© Berner Rundschau / MLZ; 06.06.2006
.Langenthal Zeitung
Bisher wenig Widerstand gegen Antenne
UMTS Zwei Einsprachen gegen Orange-Bauvorhaben
Balz Ruchti
Vor Jahresfrist warf die Publikation der Pläne für eine UMTS-Antenne auf einem Siloturm der Kadi AG in Langenthal noch hohe Wellen: Eine Interessengruppe formierte sich und sammelte 3800 Unterschriften. Die Stadt verhängte daraufhin ein Moratorium für den Bau solcher Anlagen (diese Zeitung berichtete). Heuer scheint eine vergleichbare Anlage die Gemüter kaum noch zu erhitzen: Die Orange Communications SA will an der Bern-Zürichstrasse eine «Kommunikations-Anlage für GSM und UMTS mit allen technischen Einrichtungen» erstellen. Bis heute Dienstag können gegen das Bauvorhaben noch Einwände geltend gemacht werden.
Bisher nur wenig Widerstand
Obwohl erneut auch Wohngebiet betroffen ist, hält sich der Widerstand gemäss Bauinspektor Manuel Bellot bisher in Grenzen: «Wir haben erst zwei Einsprachen erhalten.» Wie viele weitere in den nächsten Tagen noch eintreffen werden, sei schwer vorauszusagen.
Die Begründung ist laut Bellot bei beiden der bereits deponierten Einsprachen die gleiche: Gesundheitliche Bedenken wegen der nicht ionisierenden Strahlung. Aus den selben Beweggründen hatte sich letztes Jahr die IG UMTS-Strahlung formiert: «Ich glaube nicht, dass wir unserer Gesundheit einen Gefallen tun, wenn wir überall diese Antennen aufstellen», erklärt Françoise Unternährer von der IG UMTS-Strahlen. Nachdem die Interessengruppe eine Petition lanciert hatte, verhängte die Stadt Langenthal Anfang Februar 2005 ein Moratorium für den Bau von UMTS-Antennen.
Hypothek für kommende Generationen
Der Langenthaler Arzt Christoph Stäger, der sich letztes Jahr ebenfalls gegen die Antenne auf dem Siloturm der Kagi AG stark gemacht hat, teilt die Bedenken von Françoise Unternährer: «Man vermutet, dass die Strahlung das vegetative Nervensystem negativ beeinträchtigt.» Folgen davon könnten verschiedene Beschwerden wie Konzentrationsstörungen oder Schwindel sein. Als noch problematischer erachtet Stäger aber die möglichen Langzeitfolgen, über die bisher erst wenig bekannt sei. Deshalb gelte es dem Wildwuchs dieser Antennen entgegenzuwirken. Denn die Strahlenbelastung, so Stäger, sei eine Hypothek für kommende Generationen.
Entsprechend gespannt erwarte man die Resultate einer ETH-Studie. Diese Studie prüft die Annahme, dass UMTS-Strahlung zu einer Reduktion des subjektiven Wohlbefindens führt. Die Ergebnisse wurden bisher noch nicht publiziert.
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© Aargauer Zeitung / MLZ; 07.06.2006
Thema Zeitung
«Das Telefonieren kann man den Leuten nicht nehmen»
Jürg Hertig Der Suhrer Gemeinderat gründete vor seiner Wahl die IG gegen Mobilfunkantennen im Brügglifeld und forderte ein Moratorium
Christoph Bopp
«Ein entspannendes Zeichen» sei das, sagt Jürg Hertig, jetzt Gemeinderat in Suhr, der im letzten Jahr an der Gemeindeversammlung ein Antennen-moratorium gefordert hatte. «Wenn sich die holländischen Ergebnisse, wonach das UMTS-Signal nachweislich das Wohlbefinden Betroffener störe, wiederholt hätten, hätten ja sechs Millionen Leute das Handy abgeben müssen.» Die Frage nach eventuellen Langzeitschäden sei aber noch offen, Hertig hofft, dass das NFP 57 hier weitere Klarheit schafft. «Man weiss ja nicht genau, was da auf einen zukommt, der Unmut der Bevölkerung ist da. Und wenn die Behörden immer nur gebetsartig wiederholen, dass die NIS-Verordnung eingehalten werde, ist das wenig befriedigend.»
