© Basler Zeitung; 04.12.2004; Seite 22
kontrovers
baz.online
Ein Moratorium für neue Mobilfunkantennen?
Ein Handy bietet viele Möglichkeiten, und es sollen noch mehr werden. Doch unklar sind die damit verbundenen Risiken
ZU GAST: ALEXANDRA NOGAWA UND CARSTEN SCHLOTER
Niemand weiss, wie gefährlich Mobilfunkantennen sind. Deshalb sollte dies zuerst untersucht werden.
Wir alle nehmen an einem gigantischen Menschenversuch teil, nur weiss es niemand. Als die Handys eingeführt wurden, dachte niemand daran, die Gesundheitsrisiken zu prüfen. Mit den Handys kamen auch die Antennen und damit die Klagen von Anwohnern, die sich über Kopfweh und Schlaflosigkeit beschwerten. Sie wurden nicht ernst genommen, obwohl der Einfluss, den elektromagnetische Wellen auf Gehirn, Herz und Gewebe haben, allgemein bekannt ist. Die Grenzwerte, die in der Schweiz und der EU gelten, sind allein aufgrund der thermischen Erwärmung des Gewebes berechnet. In der Schweiz sind sie zwar etwas tiefer als in der EU, aber diese Grenzwerte gelten nur für Innenräume und nicht für Gärten, Balkone und Strassen.
Jetzt kommen die neuen UMTS-Handys auf den Markt. Diese Konzessionen wurden vom Bund für Milliardenbeträge an die Mobiltelefonbetreiber vergeben, unter der Auflage, die bewohnten Gebiete flächendeckend mit Antennen zu bestücken. Diesem Auftrag sind sie nachgekommen, so dass sich ein Antennenwald über die Schweiz erstreckt, der pausenlos elektromagnetische Wellen empfängt oder sendet. Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass Mobilfunkantennen nicht unschädlich sind. Bis jetzt gibt es noch wenige Forschungsresultate, da sehr viele Wissenschaftler, die auf diesem Gebiet arbeiten, von der Mobilfunkindustrie abhängig sind und die Regierungen an den Konzessionen auch mitverdient haben. Daher weisen die Mobilfunkbetreiber darauf hin, dass es keine Versuche über die Schädlichkeit der Strahlung gibt, aber ebenso wenig gibt es Versuche, die die Unschädlichkeit dieser Strahlung beweisen. Natürlich haben die Mobilfunkbetreiber keinerlei Lust, Studien, die unter Umständen für sie negativ ausfallen könnten, zu unterstützen.
Verschiedene Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass Antennen die Gesundheit der Anwohner gefährden können. Aus diesen Gründen habe ich mit 14 Mitunterzeichnenden einen Antrag auf eine Standesinitiative eingereicht, die fordert, dass in einem Langzeitversuch die Wirkung der Mobilfunkantennen auf die menschliche Gesundheit abgeklärt wird. So lange dürfen keine neuen Antennen mehr aufgestellt werden. Das ist umso dringender, als es immer mehr Forschungsergebnisse gibt, die den Verdacht erhärten, dass die Strahlungen nicht ungefährlich sind, besonders auf Dauer. So haben in Naila (D) Ärzte die Patientenunterlagen aller Hausärzte ausgewertet und festgestellt, dass innerhalb von 400 Meter Entfernung von einer Antenne sich die Zahl der Krebsfälle nach zehn Jahren verdreifacht hat. Wenn in zehn Jahren festgestellt wird, dass Mobilfunk gesundheitsschädlich ist, wer entschädigt dann die Anwohner? Sie sind schutzlos dieser Strahlung ausgeliefert, während die Besitzer der Häuser substanzielle Summen kassieren.
Jedes Medikament muss zuerst in klinischen Versuchen erprobt werden. Deswegen geht es nicht an, Handys und Antennen einfach als unbedenklich zu erklären, besonders da sich die Hinweise mehren, dass das so nicht stimmt. Wir brauchen ein Moratorium, bis die Gesundheitsrisiken, die vom Mobilfunk ausgehen, einwandfrei geklärt sind.
Menschen, die wegen diffuser Risiken verunsichert sind, lassen sich leicht instrumentalisieren.
Wir alle nehmen an einem gigantischen Menschenversuch teil.
Alexandra Nogawa (66) ist seit 2001 Basler Grossrätin der SVP bzw. seit 2004 der Bürgerpartei. Die diplomierte Übersetzerin und promovierte Biochemikerin ist Mitinhaberin einer Firma, die medizinische Produkte herstellt.
Carsten Schloter (41) ist Chef der bei Swisscom für die Mobilfunkkommunikation zuständigen Tochterfirma Swisscom Mobile. Der Diplombetriebswirt arbeitete zuvor unter anderem für Mercedes-Benz und debitel.
