Zürich: Antennenwald wird immer dichter.Tiefere Grenzwerte w
Verfasst: 18. November 2004 15:54
© Tages-Anzeiger; 17.11.2004; Seite 15
Zürich
Antennenwald wird immer dichter
Die Zahl der Mobilfunkantennen wächst rasant. In Zürich stehen sie heute so dicht wie sonst wohl nirgends in der Schweiz. Viele Leute sind darüber beunruhigt.
Von Janine Hosp
Zürich. - Freitag für Freitag werden im Tagblatt der Stadt Zürich neue Mobilfunkantennen ausgeschrieben: Sunrise etwa will neu im Dach eines Schwamendinger Wohnhauses eine kombinierte GSM/UMTS-Antenne installieren, Orange eine solche auf dem Dach einer Gymnastikschule am Zürichberg. Es eilt, denn bis Ende Jahr müssen die Mobilfunkanbieter so viele Antennen in Betrieb setzen, dass sie 50 Prozent der Bevölkerung mit den UMTS-Diensten, der dritten Mobilfunkgeneration, versorgen können. Dies ist ein Gebot der Eidgenössischen Kommunikationskommission, die so den Wettbewerb unter den Anbietern ankurbeln will.
Im Kanton Zürich stehen heute 1500 GSM- und 200 UMTS-Antennen, davon etwa 450 allein in der Stadt Zürich. Dort ist in den vergangenen Jahren das wohl dichteste Mobilfunknetz der Schweiz entstanden. An Plätzen und entlang stark befahrener Strassen in der Innenstadt stehen die Masten in kurzen Abständen, um den Hauptbahnhof verdichten sie sich gar zu einem eigentlichen Antennenwald: Zwischen Sihlpost und Central sind heute 19 Antennen in Betrieb. Im Innern des Bahnhofs hat es zudem noch kleine Antennen mit geringer Sendeleistung und solche für den Tunnelfunk der SBB und den Polizeifunk. Ähnlich dicht stehen die Sendemasten nur noch auf dem - grösseren - Flughafenareal, wo zurzeit 26 verzeichnet sind.
Antennen sind überall
«Heute hat fast jeder Einwohner eine Antenne in seiner unmittelbaren Nachbarschaft», sagt Martin Krapf, der bei der Stadt Zürich Auskunft über Mobilfunksender erteilt. Innert des letzten Jahres mehrten sich die Anrufe deutlich: «Die Leute sind grundsätzlich beunruhigt und wollen mehr über die Strahlen wissen», stellt er fest. Aber: Auch er kann ihnen nicht sagen, ob die Strahlen schädlich sind, es gibt dazu noch keine wissenschaftlich anerkannten Ergebnisse (TA vom 10. November). Und jenen, die gegen eine Antenne rekurrieren wollen, will er keine grossen Hoffnungen machen: «Als Einzelner kann man nicht viel tun. Wenn eine Antenne die gesetzlichen Auflagen erfüllt - und das tut sie in der Regel - muss die Stadt sie bewilligen.» Am grössten sei die Chance, dass ein Mobilfunkanbieter auf einen Standort verzichtet, wenn sich viele Leute zusammentäten.
Selbst wenn eine Antenne die Grenzwerte überschreitet, heisst dies nicht, dass sie abgebaut werden muss - sie wird einfach so platziert, dass ihre Leistung am beanstandeten Punkt sinkt. Laut Martin Krapf werden die berechneten Werte meist eingehalten: Die Abteilung Umwelt- und Gesundheitsschutz überprüft sie stichprobenweise in den Steuerungszentralen der Betreiber, und bisher lagen die Werte erst in zwei Fällen darüber.
Eine Gemeinde kann eine Antenne, welche die Auflagen erfüllt, nur aus einem einzigen Grund ablehnen: Wenn sie das Landschafts- oder Ortsbild stört, zum Beispiel in der Altstadt. In Zürich ist diese denn auch der einzig grössere weisse Fleck in der Innenstadt.
Laut Roland Blaser, Jurist bei der kantonalen Baurekurskommission, hat ein Rekurrent auch bessere Chancen, wenn er gestalterische Gründe geltend macht, als wenn er die heute meist korrekten Berechnungen der Betreiber anzweifelt - ästhetische Begründungen sind subjektiv und lassen sich nicht einfach widerlegen. «Sie müssen allerdings nachvollziehbar sein», sagt er. Es sei schon vorgekommen, dass ein Rekurrent behauptete, das Ortsbild einer Industrie- und Gewerbezone würde mit einer Antenne verunstaltet.