Hertig hatte zuhanden der Gemeindeversammlung einen Antrag eingereicht, der ein Moratorium für den Bau von Mobilfunkanlagen auf Gemeindegebiet forderte. Die Suhrer Stimmberechtigten stimmten diesem Antrag zu, obwohl klar war, dass ein Moratorium rechtlich nicht haltbar ist. Gemeinden sind nicht berechtigt, härtere Vorschriften als die NIS-Verordnung des Bundes (Verordnung vom 23. Dezember 1999 über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung) zu erlassen. Sofern die Antennenanlagen diesen Richtlinien genügen, kann eine Gemeinde sie nicht verhindern.
Hertig benützt selbst auch ein Handy, als Gemeinderat und zuständig für das Ressort Bau muss er jetzt selbst Antennen bewilligen. Dass gewisse Firmen ihm nach seiner Wahl in die Behörde Befangenheit vorwerfen, stört ihn. Er habe nichts Gesetzwidriges getan. Auch Aufrufe zu Einsprachen, die er als Mitglied der IG gegen Mobilfunkantennen im Brügglifeld noch gemacht habe, liegen jetzt natürlich nicht mehr drin. Er sei zudem nicht grundsätzlich gegen die Mobiltelefonie. «Das Telefonieren kann man den Leuten nicht mehr wegnehmen», räumt er denn auch ein. Aber UMTS sei «nicht nötig», findet er. Analog zu den Warnungen auf den Zigarettenpackungen müsste man ja auch auf jedes Mobiltelefon schreiben: «Achtung, dieses Gerät kann ihre Gesundheit beschädigen!»
Den Hinweis, jeder Handybenutzer müsse selbst wissen, welche Gefahren er seinem Körper zumute, findet er nicht stichhaltig. «Der Konsument kann nicht entscheiden. Es gibt ja heute schon kaum ein Handy-Modell mehr ohne Kamera. Im Moment ist UMTS noch eine ‹Insidertechnik›, aber die Mobilfunkbetreiber sind daran, es klammheimlich zum Standard zu machen.»
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© Aargauer Zeitung / MLZ; 07.06.2006
Thema Zeitung
Ein Viertel der Bevölkerung hatte den Aufstand geprobt
Langenthal Eine Stadt hält ihr Moratorium zur Bewilligung von UMTS-Antennen 16 Monate lang aufrecht - ohne je eine Bewilligung zu verweigern
Das UMTS-Moratorium von Langenthal BE erregte im Februar 2005 schweizweit Aufsehen. Nun wird es aufgrund des neuesten Forschungsergebnisses wohl aufgehoben. Ohne dass es je zum Einsatz gekommen ist.
Gérard Bornet
Die Studie der Universitäten Zürich und Bern, welche gestern den Medien vorgestellt worden ist, hat Langenthals Stadtschreiber Daniel Steiner noch nicht gesehen. 16 Monate lang wurde auf sie gewartet; denn mit dem Umstand, dass ihre Ergebnisse noch ausstehen, hatte die Stadt im Februar 2005 ihr UMTS-Moratorium begründet.
«Wir werden uns nun die Studie beschaffen und ihren Inhalt studieren», erklärt Steiner auf Anfrage. «Wenn sie bestätigt, dass durch die UMTS-Strahlung die Gesundheit der Bevölkerung nicht beeinträchtigt wird, wird der Gemeinderat über kurz oder lang das Moratorium aufheben.»
Ein Bewilligungsmoratorium
Das Moratorium von Langen-thal war nicht nur eines der ersten, welches eine Gemeinde in der Schweiz für ihr gesamtes Gebiet erlassen hatte, es war auch von einer ganz speziellen Art. Auch nach dem Erlass des Moratoriums wurden nämlich die Baugesuche der Mobilfunkbetreiber weiter behandelt, so, wie es das Gesetz vorschreibt. Nur auf eine Bewilligung durften die Betreiber nicht hoffen.
Doch bis die Stadt eine Bewilligung verweigern konnte, mussten die Baugesuche erst entscheidungsreif sein. Und das hatte seit Februar 2005 bis heute in Langen-thal noch kein einziges geschafft. Acht Gesuche sind bis dato hängig, das jüngste wurde Anfang letzten Monats eingereicht. Damit befassen musste sich der Gemeinderat noch nicht.
