© SonntagsZeitung; 04.07.2004; Seite 73, Wissen, Claudia Nientit
«Handys strahlen nur, wenn man telefoniert»: BAG-Strahlenexpertin Mirjana Moser über den Einfluss von Handys auf die
männliche Fruchtbarkeit
Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Augen- und Hirntumore - die Liste der
Krankheiten, die Handys angeblich auslösen, ist lang. Diese Woche kam ein
weiterer Verdacht hinzu: Handystrahlen würden die männliche Fruchtbarkeit um
ein Drittel reduzieren, verkündeten ungarische Wissenschaftler am Dienstag
an einem Kongress in Berlin.
Die Forscher haben 220 Männer nach ihrem Handygebrauch befragt und ihr
Sperma untersucht. Resultat: Konzentration und Beweglichkeit der Spermien
nahmen ab, je länger die Männer telefonierten oder ihr empfangsbereites
Handy bei sich trugen. Die SonntagsZeitung befragte Mirjana Moser,
Strahlenexpertin beim Bundesamt für Gesundheit, über die Tragweite dieser
Studienergebnisse.
* Frau Moser, sind Handys auch gefährlich, wenn man sie nur in der Tasche mit
sich trägt?
Das glaube ich nicht. Handys strahlen nur, wenn man telefoniert. Im
Stand-by-Modus senden sie ein paarmal pro Stunde ein Signal, ansonsten
empfangen sie einfach, ähnlich wie ein Radio oder ein Fernsehgerät.
*Sie glauben also nicht an die Aussagekraft der ungarischen Untersuchung?
Nein, auch wenn ich nicht die ganze Studie kenne. Das sind zwar interessante
Resultate, aber es bleiben zu viele Fragen offen. In der Studie wurde ein
Zusammenhang mit dem blossen Tragen eines Handys hergestellt. Das ist so,
als wollten Sie den Einfluss von Lärm aus einem Walkman untersuchen und
würden das Gerät nicht einschalten.
*Wie erklären Sie sich dann die verminderte Spermienzahl?
Es gibt viele Faktoren, die in die gleiche Richtung zielen wie das mobile
Telefonieren. So könnten Männer, die ihr Handy häufig benutzen, zum Beispiel
besonders gestresst sein, sich schlecht ernähren, mehr Kaffee trinken oder
rauchen. Vielleicht schlafen sie auch schlechter, weil sie ständig
erreichbar sein müssen. All das müsste man in einer seriösen Studie
ausschliessen.
*Gibt es denn andere Studien, die den Einfluss von Natels auf die männliche
Fruchtbarkeit untersucht haben?
Diese Studie ist die erste, von der ich gehört habe. Meines Wissens wurde
dazu noch nie etwas veröffentlicht oder bei einem Kongress vorgestellt.
(Anm. Gigaherz: siehe
www.gigaherz.ch/793 und dazu weiterführende links)
*Wie müsste Ihrer Meinung nach eine seriöse Studie zu diesem Thema aussehen?
Sinnvoll wäre es etwa, wenn man untersuchen würde, ob sich das Sperma von
Männern verändert, die viel über eine tragbare Freisprecheinrichtung
telefonieren, während sie das Handy in der Hosentasche haben.