Wird ein Beschluss einer Baubewilligungsbehörde angefochten, geht der Fall an die kantonale Baurekurskommission. Seit 2000 beschäftigt sie sich jährlich mit 70 bis 80 Einsprachen. Immer öfter kommen diese auch von Mobilfunkbetreibern, die nicht akzeptieren, dass eine Gemeinde die Baubewilligung verweigert.
Bei der Swisscom, die etwa 60 Prozent der Antennen betreibt, hat man Routine im Umgang mit Rekursen. Wenn eine Einsprache eingereicht wird, nimmt Swisscom Kontakt mit den Rekurrenten auf und informiert sie über die Auswirkungen der Anlage. Gehen sehr viele Einsprachen ein, wird über die Gemeinde ein Hearing organisiert. Wie Swisscom-Sprecher Sepp Frey sagt, änderten deswegen aber nicht alle Besucher ihre Meinung und beharrten etwa darauf, dass sie wegen der Antenne[0] schlechter schliefen. Wie gross aber auch immer der Widerstand gegen eine Antenne ist: Wenn sie die Auflagen erfüllt, kann sie aufgestellt werden.
Hat die Swisscom schon auf eine Antenne verzichtet, weil der Widerstand zu gross war? Frey ist diplomatisch: «Wir haben schon andere Ausbauten vorgezogen, wenn eine breite Bevölkerungsschicht opponierte. Wir schalten nicht auf stur.» Man befinde sich aber in einem Interessenkonflikt: «Auf der einen Seite stehen die Anwohner, auf der anderen die Berufsleute, die uns sagen: Weshalb tut ihr nichts?»
Braucht es mehr Standorte?
Manche Fachleute zweifeln jedoch daran, dass es noch zusätzliche Antennen braucht. «Das heutige Mobilfunknetz ist genügend dicht», sagt Charles Henry. Er arbeitete während 37 Jahren als Elektroingenieur in der Fernmeldetechnik in leitender Stellung. Heute, als Rentner, ist er Beisitzer der Schweizerischen Energiestiftung und berät Private und Rechtsanwälte, die gegen eine geplante Antenne rekurrieren wollen. Er hat nicht nur ein Handy, sondern gleich drei, eines von jedem Betreiber. «Um zu testen, ob die Betreiber eine vernünftige Abdeckung haben», sagt er mit einem Augenzwinkern.
Nach Henrys Beobachtungen haben die drei Mobilfunkbetreiber alle «auf Vorrat eingekauft». Bei der Bauausschreibung hätten sie die Grenzwerte ausgereizt und die Leistungen der Antennen weiter hinaufgeschraubt, als es heute nötig sei. Sollte selbst diese Kapazität einmal nicht mehr genügen, könnten die Betreiber immer noch zusätzliche Frequenzen aufschalten - denn jede Antenne kann bis zu sechs Frequenzen aussenden oder 47 Gespräche übernehmen. Bei der Swisscom ist man allerdings anderer Meinung: «Wir planen nur so viel Sendeleistung, wie gebraucht wird», sagt Sepp Frey.
Tiefere Grenzwerte wären möglich
Nach Ansicht von Charles Henry könnten sogar die Anlagegrenzwerte massiv gesenkt werden. «Das wäre möglich. Wenn heute jemand sagt, das gehe nicht, ist das gelogen.» Bestätigt sieht sich Henry darin von Messungen des Bundesamtes für Kommunikation, er hatte aber auch schon Einblick in entsprechende Akten. Die Betreiber jedoch lehnen tiefere Grenzwerte ab: «Wenn sie um ein 10faches gesenkt würden, müssten wir mehr Anlagen aufstellen und mehr Geld investieren», erklärt Sepp Frey. Das Gesetz aber gesteht ihnen zu, dass sie das Mobilfunknetz wirtschaftlich betreiben können. Schon heute investiert die Swisscom jährlich eine halbe Milliarde Franken in die drahtlose Kommunikation. Eine einzige Sendeanlage kostet etwa 300 000 Franken.
Die Mobilfunknutzer tragen allerdings selber zur hohen Anlageleistung bei: «Die Leute sind sich nicht im Klaren, was sie von den Mobilfunkbetreibern verlangen», kritisiert Charles Henry. Wenn sie einmal kurz keinen Empfang hätten, beschwerten sie sich - und die Anbieter erhöhten in mehreren Stufen die Leistung. «Das ist völlig überflüssig. Mit dieser Leistung haben wir noch im 2. Untergeschoss eines Luftschutzkellers Empfang.»
Heute stehen in der ganzen Schweiz etwa 9800 GSM- und 1000 UMTS-Antennen. Wie viele gibt es noch? Das sei «ein Blick in die Kristallkugel», heisst es beim Bundesamt für Kommunikation. Aber wenn das Geschäft rentiere, dann könnten es gut und gerne 15 000 werden.
