Interessenkonflikte in der Medizinforschung - ein Bsp.
Verfasst: 15. Mai 2013 19:24
Zwischen den Zeilen wird das Problem "Interessenkonflikt" nicht nur auf die Ärzteschaft projeziert, sondern verallgemeinert dargestellt.
Mein Essen bezahle ich selbst!
Ein deutscher Mediziner berichtet von seinen persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Interessenkonflikten in der medizinischen Forschung sowie in seiner Tätigkeit als Arzt. Bei diesen kommen vertrackte psychologische Mechanismen zum Tragen. Wie lässt sich das Problem am besten angehen?
Von Klaus Lieb / Spektrum.de
...
Wahrheit versus Gewinnmaximierung?
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Denn sie (Anm.: die Ärzte) haben einen "blinden Fleck" dafür, dass sie beeinflusst werden. Mit anderen Worten: Das Geniale und zugleich Wirkungsvolle an dieser Art von Manipulation ist, dass sie stattfindet und die Betroffenen dennoch gleichzeitig das Gefühl der Unabhängigkeit und Objektivität haben.
Dieser "blinde Fleck" wird deutlich, wenn man Ärzte erstens fragt, ob sie Geschenke der Industrie annehmen und sich dadurch in ihrem Verordnungsverhalten beeinflusst fühlen, und zweitens wissen will, wie sie die Situation bei ihren Kollegen einschätzen. In einer von meiner Arbeitsgruppe durchgeführten Umfrage unter 300 deutschen Ärzten kam heraus: Sich selbst halten die Mediziner trotz der Annahme von Geschenken für weit gehend immun. Bei ihren Kollegen dagegen bewerten sie die Gefahr der Beeinflussung als drei- bis viermal höher! Sie können (wie wohl alle Menschen) diese also offenbar bei sich selbst schlechter wahrnehmen als bei anderen.
Das ist einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Interessenkonflikte konsequent offengelegt werden müssen – denn sie bringen Risiken mit sich. So wird ein Arzt möglicherweise nicht mehr das Medikament verschreiben, das er für das beste hält, sondern das, was er auf einer gesponserten Fortbildungsreise kennen gelernt hat oder was gerade ein Pharmavertreter mit Geschenken wie einer Essenseinladung oder Arzneimittelmustern beworben hat.
Gefälligkeiten wollen erwidert sein
Hier kommt ein psychologischer Mechanismus zum Vorschein, die so genannte Reziprozitätsregel: Jeder Mensch hat eine starke unbewusste Tendenz, Gefälligkeiten zu erwidern, selbst wenn diese nicht erbeten oder erwünscht waren. Dies gilt sogar, wenn wir die Person, die uns etwas Gutes tut, gar nicht mögen. Kleine Geschenke oder Einladungen zu Kongressen fördern demnach unbewusst die Neigung, sich dafür erkenntlich zu zeigen – etwa ganz einfach durch die häufigere Verschreibung des entsprechenden Medikaments.
Ein zweites Risiko ist, dass Urteile durch Interessenkonflikte verzerrt werden. Dies kann etwa dann der Fall sein, wenn ein Oberarzt einen Vortrag hält, der von einer Firma mit einem üppigen Honorar gesponsert wird. Er wird dadurch unbewusst dazu verleitet, sich positiv zu dem Produkt der Firma zu äußern und negative Aspekte auszublenden.
Der hier zu Grunde liegende psychologische Mechanismus ist das Phänomen der motivierten Evaluation: Empfinden wir eine von mehreren möglichen Interpretationen ("Das Medikament X ist besser als das Medikament Y") als vorteilhaft, prüfen wir alle Informationen, die zu dieser Interpretation passen, weniger streng, akzeptieren sie schneller, nehmen sie stärker wahr und geben ihnen mehr Gewicht. Informationen dagegen, die der Interpretation widersprechen, behandeln wir umgekehrt.
