Gelesen in der Sonntags-Presse:
Das Handy als Informant
Daten unserer Mobiltelefone werden verkauft oder zu Forschungszwecken verwendet – ob wir wollen oder nicht
Jeder Swisscom-Mobile-Kunde wird schon bald zum Staumelder. Ob er will oder nicht, wird die Swisscom in ein paar Monaten Millionen von Handydaten in anony misierter Form an den Navigationsgeräte- Hersteller TomTom zur Auswertung weiterleiten. TomTom wird die Bewegungsmuster der Handys, die in Autos mitreisen, herausfiltern und sie auf den Strassen orten.
Wenn sich etwa entlang der A3 kurz vor Zürich mehrere Handys in Schritttempo bewegen, bedeutet das: Stau – und eine rote Schlange auf der dynamischen Strassenkarte, die der Autofahrer auf dem Display seines TomTom-Navigationsgeräts namens One XL HD Traffic zu sehen bekommt. Das Gerät soll in der Schweiz Ende 2008 auf den Markt kommen.
Die Datenspuren, die Mobiltelefone hinterlassen, sind nicht nur für Verkehrsforscher eine begehrte Informationsquelle. Marktforscher nutzen sie, um etwa Kundenströme in Einkaufszentren zu analysieren. Und Soziologen setzen auf Handys als Forschungsgehilfen, um herauszufinden, wie Menschen interagieren.
Als Staumelder eignen sich Mobiltelefone, mit denen telefoniert wird. Das Prinzip: Anhand der Funkmasten, bei denen das Handy gerade angemeldet ist, kann die Position des Telefons abgelesen werden. Derartige Daten lagern auf den Computern der Mobilfunkonzerne. Fährt das Gerät nun von Funkzelle A in Zelle B, findet eine «Übergabe» zwischen den Sendemasten statt. Aus der Zeit, die zwischen zwei Übergaben vergeht, kann bei bekanntem Weg die Reisegeschwindigkeit berechnet werden. Sind mehrere aktive Telefone auf der gleichen Strecke unterwegs, lässt sich auf den Verkehrsstrom schliessen.
Verschlüsselt dürfen Daten von Handys weitergegeben werden
Für die neue Stauwarntechnologie von TomTom sind die Handydaten die Kernquelle. Daneben nutzt man GPS-Daten von Autos sowie Verkehrsinfos von staatlichen Behörden. Alle Daten werden miteinander verrechnet und im 3-Minuten-Takt vom TomTom Traffic Centre an die Autofahrer übermittelt.
Die Vorteile von HD Traffic, das in den Niederlanden schon seit November 2007 im Einsatz ist: Das System meldet quasi in Echtzeit, wenn der Verkehr stockt. Zum anderen «weiss» es auch über die Verkehrssituation auf Landstrassen Bescheid und kann entsprechend Ausweichrouten vorschlagen sowie realistische Fahrzeiten berechnen. «In vielen Ländern wird der Verkehrsfluss nur auf Autobahnen erfasst», sagt TomTom-Forschungsleiter Schäfer.
Brauchbar sind die Handys als Staumelder vor allem für den ausserstädtischen Verkehr. «Dort funktioniert die Technik sehr gut», sagt Elmar Brockfeld vom Institut für Verkehrsforschung am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum in Berlin. Innerstädtisch können auf Grund des dichten Strassennetzes die Informationen aus einer Funkzelle oft nicht einer einzelnen Strasse zugeordnet werden. Brockfeld: «Da gibt es noch Forschungsbedarf.» Die Daten für entsprechende Projekte verkaufen die Mobilfunkkonzerne laut Brockfeld zumindest in Deutschland bereitwillig. «Das machen alle», sagt er. In der Schweiz sei die Kooperation zwischen TomTom und Swisscom die erste dieser Art, sagt SwisscomMediensprecher Olaf Schulze.
Datenschützer halten die Weitergabe von Handydaten generell für bedenklich. Von Gesetzes wegen ist Swisscom jedoch nichts vorzuwerfen. «Wenn die Daten anonymisiert sind, fallen sie gar nicht unter das Datenschutzgesetz », sagt Daniel Menna, Mediensprecher des eidgenössischen Datenschutzbeauftragten. Schulze versichert denn auch, dass die Swisscom-Daten, die an TomTom fliessen, derart verschlüsselt sein werden, dass sie dem Handybesitzer nicht mehr zugeordnet werden können.
