Beruhigend ist nur, dass die Studie 'unabhängig' sei
UMTS- Signale stören Wohlbefinden nicht
Schweizer Studie Die Ergebnisse einer holländischen Studie – Die Störungen konnten nicht reproduziert werden
Als eine holländische Studie vor drei Jahren behauptete, dass sich nachweisen liesse, dass UMTS-Strahlung unser Wohlbefinden beeinträchtige, beschlossen einige Schweizer Gemeinden ein Moratorium für neue Natelantennen. Eine ähnliche Studie in der Schweiz widerlegt nun diese Befürchtungen. Kritiker vermissen Aussagen über Langzeitschäden.
GUIDO SANTNER
Hat die Strahlung der UMTS-Antennen, die zurzeit in der ganzen Schweiz aufgebaut werden, einen Einfluss auf das Wohlbefinden der Anwohner? Keinen nachweisbaren; dies zeigt eine gestern veröffentlichte Studie der Universität Zürich. Damit widerspricht Peter Achermann, der die Studie leitete, einer holländischen Forschungsarbeit aus dem Jahr 2003 (TNO-Studie). Diese fand in der Öffentlichkeit grosse Beachtung, weil sich die Probanden schlechter fühlten, nachdem sie einem UMTS-Signal ausgesetzt worden waren. Als Reaktion auf die holländische Studie wollten einige Schweizer Gemeinden keine weiteren UMTS-Antennen mehr bewilligen, bis zusätzliche Studien genauere Hinweise geben, ob UMTS-Strahlung Anwohner nicht in ihrer Gesundheit beeinträchtigten.
UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) ersetzt die heutige Mobilfunkgeneration GSM. Die dritte Generation von Mobilfunknetzen erlaubt zusätzlich Multimediadienste wie Internet oder Videotelefonie. Ende 2000 versteigerte das Bundesamt für Kommunikation vier Lizenzen für insgesamt 205 Millionen Franken an verschiedene Mobilfunkbetreiber wie Swisscom und Orange. Noch hat sich die Technologie nicht durchgesetzt, die Betreiber haben aber ein minimales Netz aufgebaut. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) legt Grenzwerte fest, wie stark die UMTS-Strahlung in den benachbarten Häusern maximal sein darf. Solange die Mobilfunkbetreiber diese Grenzwerte einhalten, müssen die Gemeinden die Baubewilligungen erteilen, wie das Bundesgericht festhielt. Das politisch motivierte UMTS-Moratorium, wie es einige Gemeinden durchsetzen wollten, hielt vor Gericht nicht stand.
Moratorium ist fachlich unbegründet
Nun zeigt die Studie der Universität Zürich, dass auch fachlich kein Grund besteht, die Antennen zu verhindern. Die Probanden wurden mit einem UMTS-Signal von 1 V/m und 10 V/m (Volt pro Meter) bestrahlt – der Grenzwert des Bafu liegt bei 6 V/m. Vor und nach der Bestrahlung wurden die Probanden mit einem Fragebogen nach ihrem Befinden befragt, wobei weder sie noch die Versuchsleiter wussten, ob und wie stark sie bestrahlt wurden. Die Fachleute sprechen von einer doppelblinden Studie. Und die Resultate zeigen, dass sich offenbar weder die starke noch die schwache Strahlung auf das Wohlbefinden auswirkt.
Einige Personen behaupten von sich, besonders besonders sensibel auf elektromagnetische Strahlung zu reagieren. «Dies ist eine Selbstdeklaration», sagte Projektleiter Peter Achermann, «objektive medizinische Kriterien dafür gibt es nicht.» Unter den 117 Probanden waren 33 elektrosensible Personen. Diese gaben zwar nach dem Test generell an, dass sie sich etwas schlechter fühlten, dies aber unabhängig davon, ob sie der Strahlung ausgesetzt waren oder nicht. Die Forscher untersuchten zudem, ob die Probanden sagen können, ob der UMTS-Sender eingeschaltet ist oder nicht. Die Antworten sind zufällig verteilt und entsprechen nicht der Strahlenexposition.
Keine Aussage zu Langzeitschäden
Es konnte also nicht gezeigt werden, dass der Mensch von der Strahlung etwas spürt. Peter Achermann betont aber, dass die Probanden nur 45 Minuten bestrahlt wurden und dass die Studie nichts über Langzeitfolgen aussagt. Dies kritisiert auch Bernhard Aufdereggen von der Gruppe Ärzte für Umweltschutz: «Die Studie sagt nichts aus über Langzeitschäden und gibt der Technologie trotzdem offenbar einen Persilschein. Die Mobilfunk-antennen strahlen 24 Stunden und nicht nur 45 Minuten. Die Langzeiteffekte müssen deshalb dringend untersucht werden.» Er vergleicht den Wissensstand im Bereich Elektrosmog von Natelantennen mit dem über Luftverschmutzung vor zehn Jahren: «Wir wussten vor zehn Jahren auch nur, dass schlechte Luft dem Menschen schadet, die genauen Mechanismen von Ozon, Feinstaub und anderen Schadstoffen waren aber noch ungenau erforscht.» Heute wisse die Wissenschaft hier viel mehr. Die Erforschung der negativen Auswirkungen einer Technologie brauche Zeit. Die Gruppe Ärzte für Umweltschutz besteht darum weiterhin auf einem Ausbaustopp für Natelantennen, bis die Langzeitschäden besser untersucht sind.
«Die Studie bestätigt die Grenzwerte»
Jürg Baumann vom Bundesamt für Umwelt stellt sich hinter die Studie und spricht gar von «Entwarnung»: «Die Studie zeigt, dass der Schutz der Bevölkerung vor elektromagnetischer Strahlung durch die heute gültigen Grenzwerte ausreichend ist. Ein Moratorium für UMTS-Antennen ist fachlich unbegründet.»
Die Schweizer Nachfolgestudie stuft er als «qualitativ hochstehend» ein. Sie liefere gegenüber der holländischen robustere Ergebnisse. Die Schweizer Studie arbeitet mit 117 Probanden (48), auch wurden methodische Mängel verbessert – nicht zuletzt durch die Erfahrungen, die die Holländer weitergegeben haben. Aber auch er betont, dass die Studie nichts über Langzeitfolgen aussagt. Dazu soll ein nationales Forschungsprogramm (NFP 57 – «Nichtionisierende Strahlung und Unmwelt») Antworten liefern, das dieses Jahr angelaufen ist. Der Nationalfonds vergibt 5 Millionen Franken an die Forschung zur Mobilfunkstrahlung. Noch sei nicht entschieden, welche Studien unterstützt würden, es seien aber Studien zu den langfristigen Folgen von UMTS-Strahlung eingereicht worden. Dabei inte-ressiert vor allem die Frage, ob die Natel-Strahlung krebserregend ist (siehe Box).
Unabhängigkeit gewährleistet
Die Kritik, dass die UMTS-Studie durch die Mobilfunkbetreiber beeinflusst worden sein könnte, widerlegte Gregor Dürrenberger von der Forschungsstiftung Mobilkommunikation. Die Studie kostete insgesamt 723 000 Franken. Der Betrag sei zwar zu 40 Prozent von den Mobilfunkbetreibern aufgebracht worden, die Firmen hätten aber keinen Einfluss auf das Design der Studie gehabt. Die Resultate seien den Firmen zudem erst vor zwei Wochen kommuniziert worden, als die Studie ein so genanntes «peer reviewing» durchlaufen hatte und von einem wissenschaftlichen Journal akzeptiert wurde.