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Auftragsstudien der Pharmaunternehmen gefährden die Objektivität und Neutralität der Forschung
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Es kommen immer wieder neue Antidepressiva zur Ersttherapie von Depressionen auf den Markt, aber wir haben bislang kaum harte Belege dafür, was zu tun ist, wenn zwei solche Medikamente versagt haben. Hier braucht es mehr unabhängige Studien universitärer Institute, die ihre Forschungsgebiete nur nach dem Nutzen für die Patienten auswählen. Zweitens: Da die Pharmaindustrie die Forschungsmethode bestimmt, besteht die Gefahr, dass nicht ein Studiendesign gewählt wird, das am besten den wahren Effekt eines Medikaments zeigt – denn daran hat die Firma kein primäres Interesse. Vielmehr legt sie häufig ein Studiendesign fest, das am wahrscheinlichsten eine Überlegenheit ihres Produkts gegenüber seinen Konkurrenten zeigt. Drittens: Die Datenhoheit liegt beim Auftraggeber. Zumindest bei Medikamentenprüfungen haben die durchführenden Kliniken keinen Zugriff auf die Daten und in der Regel auch keine Publikationsrechte. Dadurch könnten Daten unter den Tisch fallen, die nicht in die Marketingstrategie der Firma passen. Man bezeichnet das auch als "publication bias" – also das Nichtveröffentlichen negativ ausgefallener Studienresultate und eine überproportionale Publikation von positiven Ergebnissen. Diese Strategie vieler Firmen hat zu einer erheblichen Überschätzung der Effekte vieler Medikamente geführt und dadurch Patienten gefährdet. Hinzu kommt, dass einige Firmen Informationen über unerwünschte Arzneimittelwirkungen nicht veröffentlicht haben, weil sie befürchteten, dass sie dann das Medikament vom Markt nehmen müssten.
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Welche Maßnahmen sind nun für einen professionellen Umgang mit Interessenkonflikten sinnvoll?
1. Es muss erst einmal überhaupt ein Bewusstsein dafür geschaffen werden.
2. Es gilt Interessenkonflikte offenzulegen und damit für andere sichtbar und überprüfbar zu machen.
3. Wir brauchen klare Regeln, um die daraus entstehenden Risiken beherrschen zu können.
4. Interessenkonflikte sollten – wo immer möglich – durch selbstkritisches und entschlossenes Handeln vermieden werden.
Der erste Punkt ist nötig, da viele Ärzte und Wissenschaftler sich auf Grund ihres "blinden Flecks" das Vorhandensein von Interessenkonflikten gar nicht klarmachen. Fortbildungsveranstaltungen, Seminare und Vorlesungen für Studierende würden hier das allgemeine Bewusstsein fördern. Forschungsprojekte könnten deutlich machen, wo Interessenkonflikte bestehen und wie sie wirken.
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Entscheidend: Bewertung durch andere
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Viele Ärzte und Wissenschaftler haben sich inzwischen entschlossen, auf persönliche Zuwendungen freiwillig zu verzichten, um unabhängiger zu sein. Ich selbst arbeite zwar selbstverständlich mit der Pharmaindustrie auf wissenschaftlicher Ebene zusammen. Allerdings nehme ich seit sechs Jahren keinerlei Gelder mehr von ihr für Vorträge, Veranstaltungen oder Ähnliches an.
Keine Geschenke mehr
In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Mainz, die ich leite, werben keine Pharmavertreter auf den Stationen, es gibt keine Werbegeschenke, und wir nehmen auch kein Geld der Industrie für Fortbildungsveranstaltungen und keine Arzneimittelmuster an. Damit gehören Reisen wie die eingangs erwähnte nach Stockholm der Vergangenheit an. Diese Maßnahmen verleihen mir ein viel höheres Maß an Unabhängigkeit in meiner Verordnung von Medikamenten, aber auch bei Empfehlungen, die ich in Vorträgen abgebe.
...
Die Hochschulen müssten darüber hinaus aber auch unabhängige Gremien einsetzen, welche die Gestaltung von Kooperationsverträgen mit der Industrie bewerten und den Umgang mit Interessenkonflikten steuern.
...
Zur angestrebten "guten Praxis" gehört auch, dass Hochschulen ihre Kooperationsverträge mit der Industrie offenlegen.
Stärkt die unabhängige Pharmaforschung
Großen Handlungsbedarf sehe ich insbesondere bei der Auftragsforschung. Die Wissenschaftler müssen über die verwendete Methode mitentscheiden können, vollen Zugang zu den Daten haben, die Interpretationshoheit über die Ergebnisse sowie das Publikationsrecht besitzen, und alle Studien müssen registriert und veröffentlicht werden.