«Es bleibt dennoch ein mulmiges Gefühl», gesteht Menna, «insbesondere, weil die Daten verkauft werden.» Er rät der Swisscom, wenigstens jeden einzelnen Kunden über den Deal zu informieren. Geplant ist das nicht.
Shoppingcenter observieren Kunden mittels Handysignalen
Dass es nicht Jedermanns Sache ist, wenn Handydaten derart genutzt werden, zeigen die empörten Reaktionen auf eine Anfang Juni im Magazin «Nature» publizierte Studie. Um das Reiseverhalten von Menschen in westlichen Gesellschaften zu analysieren, haben Wissenschaftler von der Northeastern University in Boston sechs Monate lang die Standortdaten von 100000 Handykunden ausgewertet. Die anonymisierten Daten stammten von einer europäischen Telekommunikationsfirma, deren Name geheim gehalten wird. Die «observierten » Kunden wussten nicht Bescheid.
Die Aufschlüsselung der Daten ergab, dass wir Gewohnheitstiere sind: Etwa die Hälfte der Probanden verbrachte ihren Alltag in einem Umkreis von nur fünf Kilometern rund um die Wohnung. 7 Prozent reisen regelmässig bis zu 50 Kilometer; nur 1 Prozent reist häufig mehr als 500 Kilometer. Generell verbrachten fast alle Studienteilnehmer rund 70 Prozent ihrer Zeit an nur zwei Orten: zu Hause und bei der Arbeit.
Wie und wo sich Menschen genau bewegen, interessiert nicht nur Grundlagen-Wissenschaftler. Auch Marktforscher zapfen die Daten an, die Handys generieren. So wurde in zwei Einkaufszentren in Grossbritannien für die Überwachung der Kundenströme ein System der Firma Path Intelligence installiert. Das System besteht aus mehreren kleinen Boxen, die Handysignale empfangen können. Die Position der Kunden wird mittels Triangulation berechnet – dabei wird der Abstand des Telefons zu drei Boxen gemessen. Für die Observation im Shoppingcenter reicht es, wenn die mobilen Telefone im Standby-Modus in den Handoder Hosentaschen schlummern. Anhand der Daten erfahren die Marktforscher etwa, wann die Kunden das Shoppingcenter besuchen, wie lange sie in einzelnen Geschäften verweilen oder auf welcher Route sie durch das Center schlendern. Und zwar vollkommen anonym, wie zumindest Path Intelligence auf ihrer Homepage versichert.
Handysignale lotsen Touristen durch SanFranciscos Nightlife
Wie Menschen durch Städte strömen, hat die US-Firma Sense Networks im Visier. Um grossflächige Trends abzuleiten, haben die Sense-Networks-Forscher eine Software entwickelt, die ein Sammelsurium von aktuellen Daten, etwa W-Lan-Positionen, GPS-Daten von Taxis oder Handystandorte mit älteren Daten abgleichen kann. Solche Analysen sollen etwa dabei helfen, in einer Stadt den besten Standort für ein neues Geschäft zu finden.
Die erste marktreife Software namens Citysense lotst Nachtschwärmer durch San Francisco: Mit einem Blackberry-Smartphone können sie sich die aktuellen Nightlife-Hotspots auf einem interaktiven Stadtplan anzeigen lassen. «Citysense demonstriert das Potenzial, das die Kombination solcher Daten für das soziale Zusammenleben bietet», sagt Sandy Pentland, einer der Gründer von Sense Networks und Direktor des Instituts für Human Dynamics Research am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge.
Pentland hält das Handy für die «ultimative Datenerfassungsmaschine ». Er setzt auf die mobilen Gefährten, um den sozialen Interaktionen der Menschen auf die Spur zu kommen. Sein Forschungsgebiet nennt er «Reality Mining» – das Handy liefert ihm eine Art Soziogramm.
