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ICH MUSS HIER WEG!

Verfasst: 1. Juni 2006 20:38
von The Future's black
© St. Galler Tagblatt; 01.06.2006; Seite 41

TG-Oberthurgau

05-TG Thurgau

«Ich muss hier weg»

Herbert Haltmeier wohnt in unmittelbarer Nähe von drei Mobilfunkantennen – Er bangt um seine Gesundheit

Arbon. Gleich drei Mobilfunkantennen sind im Umkreis von 200 Metern um Herbert Haltmeiers Wohnung an der Berglistrasse positioniert. Diese bereiten ihm nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich schlaflose Nächte.

Florian Niedermann

«Ich habe mich früher nicht für Dinge wie Strahlung oder elektromagnetische Felder interessiert», sagt Herbert Haltmeier. Eines Tages fiel ihm jedoch auf, dass er nachts kaum mehr richtig durchschlafen konnte: «Ich bin sonst einer, der sich hinlegt, und gleich schläft wie ein Stein.» Eine Erklärung für seine unruhigen Nächte hatte er zu dem Zeitpunkt noch keine.

Bildstörung mit Folgen

Als er bei seinem Fernsehgerät vermehrt Bildstörungen feststellte, suchte er Rat bei einem befreundeten Radio- und TV-Elektroniker. Dieser erklärte ihm, dass solche Bildstörungen auch von elektromagnetischen Feldern oder Mobilfunk-Strahlung herrühren können. «Es war mir zwar bewusst, dass ich in der Nähe von drei Mobilfunkantennen wohne, jedoch bei weitem nicht, wie stark deren Strahlung ist», erklärt Haltmeier. Nach ausgiebigen Recherchen zum Thema Mobilfunk-Strahlung und deren möglichen Auswirkungen, wurde dem Berufsfotografen klar, dass seine Schlafstörungen durch die Strahlen dieser Antennen verursacht werden könnten. Er beschloss, dagegen etwas zu unternehmen.

Vorschriften sind entscheidend

Die Arboner SP-Politikerin Erica Willi wies den Stadtrat nach einem längeren Gespräch mit Herbert Haltmeier auf die Problematik der Mobilfunk-Strahlung und deren Auswirkungen hin («Tagblatt» vom 18.5.2006).

Der Stadtrat antwortete auf ihre Interpellation mit der Erklärung, die Mobilfunkanbieter hätten Anrecht auf die Erteilung der Baubewilligung gehabt. Denn sowohl baurechtliche als auch den Strahlungswert betreffende Auflagen würden eingehalten: Die Antennen stehen in der Bauzone, und senden lediglich mit 40 bis 60 Prozent der gesetzlich erlaubten Leistung.

Antennen zu zentral platziert

Für Herbert Haltmeier sind diese Bauvorschriften hier jedoch nicht relevant: «Die gewählten Bauzonen – das Arbonia-Forster-Areal und das Postgebäude – liegen entweder direkt neben oder mitten in einem Wohnquartier. Letztere sogar praktisch neben dem Reben-Schulhaus.»

Weiter fand er, dass das zweite Kriterium – die Sendeleistung – stark unterschätzt worden ist. Er habe mit Hilfe eines Messgeräts für elektrische Feldstärke festgestellt, dass die Strahlung von mindestens zwei der drei Mobilfunkantennen weitaus höher sei als bisher vom Stadtrat angenommen.

Keine politische Motivation

Die Reaktionen auf sein Engagement seien nicht nur positiv. Viele Leute hätten ihn belächelt: «Da ich Landschaftsfotograf bin, haben sie gleich gedacht, ich sei ein Grüner. Dabei bin ich weder politisch aktiv noch ein Handy-Gegner. Ich habe ja schliesslich selbst eins.» Ihm gehe es vielmehr darum, dass die Antennen so nah beieinander und schlecht platziert seien. Für Haltmeier selbst steht fest: «Ich muss aus dieser Wohnung weg. Vielleicht ziehe ich auch gleich in eine andere Gemeinde, die mit der Strahlen-Thematik sensibler umgeht.»

Nicht nur in Arbon ein Thema

Neue Mobilfunkantennen sorgen überall für Debatten. In Roggwil wurde zum Beispiel gegen ein Gesuch zur Errichtung einer Swisscom-Antenne Rekurs eingelegt. Bundesgericht, Verwaltungsgericht und das Eidgenössische Departement für Bau und Umwelt beraten derzeit, ob die Bewilligung erteilt werden soll.

Der Bundesrat hat eine Studie zur Untersuchung der Auswirkungen der UMTS-Technologie in Auftrag gegeben. Über 80 Städte und Gemeinden – Arbon ist nicht dabei – in der Schweiz beschlossen, erst deren Resultate abzuwarten, bevor sie weitere Antennen-Baugesuche bewilligen.



Mobilfunkschäden

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) führte 2003 eine Studie zum Thema Mobilfunkschäden durch. Die Studie erfasste bei 394 Personen, welche in der Nähe von Mobilfunkantennen (GSM) leben, 47 verschiedene Symptome von gesundheitlichen Beschwerden. Ganze 58 Prozent der Befragten klagten über Schlafstörungen, 41 Prozent über Kopfschmerzen und 19 Prozent über konstante Nervosität. 74 Prozent der Betroffenen schrieben diese Beschwerden dem Vorhandensein von Mobilfunkantennen zu. Auch im Ausland gibt es eine ganze Reihe von Studien zur selben Thematik: Im deutschen Naila stellten Ärzte 2004 zum Beispiel fest, dass Mobilfunkantennen, welche die stärker sendende UMTS-Technologie nutzen, das Krebsrisiko bei Menschen erhöhen können. Die Krebsrate unter Personen, welche innerhalb eines 400-Meter-Radius um solche Antennen lebten, hatte sich im Verlaufe der Studie mehr als verdreifacht. Die Sendestärke betrug dort durchschnittlich 1 Volt pro Meter. Schweizer Grenzwerte lassen für Schlaf- oder Arbeitsräume – je nach Frequenz – 4 bis 6 V/m zu. Derzeit wird das Mobilnetz schweizweit vom konventionellen GSM- auf UMTS-Standard aufgerüstet.

Quellen: www.gigaherz.ch «K-Tipp» (21.9.2005)