Vollständiger Artikel:
http://www.spektrum.de/alias/interessen ... st/1194085
Fettdrucke von Handymania.
Mein Essen bezahle ich selbst!
Ein deutscher Mediziner berichtet von seinen persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Interessenkonflikten in der medizinischen Forschung sowie in seiner Tätigkeit als Arzt. Bei diesen kommen vertrackte psychologische Mechanismen zum Tragen. Wie lässt sich das Problem am besten angehen?
Von Klaus Lieb / Spektrum.de
...
Wahrheit versus Gewinnmaximierung?
...
Denn sie (Anm.: die Ärzte) haben einen "blinden Fleck" dafür, dass sie beeinflusst werden. Mit anderen Worten: Das Geniale und zugleich Wirkungsvolle an dieser Art von Manipulation ist, dass sie stattfindet und die Betroffenen dennoch gleichzeitig das Gefühl der Unabhängigkeit und Objektivität haben.
Dieser "blinde Fleck" wird deutlich, wenn man Ärzte erstens fragt, ob sie Geschenke der Industrie annehmen und sich dadurch in ihrem Verordnungsverhalten beeinflusst fühlen, und zweitens wissen will, wie sie die Situation bei ihren Kollegen einschätzen. In einer von meiner Arbeitsgruppe durchgeführten Umfrage unter 300 deutschen Ärzten kam heraus: Sich selbst halten die Mediziner trotz der Annahme von Geschenken für weit gehend immun. Bei ihren Kollegen dagegen bewerten sie die Gefahr der Beeinflussung als drei- bis viermal höher! Sie können (wie wohl alle Menschen) diese also offenbar bei sich selbst schlechter wahrnehmen als bei anderen.
Das ist einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Interessenkonflikte konsequent offengelegt werden müssen – denn sie bringen Risiken mit sich. So wird ein Arzt möglicherweise nicht mehr das Medikament verschreiben, das er für das beste hält, sondern das, was er auf einer gesponserten Fortbildungsreise kennen gelernt hat oder was gerade ein Pharmavertreter mit Geschenken wie einer Essenseinladung oder Arzneimittelmustern beworben hat.
Gefälligkeiten wollen erwidert sein
Hier kommt ein psychologischer Mechanismus zum Vorschein, die so genannte Reziprozitätsregel: Jeder Mensch hat eine starke unbewusste Tendenz, Gefälligkeiten zu erwidern, selbst wenn diese nicht erbeten oder erwünscht waren. Dies gilt sogar, wenn wir die Person, die uns etwas Gutes tut, gar nicht mögen. Kleine Geschenke oder Einladungen zu Kongressen fördern demnach unbewusst die Neigung, sich dafür erkenntlich zu zeigen – etwa ganz einfach durch die häufigere Verschreibung des entsprechenden Medikaments.
Ein zweites Risiko ist, dass Urteile durch Interessenkonflikte verzerrt werden. Dies kann etwa dann der Fall sein, wenn ein Oberarzt einen Vortrag hält, der von einer Firma mit einem üppigen Honorar gesponsert wird. Er wird dadurch unbewusst dazu verleitet, sich positiv zu dem Produkt der Firma zu äußern und negative Aspekte auszublenden.
Der hier zu Grunde liegende psychologische Mechanismus ist das Phänomen der motivierten Evaluation: Empfinden wir eine von mehreren möglichen Interpretationen ("Das Medikament X ist besser als das Medikament Y") als vorteilhaft, prüfen wir alle Informationen, die zu dieser Interpretation passen, weniger streng, akzeptieren sie schneller, nehmen sie stärker wahr und geben ihnen mehr Gewicht. Informationen dagegen, die der Interpretation widersprechen, behandeln wir umgekehrt.
...