Ohne gute Mobilfunktechnologie hat es die Schweiz im Wettbewerb der Wirtschaftsstandorte schwer.
Haben wir heute in der Abwägung zwischen Nutzen und potenziellen Risiken der Mobilkommunikation eine andere Situation als vor zehn Jahren? Was hat sich geändert: Mobilkommunikation ist Alltag geworden. Es gibt keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu potenziellen Risiken. Es gibt niedrigere Grenzwerte und deshalb auch deutlich mehr Antennen als in anderen Ländern. Stellen wir uns vor, man hätte bereits vor zehn Jahren ein Moratorium erlassen: Wo stünde die Schweiz im internationalen Wettbewerb und als Tourismusland heute?
Obwohl Mobilkommunikation Alltag geworden ist, werden wir uns ihrer (volks-)wirtschaftlichen Bedeutung kaum bewusst, ihrer gesellschaftlichen Bewandtnis oft nur in Ausnahmesituationen. So bietet die Mobilkommunikation zum Beispiel Tausende von Arbeitsplätzen, sie erlaubt dem Einmannbetrieb ohne Backoffice Kundennähe und Effizienz und dem international operierenden Konzern örtlich ungebundene Vernetzung. Mehr als die Hälfte aller Notrufe werden mit Handys abgesetzt, und unsere Angehörigen sorgen sich nicht, wenn wir uns auch auf Reisen bei ihnen melden. Für die Schweiz reicht die Bedeutung einer guten Telekommunikationsinfrastruktur aber noch weiter: Wir sind ein Innovationsstandort und Dienstleistungsland. Rund drei Viertel von uns arbeiten im tertiären (Dienstleistungs-)Sektor, dessen Produkt wesentlich aus Informationen besteht. Diese schnell und überall abrufen zu können, ist von zentraler Bedeutung. Die Mobilfunk-Technologie ermöglicht es und ist damit eine Grundlage unseres wichtigsten Produktionsfaktors: des Wissens. Mobile Breitbandanwendungen werden die Innovationskraft weiter stärken und Wettbewerbsvorteile verschaffen. Ein Gesetz, das dies verunmöglicht, hätte nachhaltige Folgen. Es würde einen Stützpfeiler wegschlagen, gerade zu einem Zeitpunkt, wo Initiative zur Sicherung unserer Position im globalen Wettbewerb der Wirtschaftsstandorte gefordert ist. Die Betreiber sind gesetzlich verpflichtet, einen hohen Grad an Abdeckung zu realisieren. Die benötigten neuen Antennen sind weit herum sichtbar und sind für viele ein Symbol für diffuse Risiken. Dermassen verunsicherte Menschen lassen sich leicht instrumentalisieren. Es ist schwer, mit Fakten zu beruhigen - etwa, dass auch Haushaltgeräte, TV und die Stromversorgung elektromagnetische Strahlung erzeugen. Und dies seit Jahren und mit zum Teil viel höherer Leistung. Im Auftrag des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) wertete die Uni Basel 130 Forschungsarbeiten zum Gefahrenpotenzial von Mobilfunk aus. Die Hälfte davon wies keine negativen Effekte aus. Der Rest nannte Effekte, konnte aber keine weiteren Erkenntnisse zur Wirkung auf die Gesundheit liefern. Das Buwal rät deshalb, weiter zu forschen.
Dies aber führt nur bedingt zu grösserer Klarheit: Keine wissenschaftliche Studie wird jemals die Unbedenklichkeit einer Technologie beweisen können. Wer diesen Beweis dennoch einfordert, daran ein Moratorium knüpft, argumentiert fundamentalistisch und verhindert Fortschritt. Wären solche Forderungen Prinzip, würden wir bis zum heutigen Tag auf TV, Mikrowellenofen oder Eisenbahn verzichten.
Mobilfunk auf dem Prüfstand
Die Schweiz steht vor zwei Grossstudien
Boomtechnologie. Statistisch sterben sie demnächst aus, Schweizerinnen und Schweizer ohne Handy: 6 188 793 Abos der handlichen und zuweilen nervenden Kommunikationsapparate waren per Ende 2003 registriert. Für Schnickschnack wie Video-Telefonie oder Live-TV wird derzeit die UMTS-Technologie aufgebaut. Mitte November waren 37 957 Mobilfunksender in Betrieb, so Bernhard Bürki, Sprecher des Bundesamts für Kommunikation. Für UMTS werden Tausende dazukommen.
Während Handys allgegenwärtig sind, fürchten viele die Strahlenbelastung der Sendeanlagen. Die Schweiz ist diesbezüglich vorsichtiger als die EU. So hat sie aus Vorsorgeüberlegungen einen Grenzwert festgelegt, der zehnmal strenger ist als die Limits der meisten Nachbarländer: «Dieser Grenzwert gilt für Orte mit empfindlicher Nutzung, also Gebäude, die als Wohnung, Büro, Schule oder Spital genutzt werden», erklärt Alexander Reichenbach, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Sektion nicht-ionisierende Strahlen beim Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal). Auch Kinderspielplätze und noch unüberbaute, aber als Bauzone ausgeschiedene Flächen fallen unter den Grenzwert.
