Solothurn: Gegen das Gefühl des «Stadt-Abfalleimers». Knapp

The Future's Black

Solothurn: Gegen das Gefühl des «Stadt-Abfalleimers». Knapp

Beitrag von The Future's Black » 9. Dezember 2004 12:13

© Solothurner Zeitung / MLZ; 09.12.2004

Solothurn Zeitung

Gegen das Gefühl des «Stadt-Abfalleimers»

Weststadt Bei Bewohnern brachte das Baugesuch für eine Mobilfunk-Antenne das Fass zum Überlaufen

Knapp 2000 Unterschriften haben sie gesammelt und über 450 Einsprachen gegen eine Mobilfunk-Antenne eingereicht. Weststadt-Anwohner wehren sich gegen immer mehr Belastung, der sie ausgesetzt sind.

Fabian Gressly

Dass sie sich gegen die geplante Mobilfunk-Antenne an der Benedikt-Hugi-Strasse wehren, ist nur ein Aspekt. Denn die Mitglieder der Interessengemeinschaft Erhaltung Lebensqualität «Igel» fühlen sich in der Weststadt zuweilen als «Abfalleimer der Stadt», wie der Sprecher der IG, Herbert Bühler, sagt. Die Publikation der Sendeanlage vor rund zwei Wochen (wir berichteten) brachte das Fass zum Überlaufen. Nun wehren sich die Bewohner - primär gegen diese weitere Antenne. Die Bevölkerung fühle sich von Belastungen überhäuft. Neben der Strahlung der bestehenden und auch geplanten Antennen sei man im Quartier zunehmend dem Lärm der Bahn oder der Strasse ausgesetzt. Für die Baubewilligung werde jedes einzelne Element betrachtet. «Für die Bewohner zählt aber die Summe.» So ist das Antennen-Baugesuch Anlass, sich endlich für mehr Lebensqualität in der Weststadt einzusetzen.

Innert kurzer Zeit hat sich Widerstand formiert. Über 1900 Personen haben eine Petition unterschrieben, die gestern Nachmittag Stadtpräsident Kurt Fluri übergeben wurde (s. «Unterschriften und Einsprachen deponiert»).

Zeichen der Stadt erwartet

«Unser Ziel ist, Unterstützung bei der Stadt zu finden.» Zum einen rechnen die Bewohner der Weststadt mit einem generellen Signal, aber natürlich auch konkret auf diese Mobilfunk-Antenne bezogen «ein mutiges Wort der Stadt», so Bühler.

Drei Punkte machen die Opposition aus. Zum einen haben die Anwohner Bedenken, was die Auswirkung der Strahlung auf die Gesundheit betrifft. Hier ziehen die Angehörigen von «Igel» einige Studien zurate, die nachteilige Auswirkungen aufzeigen. Dass die Zahl der Studien für und gegen Mobilfunk-Antennen sich aufwiegen, weiss Bühler. «Aber gesicherte Studien über die Bedenkenlosigkeit gibt es ja auch nicht», kontert er ein Argument der Telekommunikationsfirmen. Die Gruppe um den studierten Elektroingenieur ETH stützt sich insbesondere auf verschiedene Studien und die Forderung nach einem UMTS-Moratorium der Gruppierung «Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz», unterstützt unter anderem von der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH), der Schweizerischen Energie-Stiftung und der Stiftung für Konsumentenschutz. Diese Forderung stützt sich auf die Studie des TNO-Labors in Holland, die auch unter Experten für Aufsehen gesorgt hat. Während in der Schweiz der Grenzwert von 5 Volt pro Meter bestehe, würde ein Wert von 0,01 V/m Kopfschmerzen auslösen, ein Wert von 0,1 V/m führe zu erhöhtem Krebsrisiko, kommt die Studie zum Schluss.

Was auch andere Studien beweisen wollen, wurde schon im Quartier beobachtet: Eine Bewohnerin müsse bestimmte Nächte ausserhalb des Quartiers verbringen, um einigermassen zu Schlaf zu kommen, schildert Bühler ein Beispiel und hängt ein weiteres an: Ein Junge klage über anhaltende Kopfschmerzen.