Auftragsstudien der Pharmaunternehmen gefährden die Objektivität und Neutralität der Forschung
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Es kommen immer wieder neue Antidepressiva zur Ersttherapie von Depressionen auf den Markt, aber wir haben bislang kaum harte Belege dafür, was zu tun ist, wenn zwei solche Medikamente versagt haben. Hier braucht es mehr unabhängige Studien universitärer Institute, die ihre Forschungsgebiete nur nach dem Nutzen für die Patienten auswählen. Zweitens: Da die Pharmaindustrie die Forschungsmethode bestimmt, besteht die Gefahr, dass nicht ein Studiendesign gewählt wird, das am besten den wahren Effekt eines Medikaments zeigt – denn daran hat die Firma kein primäres Interesse. Vielmehr legt sie häufig ein Studiendesign fest, das am wahrscheinlichsten eine Überlegenheit ihres Produkts gegenüber seinen Konkurrenten zeigt. Drittens: Die Datenhoheit liegt beim Auftraggeber. Zumindest bei Medikamentenprüfungen haben die durchführenden Kliniken keinen Zugriff auf die Daten und in der Regel auch keine Publikationsrechte. Dadurch könnten Daten unter den Tisch fallen, die nicht in die Marketingstrategie der Firma passen. Man bezeichnet das auch als "publication bias" – also das Nichtveröffentlichen negativ ausgefallener Studienresultate und eine überproportionale Publikation von positiven Ergebnissen. Diese Strategie vieler Firmen hat zu einer erheblichen Überschätzung der Effekte vieler Medikamente geführt und dadurch Patienten gefährdet. Hinzu kommt, dass einige Firmen Informationen über unerwünschte Arzneimittelwirkungen nicht veröffentlicht haben, weil sie befürchteten, dass sie dann das Medikament vom Markt nehmen müssten.
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Welche Maßnahmen sind nun für einen professionellen Umgang mit Interessenkonflikten sinnvoll?
1. Es muss erst einmal überhaupt ein Bewusstsein dafür geschaffen werden.
2. Es gilt Interessenkonflikte offenzulegen und damit für andere sichtbar und überprüfbar zu machen.
3. Wir brauchen klare Regeln, um die daraus entstehenden Risiken beherrschen zu können.
4. Interessenkonflikte sollten – wo immer möglich – durch selbstkritisches und entschlossenes Handeln vermieden werden.
Der erste Punkt ist nötig, da viele Ärzte und Wissenschaftler sich auf Grund ihres "blinden Flecks" das Vorhandensein von Interessenkonflikten gar nicht klarmachen. Fortbildungsveranstaltungen, Seminare und Vorlesungen für Studierende würden hier das allgemeine Bewusstsein fördern. Forschungsprojekte könnten deutlich machen, wo Interessenkonflikte bestehen und wie sie wirken.
...
Entscheidend: Bewertung durch andere
...
Viele Ärzte und Wissenschaftler haben sich inzwischen entschlossen, auf persönliche Zuwendungen freiwillig zu verzichten, um unabhängiger zu sein. Ich selbst arbeite zwar selbstverständlich mit der Pharmaindustrie auf wissenschaftlicher Ebene zusammen. Allerdings nehme ich seit sechs Jahren keinerlei Gelder mehr von ihr für Vorträge, Veranstaltungen oder Ähnliches an.
Keine Geschenke mehr
In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Mainz, die ich leite, werben keine Pharmavertreter auf den Stationen, es gibt keine Werbegeschenke, und wir nehmen auch kein Geld der Industrie für Fortbildungsveranstaltungen und keine Arzneimittelmuster an. Damit gehören Reisen wie die eingangs erwähnte nach Stockholm der Vergangenheit an. Diese Maßnahmen verleihen mir ein viel höheres Maß an Unabhängigkeit in meiner Verordnung von Medikamenten, aber auch bei Empfehlungen, die ich in Vorträgen abgebe.
...
Die Hochschulen müssten darüber hinaus aber auch unabhängige Gremien einsetzen, welche die Gestaltung von Kooperationsverträgen mit der Industrie bewerten und den Umgang mit Interessenkonflikten steuern.
...
Zur angestrebten "guten Praxis" gehört auch, dass Hochschulen ihre Kooperationsverträge mit der Industrie offenlegen.
Stärkt die unabhängige Pharmaforschung
Großen Handlungsbedarf sehe ich insbesondere bei der Auftragsforschung. Die Wissenschaftler müssen über die verwendete Methode mitentscheiden können, vollen Zugang zu den Daten haben, die Interpretationshoheit über die Ergebnisse sowie das Publikationsrecht besitzen, und alle Studien müssen registriert und veröffentlicht werden.
Vollständiger Artikel:
http://www.spektrum.de/alias/interessen ... st/1194085
Fettdrucke von Handymania.