Neben den Vorschriften gibt es auch Forschung zu Handys. In diesen Tagen entscheidet der Bundesrat über das vom Buwal eingegebene Nationale Forschungsprogramm «Nichtionisierende Strahlung - Umwelt und Gesundheit». Ebenfalls mit Buwal-Unterstützung wiederholt derzeit die ETH Zürich jene Studie des niederländischen TNO-Labors, die vor Jahresfrist den Mobilfunkkritikern neue Munition geliefert hatte. Eine Standesinitiative, wie sie jetzt auf Antrag von Alexandra Nogawa der Basler Grosse Rat verabschiedet hat und der Regierungsrat im Wortlaut noch ausarbeitet, gelangt an die zuständige Kommission von National- und Ständerat. Diese entscheiden, ob sie ein Gesetz oder eine Verordnung ausarbeiten wollen. Eine Volksinitiative für ein Antennen-Moratorium war übrigens im Juni 2003 vorzeitig abgebrochen worden. pld
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BaZ: Ein Moratorium für neue Mobilfunkantennen?
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Chris
Re: BaZ: Ein Moratorium für neue Mobilfunkantennen?
Immer wieder die gleiche Grenzwertlüge! Herr Reichenbach vom BUWAL weiss selbst ganz genau, dass wir in der Schweiz gar keine besseren, schon gar keine 10x tieferen Grenzwerte als im übrigen Europa haben.
Auch in anderen Ländern gibt es in den Innenräumen keine höheren Werte als in der Schweiz, denn sie werden automatisch wegen der Abweichung von der Senderichtung und durch die dämpfende Wirkung der Baumaterialien erreicht. Wieso sind denn in den Nachbarländern die Mobilfunker ganz begeistert, wenn ihnen die so superguten Schweizer Grenzwerte als leuchtendes Beispiel hingestellt werden? Sie sind mit diesen Werten sogar sehr zufrieden, weil sie sie ohne weiteres Zutun erreichen.
Wann endlich wird die breite Bevölkerung begreifen, in welch schamloser Weise sie von den Bundesämtern und der Industrie angelogen wird?
Und noch was: wo sind denn in den übrigen Kantonen verantwortungsbewusste Politikerinnen und Politiker, die , ähnlich wie Frau Dr. Nogawa aus Basel, einmal beginnen, sich mutig für die Gesundheit des Volkes, vor allem die zukünftige Generation einzusetzen und eine Standesinitiative starten.
Was muss eigentlich noch alles passieren, bis die, die jetzt das Sagen haben, endlich aufwachen und auch mal an was anderes denken können als nur ans Geld? Ein krankes Volk wird nämlich dieses auch nicht mehr erwirtschaften und letztendlich nicht einmal verbrauchen können.
So wie es jetzt aussieht, benehmen sich viele Menschen wie die Lemminge, arbeiten mit grösster Virtuosität an ihrem eigenen Untergang, werden erst wach, wenn es schon 5 vor 12, nein 5 nach 12 ist.
Chris
Auch in anderen Ländern gibt es in den Innenräumen keine höheren Werte als in der Schweiz, denn sie werden automatisch wegen der Abweichung von der Senderichtung und durch die dämpfende Wirkung der Baumaterialien erreicht. Wieso sind denn in den Nachbarländern die Mobilfunker ganz begeistert, wenn ihnen die so superguten Schweizer Grenzwerte als leuchtendes Beispiel hingestellt werden? Sie sind mit diesen Werten sogar sehr zufrieden, weil sie sie ohne weiteres Zutun erreichen.
Wann endlich wird die breite Bevölkerung begreifen, in welch schamloser Weise sie von den Bundesämtern und der Industrie angelogen wird?
Und noch was: wo sind denn in den übrigen Kantonen verantwortungsbewusste Politikerinnen und Politiker, die , ähnlich wie Frau Dr. Nogawa aus Basel, einmal beginnen, sich mutig für die Gesundheit des Volkes, vor allem die zukünftige Generation einzusetzen und eine Standesinitiative starten.
Was muss eigentlich noch alles passieren, bis die, die jetzt das Sagen haben, endlich aufwachen und auch mal an was anderes denken können als nur ans Geld? Ein krankes Volk wird nämlich dieses auch nicht mehr erwirtschaften und letztendlich nicht einmal verbrauchen können.
So wie es jetzt aussieht, benehmen sich viele Menschen wie die Lemminge, arbeiten mit grösster Virtuosität an ihrem eigenen Untergang, werden erst wach, wenn es schon 5 vor 12, nein 5 nach 12 ist.
Chris