Strahlung scheint nicht unbedenklich

«Igel» sei keine Gruppierung weltfremder, fundamentalistischer Natel-Gegner, will sich die Gruppe verstanden wissen: «Wir sind nicht gegen Mobilkommunikation. Das Handy ist sinnvoll. Aber wir sind gegen die Arbeit auf Vorrat, gegen die rücksichtslose Expansion.» Und vor allem ist die Interessengruppe dagegen, dass diese wieder auf dem Buckel der Weststadt fortgeführt wird. Denn dies wirkt sich auf die Lebensqualität aus, ist man überzeugt. Und dass Antennen unbedenklich sein sollen, wie das von den Anbietern immer behauptet wird, glaubt man schon gar nicht. «Erfahrungen haben gezeigt, dass Liegenschaften in der Nähe einer Mobilfunk-Antenne eine grosse Abwertung erfahren», äussert sich Bühler. Und wenn der Hauseigentümerverband Richtwerte über die Entwertung von Häusern erlasse, «muss da irgendwo etwas sein. Die negative Auswirkung der Strahlen kann keine Einbildung der Leute sein». Eine andere Auswirkung ist, dass diese Entwicklung auch das Vermögen der Hausbesitzer in der Weststadt schmälere.

Stadtpräsident soll national handeln

«Wir würden uns wünschen, dass die Stadt ein Moratorium erlässt», nennt der «Igel»-Sprecher stellvertretend für die Interessengemeinschaft ein Anliegen. Gleiche Wünsche werden auch andernorts laut, richten sich aber an den Bundesrat, nachdem die gesamte Telekommunikation auf Bundesebene geregelt wird. «Igel» verspricht sich aber auch auf diesem Weg etwas von Stadtpräsident Kurt Fluri, der zugleich auch Vertretung im Nationalrat ist.

Der Gegner sei ein Goliath, wissen die Mitglieder von «Igel» - und der Kampf gegen einen solchen bekanntlich gross. Die Unterschriftensammlung, die Einsprachen und die Übergabe der Petition seien aber nur ein Anfang. In der nächsten Zeit wolle man auch Mahnwachen oder andere Aktionen durchführen, stellen Bühler und die «Igel»-Angehörigen in Aussicht.

Internet: www.igelnet.tk


Unterschriften und Einsprachen deponiert

Petition Die Weststadt-Bewohner begaben sich zum Stadtpräsidium

«Vor Ihnen steht eine Delegation der Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers Weststadt», richtete sich gestern Nachmittag Herbert Bühler im Rahmen der Petitionsübergabe an Stadtpräsident Kurt Fluri. In ihrem Namen überbrachte die knapp 30-köpfige Gruppe die Petition gegen den Bau der Mobilfunk-Antenne der Swisscom an der Benedikt-Hugi-Strasse mit nicht weniger als 1967 Unterschriften. Mehrere Schulen und Kindergärten würden im Quartier jugendliche Akzente setzen, äusserte sich Bühler. So stellen sich die Anwohner auch die Frage, ob man den insgesamt 739 Schülern diese Risiken zumuten könne. «Mir scheint, je grösser die Arroganz und der Zynismus der Mobilfunkbetreiberinnen im Lächerlichmachen der Sorgen der Bevölkerung sind, desto mehr zweifelt diese an den Beschwichtigungen», so Bühler. 451 Einsprachen, 55 Sammeleinsprachen und die fast 2000 Unterschriften eines einzigen Quartiers würden da eine deutliche Sprache sprechen.

Als ehemaliger Quartierbewohner kenne er die Situation in der Weststadt, erwiderte Kurt Fluri. Den rechtlichen und den politischen Weg in der Antennenfrage wolle er beschreiten. Als Gemeinde habe man rechtlich aber kaum mehr Handlungsspielraum, und die Politik werde auf Bundesebene und auf Ebene der Anbieter gemacht. Zumindest eine Belastung werde verschwinden, stellte Fluri den Anwesenden in Aussicht. Der Gewerbeverkehr ins Obachquartier werde bald weg sein. (gly)