Hat Langenthal die Gesuche zwar behandelt, aber für Verzögerungen gesorgt und gebremst? «Eigentlich nicht», sagt Stadtschreiber Daniel Steiner. «Wir haben die Verfahren alle im ordentlichen Tempo behandelt. Es waren aber alles aufwändige Verfahren mit vielen Einsprechern.» Die wurden von der Stadt in einem Fall gruppenweise zur Einigungsverhandlung vorgeladen. Das dauert natürlich eine Weile, besonders wenn es um 371 Einsprachen geht. Das müssen auch die Mobilfunkbetreiber einsehen. «Diese haben keinen speziellen Druck gemacht», sagt Steiner weiter, «wir haben uns gegenseitig im Bearbeitungstempo gefunden.»
Kantonales Moratorium
Dass der Kanton Bern im November 2005 für rund zwei Monate selber ein Moratorium erlassen hatte, ist Langenthal entgegengekommen. Zumal dieses ein «echtes» Moratorium war, währenddem die Bewilligungsverfahren sis-tiert wurden. Das kantonale Moratorium ging auf einen Bundesgerichtsentscheid zurück, nach dem es für die Sendeleistung von UMTS-Antennen ein entsprechendes Überwachungs- und Kontrollkonzept braucht.
Das lag aus der Sicht des Kantons zwar in diesem Januar vor, sodass er das Moratorium wieder aufhob und die Gemeinden zur Weiterbearbeitung der UMTS-Baugesuche ermahnte. Doch Langenthal hatte nun einen Grund, von den Mobilfunkbetreibern zusätzliche Angaben zum (noch nicht hieb- und stichfesten) Überwachungs- und Kontrollkonzept zu verlangen. Wie man das in einem Baubewilligungsverfahren machen darf und sogar muss.
«Jetzt liegen Grundlagen vor»
Jetzt kommt aber auch in Langenthal bald die Stunde der Wahrheit, und «ein paar Gesuche», wie sich der Stadtschreiber ausdrückt, «kommen in die Entscheidungsphase. Deshalb ist es gut, dass die Studie nun vorliegt und der Gemeinderat aufgrund wissenschaftlicher Grundlagen urteilen kann.»
Solche Fakten fehlten im Februar 2005 noch, als die Interessengemeinschaft IG UMTS-Strahlen dem Langenthaler Gemeinderat eine knapp 4000 Unterschriften zählende Moratoriums-Petition eingereicht hatte. Damit wusste die IG knapp einen Viertel der Bevölkerung hinter sich.
Die Eingabe richtete sich gegen die befürchteten gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch UMTS-Strahlen im Allgemeinen und ein Baugesuch der Swisscom im Besonderen. Diese wollte auf dem Siloturm der Kadi AG zusammen mit der Orange Communications AG 15 neue Mobilfunkantennen errichten. Ideal, um praktisch die ganze Stadt mit Mobilfunk zu versorgen.
Doch die Bevölkerung wehrte sich. Damals erreichte der Widerstand gegen die UMTS-Technologie gerade seinen Höhepunkt. In der Nachbargemeinde Aarwangen hatte nur vier Monate zuvor eine Bürgerinitiative ein Antennenprojekt der Sunrise TDC Switzerland AG gebodigt. Dieser Erfolg machte den Langenthalern Mut. Auch gegen weitere Projekte wurde in der Folge Front gemacht. Doch allmählich erlahmte auch in Langenthal der Schwung - schliesslich war das Moratorium bereits Realität. Gegen das neuste Projekt sind bis kurz vor Ablauf der Auflagefrist gestern Dienstag ganze zwei Einsprachen eingegangen.
«Wir haben nicht gebremst. Es waren alles aufwändige Verfahren mit vielen Einsprechern»
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© Der Landbote; 07.06.2006; Seite 3
tagesthema
Anwohner und Ärzte weiter skeptisch
Wo immer Antennen aufge stellt werden sollen, regt sich Protest. Die «Ärzte für Umweltschutz» geben den Antennengegnern nach wie vor Recht.