Wenn eine Antenne die Auflagen erfüllt, muss die Stadt sie bewilligen.
Zürich
Antennenwald wird immer dichter
Die Zahl der Mobilfunkantennen wächst rasant. In Zürich stehen sie heute so dicht wie sonst wohl nirgends in der Schweiz. Viele Leute sind darüber beunruhigt.
Von Janine Hosp
Zürich. - Freitag für Freitag werden im Tagblatt der Stadt Zürich neue Mobilfunkantennen ausgeschrieben: Sunrise etwa will neu im Dach eines Schwamendinger Wohnhauses eine kombinierte GSM/UMTS-Antenne installieren, Orange eine solche auf dem Dach einer Gymnastikschule am Zürichberg. Es eilt, denn bis Ende Jahr müssen die Mobilfunkanbieter so viele Antennen in Betrieb setzen, dass sie 50 Prozent der Bevölkerung mit den UMTS-Diensten, der dritten Mobilfunkgeneration, versorgen können. Dies ist ein Gebot der Eidgenössischen Kommunikationskommission, die so den Wettbewerb unter den Anbietern ankurbeln will.
Im Kanton Zürich stehen heute 1500 GSM- und 200 UMTS-Antennen, davon etwa 450 allein in der Stadt Zürich. Dort ist in den vergangenen Jahren das wohl dichteste Mobilfunknetz der Schweiz entstanden. An Plätzen und entlang stark befahrener Strassen in der Innenstadt stehen die Masten in kurzen Abständen, um den Hauptbahnhof verdichten sie sich gar zu einem eigentlichen Antennenwald: Zwischen Sihlpost und Central sind heute 19 Antennen in Betrieb. Im Innern des Bahnhofs hat es zudem noch kleine Antennen mit geringer Sendeleistung und solche für den Tunnelfunk der SBB und den Polizeifunk. Ähnlich dicht stehen die Sendemasten nur noch auf dem - grösseren - Flughafenareal, wo zurzeit 26 verzeichnet sind.
Antennen sind überall
«Heute hat fast jeder Einwohner eine Antenne in seiner unmittelbaren Nachbarschaft», sagt Martin Krapf, der bei der Stadt Zürich Auskunft über Mobilfunksender erteilt. Innert des letzten Jahres mehrten sich die Anrufe deutlich: «Die Leute sind grundsätzlich beunruhigt und wollen mehr über die Strahlen wissen», stellt er fest. Aber: Auch er kann ihnen nicht sagen, ob die Strahlen schädlich sind, es gibt dazu noch keine wissenschaftlich anerkannten Ergebnisse (TA vom 10. November). Und jenen, die gegen eine Antenne rekurrieren wollen, will er keine grossen Hoffnungen machen: «Als Einzelner kann man nicht viel tun. Wenn eine Antenne die gesetzlichen Auflagen erfüllt - und das tut sie in der Regel - muss die Stadt sie bewilligen.» Am grössten sei die Chance, dass ein Mobilfunkanbieter auf einen Standort verzichtet, wenn sich viele Leute zusammentäten.
Selbst wenn eine Antenne die Grenzwerte überschreitet, heisst dies nicht, dass sie abgebaut werden muss - sie wird einfach so platziert, dass ihre Leistung am beanstandeten Punkt sinkt. Laut Martin Krapf werden die berechneten Werte meist eingehalten: Die Abteilung Umwelt- und Gesundheitsschutz überprüft sie stichprobenweise in den Steuerungszentralen der Betreiber, und bisher lagen die Werte erst in zwei Fällen darüber.
Eine Gemeinde kann eine Antenne, welche die Auflagen erfüllt, nur aus einem einzigen Grund ablehnen: Wenn sie das Landschafts- oder Ortsbild stört, zum Beispiel in der Altstadt. In Zürich ist diese denn auch der einzig grössere weisse Fleck in der Innenstadt.
Laut Roland Blaser, Jurist bei der kantonalen Baurekurskommission, hat ein Rekurrent auch bessere Chancen, wenn er gestalterische Gründe geltend macht, als wenn er die heute meist korrekten Berechnungen der Betreiber anzweifelt - ästhetische Begründungen sind subjektiv und lassen sich nicht einfach widerlegen. «Sie müssen allerdings nachvollziehbar sein», sagt er. Es sei schon vorgekommen, dass ein Rekurrent behauptete, das Ortsbild einer Industrie- und Gewerbezone würde mit einer Antenne verunstaltet.
Wird ein Beschluss einer Baubewilligungsbehörde angefochten, geht der Fall an die kantonale Baurekurskommission. Seit 2000 beschäftigt sie sich jährlich mit 70 bis 80 Einsprachen. Immer öfter kommen diese auch von Mobilfunkbetreibern, die nicht akzeptieren, dass eine Gemeinde die Baubewilligung verweigert.
