Kuriose Vorstellung von Urbanität
Verfasst: 7. Juni 2007 19:48
Kuriose Vorstellung von Urbanität
Ein Schlagwort im Abstimmungskampf zum Güterbahnhof heisst «moderne Urbanität». Nach Fremdwörter-Duden heisst das «städtische Atmosphäre». Atmosphäre bedeutet so viel wie eigenes Gepräge, Ausstrahlung und Stimmung. Dass an einem Verkehrsknoten keine ländlich Idylle herrscht, ist klar. Wie steht es mit der Atmosphäre? Die Ausstrahlung von Bauten entsteht doch erst mit ihrer Belebung. Hier im Güterbahnhofareal soll eine Siedlung mit 250 Wohnungen, nebst Geschäften und Restaurants, zwischen Gleis-Strängen zu liegen kommen. Was früher wenig begehrenswert schien, erfährt jetzt die Aufwertung zum trendigen Wohnen. Vergessen sind Lärm und Abgase. Der Lärm bremsender und anfahrender Züge ist beträchtlich. Der Elektrosmog der Fahrleitungen kann empfindliche Menschen in der Gesundheit beeinträchtigen. Und was ist mit der Feinstaubbelastung durch bremsende Züge?
Wie kann Wohnen an einer solchen Lage attraktiv sein? Wer soll in dieses auf dem Reissbrett entstandene Quartier ziehen? Familien sicher nicht. Kinderspielplätze fehlen, die Grünstreifen befinden sich am Bahntrassee. Von den Wohnungen kommt man direkt in die Parkgarage mit über 500 Plätzen oder in die Einkaufs- und Flaniermeile mit Fussgängern und Bussen. Als Aussicht bietet sich die gegenüberliegende graue Betonfassade eben erst erstellter Neubauten, die Fahrleitungen der Bahn oder der Einblick in Nachbars Wohnung. Heisst Urbanität also, möglichst wenig zu Hause zu sein, die Fenster und Jalousien geschlossen zu halten, den nächsten Nachbarn nicht zu kennen? Wollen wir die Anonymität einer Grossstadt in unsere Stadt holen?
Wir Quartiervereine sind der Pflege der Beziehungen und Wohnlichkeit verpflichtet. Durch Veranstaltungen fördern wir die Gemeinschaft der Menschen, die im Quartier leben. Wir bieten das Gefäss an, Quartierleben muss selber und gemeinsam wachsen. Es kann nicht aufgepfropft werden. Und schöne Sprüche über die Modernität und Entwicklungschancen entpuppen sich im Nachhinein meist als heisse Luft.
Elisabeth Fehlmann
Co-Präsidentin Quartierverein St. Otmar
Schillerstrasse 25, 9000 St. Gallen
Ein Schlagwort im Abstimmungskampf zum Güterbahnhof heisst «moderne Urbanität». Nach Fremdwörter-Duden heisst das «städtische Atmosphäre». Atmosphäre bedeutet so viel wie eigenes Gepräge, Ausstrahlung und Stimmung. Dass an einem Verkehrsknoten keine ländlich Idylle herrscht, ist klar. Wie steht es mit der Atmosphäre? Die Ausstrahlung von Bauten entsteht doch erst mit ihrer Belebung. Hier im Güterbahnhofareal soll eine Siedlung mit 250 Wohnungen, nebst Geschäften und Restaurants, zwischen Gleis-Strängen zu liegen kommen. Was früher wenig begehrenswert schien, erfährt jetzt die Aufwertung zum trendigen Wohnen. Vergessen sind Lärm und Abgase. Der Lärm bremsender und anfahrender Züge ist beträchtlich. Der Elektrosmog der Fahrleitungen kann empfindliche Menschen in der Gesundheit beeinträchtigen. Und was ist mit der Feinstaubbelastung durch bremsende Züge?
Wie kann Wohnen an einer solchen Lage attraktiv sein? Wer soll in dieses auf dem Reissbrett entstandene Quartier ziehen? Familien sicher nicht. Kinderspielplätze fehlen, die Grünstreifen befinden sich am Bahntrassee. Von den Wohnungen kommt man direkt in die Parkgarage mit über 500 Plätzen oder in die Einkaufs- und Flaniermeile mit Fussgängern und Bussen. Als Aussicht bietet sich die gegenüberliegende graue Betonfassade eben erst erstellter Neubauten, die Fahrleitungen der Bahn oder der Einblick in Nachbars Wohnung. Heisst Urbanität also, möglichst wenig zu Hause zu sein, die Fenster und Jalousien geschlossen zu halten, den nächsten Nachbarn nicht zu kennen? Wollen wir die Anonymität einer Grossstadt in unsere Stadt holen?
Wir Quartiervereine sind der Pflege der Beziehungen und Wohnlichkeit verpflichtet. Durch Veranstaltungen fördern wir die Gemeinschaft der Menschen, die im Quartier leben. Wir bieten das Gefäss an, Quartierleben muss selber und gemeinsam wachsen. Es kann nicht aufgepfropft werden. Und schöne Sprüche über die Modernität und Entwicklungschancen entpuppen sich im Nachhinein meist als heisse Luft.
Elisabeth Fehlmann
Co-Präsidentin Quartierverein St. Otmar
Schillerstrasse 25, 9000 St. Gallen