WINTERTHUR – Alle wollen telefonieren, niemand will die Strahlen – kaum eine Antenne, gegen die nicht Rekurs ergriffen würde. Jüngst bewilligte in Winterthur der stadträtliche Bauausschuss eine UMTS-Antenne an der Ecke Frauenfelderstrasse/
Talackerstrasse sowie am Lindspitz. Gegen beide Anlagen sind Rekurse hängig. Für eine UMTS-Antenne im Deutwegquartier steht die Bewilligung an. Dagegen sammelte der Quartierverein im April Unterschriften («Landbote» vom 27. April 2006). Die Anwohner kritisierten insbesondere den Standort in der Nähe der Sportanlagen. Mit einem von 170 Anwohnern unterzeichneten Protestbrief soll der Stadtrat davon überzeugt werden, für die Antenne keine Baubewilligung zu erteilen. Am 15. Juni will die Stadtverwaltung die Bevölkerung orientieren.
Auf den Schweizer Baurekurskommissionen gehen jährlich 70 bis 80 Einsprachen gegen Antennenstandorte ein. Im Kanton Zürich haben die Gemeinden Stäfa, Hinwil und Hedingen Moratorien erlassen, wonach bis zum Vorliegen von Forschungsergebnissen keine Bewilligungen mehr für UMTS-Antennen erteilt werden sollen. Nach Einsprache der Netzbetreiber wurden die Gemeinden allerdings allesamt von den Baurekurskommissionen zurückgepfiffen. Sofern die Grenzwerte eingehalten würden, müssten Baugesuche erteilt werden, begründeten die Kommissionen. In die Grenzwerte setzen die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU) indessen wenig Vertrauen: Sie halten an ihrer Forderung nach einem Moratorium für den Weiterausbau des Mobilfunknetzes fest. Die Organisation befürchtet bei Langzeitbelastung gesundheitliche Schäden. Bevor die Mobilfunkinfrastruktur erweitert werde, müssten zuerst die Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms abgewartet werden.
Die AefU hatten das Moratorium nach der Veröffentlichung der holländischen TNO-Studie im Herbst 2003 gefordert. Mit der Einführung der UMTS-Technologie müsse zugewartet werden, bis der Einfluss auf das Wohlbefinden geklärt sei. Diese Forderung wird auch von der Verbindung Schweizer Ärzte (FMH), dem WWF Schweiz sowie der Stiftung für Konsumentenschutz gestützt. (ua)
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© Der Bund; 07.06.2006; Seite 3
Thema
Der Bund
ZUR SACHE:
Langzeitwirkung nicht erforscht
Niels Kuster
ETH-Professor, Direktor der Forschungsstiftung für Informationstechnologie und Gesellschaft. Er hat an der UMTS-Studie mitgearbeitet.
«bund»: Bei der nun vorgestellten Studie geht es um kurzfristige Expositionen. Jetzt werden Oppositionsgruppen wohl ihr Augenmerk auf die langfristigen Folgen richten. Lässt sich diesbezüglich irgendetwas sagen?
NIELS KUSTER: Aufgrund dieser Studie kann man zu langfristigen Expositionen gar nichts sagen. Generell ist es überhaupt schwierig, solche im Laborversuch durchzuführen. Wer lässt sich schon gerne tagelang einsperren und elektromagnetischen Feldern aussetzen? Ein typisches Mittel, um hier über grosse Zeiträume hinweg zu Resultaten zu kommen, ist die Epidemiologie.
Also ein Versuch, an dem im Grunde genommen alle Menschen beteiligt sind . . .
Ja. Oder eben Tierversuche.
Aber was sagen Sie jenen Leuten, die zum Beispiel in Langenthal wohnen und sich seit über einem Jahr gegen UMTS-Antennen wehren? Gemäss heutigen Erkenntnissen müssten sie ihren Widerstand ja nun aufgeben und den Bundesbehörden vertrauen.
Ich unterstütze die Einschätzung der Bundesbehörden. Aufgrund der wissenschaftlichen Datenlage gibt es keinen Grund dafür, dass die niedrigen Werte unterhalb des schweizerischen Anlagegrenzwertes - zumindest kurzfristig - irgendwelche negativen gesundheitlichen Effekte haben.
Auch wenn man in der Nähe einer Antenne wohnt?
Aufgrund der Datenlage gibt es keinen Grund zur Besorgnis. Auch wenn die Datenbasis noch relativ schwach ist und es noch weitere Forschung braucht. Im Vergleich zu Basisstationen erzeugen schnurlose Telefone viel stärkere Felder. Oder auch die Handys selber. Interview: db
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