So observierte Pentland in einer Studie 100 freiwillige Probanden acht Monate lang mit speziell ausgestatteten Handys. Wenn die Probanden aufeinander trafen, konnte etwa dank Bluetooth der Abstand zwischen den Handys – und damit zwischen den Personen – festgestellt werden. Ausserdem wurden Gesprächsdaten aufgezeichnet. Anhand der Daten konnte Pentland das soziale Netzwerk der Probanden genau rekonstruieren. Befragungen lieferten dagegen weniger präzise Ergebnisse.
Anders als im Experiment von Pentland werden hiesige Swisscom- Mobile-Nutzer unfreiwillig zum Staumelder. Wem das nicht passt, bleibt nur der Rat der Datenschützer: «Beschweren Sie sich.»
Die Handy-Informanten........
-
Elisabeth Buchs
- Beiträge: 1639
- Registriert: 27. Januar 2007 21:48
Gerade gestern hatten wir eine Diskussion mit einigen über die versteckten Nutzen von Mobilfunk nicht nur zu Kommunikationszwecken, Werbung, Kommerz, Geschäftszwecken, sondern vor allem auch zu geheimdienstlichen, militärischen Ueberwachungszwecken und dass dies das exzessive ständige noch mehr Antennen näher bei den Menschen aufstellen und alles bis in den letzten Winkel ohne Entkommen verstrahlen, erklären würde sowie die Förderung durch die Regierungen. Zur Zeit ist eine richtige Aufrüstungswelle im Gang: gleich bei drei mir bekannten Menschen sollen Antennen näher als 100 m hinkommen, bei einer steht sie bereits, bei zwei anderen wird dagegen gekämpft. Hat das ganze nie ein Ende? Jeden Tag ist Herr Jakob mindestens drei Stunden am Telefon mit von Antennen bedrohten oder erkrankten Menschen.
Elisabeth Buchs
Elisabeth Buchs
"ausweglos"
An die Opferzahlen des Hitlerismus und Stalinismus werden wir schon noch heran kommen - es dauert nur noch, auch und erst recht bis es bemerkt wird.Elisabeth Buchs hat geschrieben:Gerade gestern hatten wir eine Diskussion mit einigen über die versteckten Nutzen von Mobilfunk nicht nur zu Kommunikationszwecken, Werbung, Kommerz, Geschäftszwecken, sondern vor allem auch zu geheimdienstlichen, militärischen Ueberwachungszwecken und dass dies das exzessive ständige noch mehr Antennen näher bei den Menschen aufstellen und alles bis in den letzten Winkel ohne Entkommen verstrahlen, erklären würde sowie die Förderung durch die Regierungen. Zur Zeit ist eine richtige Aufrüstungswelle im Gang: gleich bei drei mir bekannten Menschen sollen Antennen näher als 100 m hinkommen, bei einer steht sie bereits, bei zwei anderen wird dagegen gekämpft. Hat das ganze nie ein Ende? Jeden Tag ist Herr Jakob mindestens drei Stunden am Telefon mit von Antennen bedrohten oder erkrankten Menschen.
Elisabeth Buchs
Es wird keine "Zusammenbruch" kommen, es wird ein Aufweichen und Absinken geben in eine Welt, an die zu gewöhnen wir uns jetzt nicht vorstellen können - sich daran zu gewöhnen ist jedoch etwas ganz anderes, das läuft ganz einfach, weil es keinen Ausweg gibt.
Hochmut und Verzweiflung gab es auf der Titanic genau so wie im Nationalsozialismus und Stalinismus.
40 000 Tote infolge Alkoholmissbrauch allein jährlich in D - und was ändert sich?
Wenn man so viel Grund zu Ersäufen seiner Sorgen hat, wozu soll man dann noch in der Lage sein?
Das Böse ist banal.
Eben deswegen zählt jede noch so kleine ehrliche Bemühung um Besserung.
Dies ist ein unauslöschliches Zeugnis dafür, dass das Leben - wenn auch unvollkommen durch uns - antwortet.
Das Leben ist schön.
Klarstellung
Im obigen Beitrag habe ich lediglich die Opferzahlen zum Vergleich herangezogen, nicht die Art, wie sie zustande kamen bzw. kommen, gleichgesetzt.
Das Leben ist schön.