Bei der Swisscom, die etwa 60 Prozent der Antennen betreibt, hat man Routine im Umgang mit Rekursen. Wenn eine Einsprache eingereicht wird, nimmt Swisscom Kontakt mit den Rekurrenten auf und informiert sie über die Auswirkungen der Anlage. Gehen sehr viele Einsprachen ein, wird über die Gemeinde ein Hearing organisiert. Wie Swisscom-Sprecher Sepp Frey sagt, änderten deswegen aber nicht alle Besucher ihre Meinung und beharrten etwa darauf, dass sie wegen der Antenne[0] schlechter schliefen. Wie gross aber auch immer der Widerstand gegen eine Antenne ist: Wenn sie die Auflagen erfüllt, kann sie aufgestellt werden.
Hat die Swisscom schon auf eine Antenne verzichtet, weil der Widerstand zu gross war? Frey ist diplomatisch: «Wir haben schon andere Ausbauten vorgezogen, wenn eine breite Bevölkerungsschicht opponierte. Wir schalten nicht auf stur.» Man befinde sich aber in einem Interessenkonflikt: «Auf der einen Seite stehen die Anwohner, auf der anderen die Berufsleute, die uns sagen: Weshalb tut ihr nichts?»
Braucht es mehr Standorte?
Manche Fachleute zweifeln jedoch daran, dass es noch zusätzliche Antennen braucht. «Das heutige Mobilfunknetz ist genügend dicht», sagt Charles Henry. Er arbeitete während 37 Jahren als Elektroingenieur in der Fernmeldetechnik in leitender Stellung. Heute, als Rentner, ist er Beisitzer der Schweizerischen Energiestiftung und berät Private und Rechtsanwälte, die gegen eine geplante Antenne rekurrieren wollen. Er hat nicht nur ein Handy, sondern gleich drei, eines von jedem Betreiber. «Um zu testen, ob die Betreiber eine vernünftige Abdeckung haben», sagt er mit einem Augenzwinkern.
Nach Henrys Beobachtungen haben die drei Mobilfunkbetreiber alle «auf Vorrat eingekauft». Bei der Bauausschreibung hätten sie die Grenzwerte ausgereizt und die Leistungen der Antennen weiter hinaufgeschraubt, als es heute nötig sei. Sollte selbst diese Kapazität einmal nicht mehr genügen, könnten die Betreiber immer noch zusätzliche Frequenzen aufschalten - denn jede Antenne kann bis zu sechs Frequenzen aussenden oder 47 Gespräche übernehmen. Bei der Swisscom ist man allerdings anderer Meinung: «Wir planen nur so viel Sendeleistung, wie gebraucht wird», sagt Sepp Frey.
Tiefere Grenzwerte wären möglich
Nach Ansicht von Charles Henry könnten sogar die Anlagegrenzwerte massiv gesenkt werden. «Das wäre möglich. Wenn heute jemand sagt, das gehe nicht, ist das gelogen.» Bestätigt sieht sich Henry darin von Messungen des Bundesamtes für Kommunikation, er hatte aber auch schon Einblick in entsprechende Akten. Die Betreiber jedoch lehnen tiefere Grenzwerte ab: «Wenn sie um ein 10faches gesenkt würden, müssten wir mehr Anlagen aufstellen und mehr Geld investieren», erklärt Sepp Frey. Das Gesetz aber gesteht ihnen zu, dass sie das Mobilfunknetz wirtschaftlich betreiben können. Schon heute investiert die Swisscom jährlich eine halbe Milliarde Franken in die drahtlose Kommunikation. Eine einzige Sendeanlage kostet etwa 300 000 Franken.
Die Mobilfunknutzer tragen allerdings selber zur hohen Anlageleistung bei: «Die Leute sind sich nicht im Klaren, was sie von den Mobilfunkbetreibern verlangen», kritisiert Charles Henry. Wenn sie einmal kurz keinen Empfang hätten, beschwerten sie sich - und die Anbieter erhöhten in mehreren Stufen die Leistung. «Das ist völlig überflüssig. Mit dieser Leistung haben wir noch im 2. Untergeschoss eines Luftschutzkellers Empfang.»
Heute stehen in der ganzen Schweiz etwa 9800 GSM- und 1000 UMTS-Antennen. Wie viele gibt es noch? Das sei «ein Blick in die Kristallkugel», heisst es beim Bundesamt für Kommunikation. Aber wenn das Geschäft rentiere, dann könnten es gut und gerne 15 000 werden.
Wenn eine Antenne die Auflagen erfüllt, muss die Stadt sie bewilligen.