es keine. Der Verprügelte erstattet Anzeige. Die Polizei findet das Beweismaterial auf dem Mobiltelefon: Der zweite Fall von «Happy Slapping» (fröhliches Draufhauen) in Basel.
Immer öfter finden Ermittlungsbehörden Filmclips und Fotos von grundlosen Schlägereien auf den Natels von Jugendlichen. Alex Briner (56), Jugendanwalt in Zug, bestätigt: «Wahrscheinlich sind solche Videoclips verbreiteter, als Eltern und Lehrer vermuten.»
Erniedrigung, Prügel und Brandstiftung
Nur wenige Fälle haben die Behörden bislang publik gemacht:
Winterthur ZH, Dienstag, 7. Juni: Vier Realschüler aus Zug reissen einen 15-jährigen Schüler vom Velo und verprügeln ihn grundlos. Einer filmt.
Basel, Donnerstag, 9. Juni: Ein 13-Jähriger verprügelt auf dem Schulhof einen Kollegen. Dabei verlangt er vom Opfer, in die Handykamera seines Freundes zu schauen.
Solothurn, Montag, 13. Juni: Jugendliche fackeln in der Nähe des Bahnhofs ein Auto ab. Einer filmt. Das Feuer gerät ausser Kontrolle, eine Scheune brennt nieder. Sachschaden: 1,5 Millionen Franken.
SonntagsBlick hat weitere Fälle recherchiert:
Kanton St. Gallen: Im Oktober ziehen mehrere Mitschüler einem Klassenkameraden die Hosen herunter, halten ihn fest und fotografieren die Szene. Gleich mehrere «Happy Slapping»-Fälle auch in
Jona SG: Oberstufenschüler spucken, schlagen und treten ihren Kollegen ins Gesicht – und nehmen die Szenen mit ihrem Handy auf.
Kanton Zürich: Hier hat die Jugendanwaltschaft Kenntnis von insgesamt sechs neuen Fällen.
Kanton Luzern: Jugendliche zeichnen ihre Schlägerei in einer Disco auf. Ein anderes Mal prügeln sich Oberstufenschüler, während einer filmt.
Fotohandys verleiten zu brutalen Handlungen
«Jede Tat zählt vor allem dann, wenn sie auch publik gemacht werden kann», erklärt der Basler Soziologieprofessor Ueli Mäder (54) die psychologischen Ursachen des neuen Phänomens.
Und die Zürcher Kinder- und Jugendpsychiaterin Cornelia Bessler (50) glaubt zu wissen, was den Trend ausgelöst hat: «Die Taten gäbe es ohne das Handy nicht. Ist ein Handy im Spiel, werden Prügeleien und Demütigungen aufgezeichnet. Die Bilder gelten als Trophäen.» Jugendanwalt Briner bestätigt: Erst der Besitz von Fotohandys verleite zu dieser neuen Form der Brutalität.
Darum wird jetzt auch ein Handyverbot an Schulen zum Thema. Hans Georg Signer (54), Leiter des Ressorts Schulen in Basel-Stadt, sagt: «Mir machen diese Fälle Angst. Denn das Handy wird wie eine Waffe verwendet.» Und weiter: «Ich weiss zwar um die Problematik von Kollektivmassnahmen. Wenn aber in Basel so etwas noch einmal passieren sollte, so müssen wir uns ernsthaft überlegen, ein klares Zeichen zu setzen und an den Schulen den Gebrauch der Handys zu verbieten.»
Sonntagsblick-Hotline
Felix Hof (47), Leiter der Jugendberatung Jona SG, wird nach «Happy Slapping»-Vorfällen regelmässig von
Lehrern und Schülern beigezogen. Der Experte beantwortet heute Sonntag von 10 bis 12 Uhr Fragen von Eltern und Jugendlichen.
Rufen Sie an: 044 259 60 66