© Berner Zeitung; 13.09.2005; Seite 23
BZ-Region Bern
Elektrosmog in der Region Bern
Zu Ängsten und Nebenwirkungen...
Angst vor Elektrosmog: In Muri, Zollikofen und nun auch Ostermundigen verschwören sich gar Parlamente gegen neue Antennen. Panikmacherei? Nicht nur, räumt Jürg Baumann vom Bundesamt Buwal jetzt ein.
Herr Baumann, würden Sie dieses Interview notfalls auch von Ihrem Handy aus geben?
Jürg Baumann: Ich besitze ein Handy, brauche es aber vor allem für den Notfall.
Befolgen Sie die Regel aus Sorge um Ihre Gesundheit?
Wenn ich eine Alternative zum Handy habe, ziehe ich sie vor. Es wäre aber übertrieben, zu sagen, dass ich mir Sorgen mache. Denn Beweise, dass die Strahlung schädlich ist, liegen bis heute nicht vor.
In Muri stimmte das Volk gegen neue Handyantennen. Sind das also unbegründete Entscheide?
Wir wissen, dass Strahlung die Leute beschäftigt, nicht nur in Muri. Wir führten eine Umfrage durch. Sie ergab, dass über die Hälfte der Schweizer Befürchtungen bezüglich Elektrosmog haben. Aber wie gesagt: Wissenschaftlich bewiesen ist eine Beeinträchtigung der Gesundheit nicht.
Das Buwal warnt doch selber in einer neuen Broschüre, dass die Strahlen Krebs auslösen können.
Das ist nicht als Warnung zu verstehen. Dazu bräuchte es eindeutige Fakten. Wir schrieben, eine Erhöhung des Risikos für einzelne Krebsarten werde als möglich, aber nicht als wahrscheinlich erachtet.
Beziehen sich die Hinweise auch auf Strahlenbelastungen unter den gesetzlichen Grenzwerten?
Ja, wir haben im Bereich Elektrosmog Hinweise, dass auch schwache Strahlung biologische Auswirkungen haben kann.
Das sind neue Töne: Bisher sagte die Behörde, was unter dem Grenzwert liege, sei unbedenklich.
Es ist Aufgabe des Buwal, auch auf Kenntnislücken und erst ansatzweise erkennbare Risiken hinzuweisen. Ich betone: Es sind nur Hinweise, dass auch schwache Strahlung möglicherweise schädlich ist. Man muss sehen, dass es nie eine absolute Sicherheit gibt, dass etwas unschädlich ist - bei Mobilifunkstrahlung ebensowenig wie bei anderen Technologien.
Immerhin wurde der Radio-Kurzwellensender Schwarzenburg 1998 abgestellt, weil eine Studie erhebliche gesundheitliche Schäden nachwies.
Ja, es wurde festgestellt, dass viele im Bereich des Senders unter Schlafstörungen litten. Und dass diese im Zusammenhang mit dem Sendebetrieb standen. Unklar blieb, wie die Beeinträchtigung genau zu Stande kam. Deshalb ist das Ergebnis vorerst nur für die konkrete Situation in Schwarzenburg gültig.
Wie ist es mit dem Sendeturm Bantiger? Anwohner kämpfen derzeit gegen neue Antennen.
Dort werden vorwiegend UKW- und Fernsehfrequenzen gesendet. Die werden anders ausgestrahlt als in Schwarzenburg
Inwiefern?
Rundfunksender wie der Bantiger stehen hoch über den Siedlungen. Sie strahlen nicht direkt auf die Häuser. In Schwarzenburg strahlte der Sender flach über den Horizont. Siedlungen waren direkt im Strahlenkegel.
Was ist gefährlicher: Mobilfunk- oder Rundfunkstrahlen?
Die mit Abstand höchste Belastung nimmt man in Kauf, während man ohne Freisprecheinrichtung mit dem Handy telefoniert. Allerdings ist dies ja keine Dauerbelastung.
Also schaden Handyfrequenzen der Gesundheit mehr als Rundfunkfrequenzen?
Strahlung, egal ob Radio-, Handy- oder Fernsehfrequenzen, wirkt grundsätzlich auf zwei Arten auf den Menschen: Zum einen kann sie das Gewebe erwärmen ...
... sogar Strahlung, die innerhalb der Grenzwerte liegt?
Für eine merkliche Erwärmung bräuchte es eine so starke Strahlung, wie wir sie in der Umwelt nicht antreffen. Gesundheitliche Schäden, die auf die Erwärmung zurückgehen, muss man nicht befürchten.
Und die zweite Wirkung?
Das ist jene, die nicht mit Wärmeeffekten erklärbar ist. Die Wissenschaft kann sich ihren Wirkmechanismus bis heute nicht erklären. Es sieht so aus, als ob dabei nicht nur die Intensität der Strahlung einer Rolle spielt, sondern auch die Form der Frequenzen. Handy- und Fernsehfrequenzen werden beispielsweise gepulst gesendet
Streit zwischen Mobilfunkbetreibern und Strahlengegnern: Liegen Strahlengrenzwerte im Ausland höher oder tiefer?
In den meisten Staaten sind die Grenzwerte zehn Mal weniger streng als in der Schweiz. Länder mit ähnlich strengen Grenzwerten sind Italien Luxemburg, Slowenien, Polen und Russland.
Mobilfunkgegner beteuern, in der Toscana seis viel strenger
In Italien hatten die Provinzen bis vor kurzem eine gewisse Freiheit. Die Toscana hatte tatsächlich einmal die Grenzen tiefer angesetzt. Die Landesregierung hob diese wieder jedoch auf.
Gegner erwähnen auch Österreich oft als «gutes Beispiel».
Bekannt ist der Fall Salzburg. Dort schlug die Behörde einen wesentlich strengeren Grenzwert vor. Er wurde aber nie rechtsverbindlich. Er wurde nur zwischen einem Mobilfunkanbieter und Bürgergruppierungen auf privater Basis vereinbart.
Schliessen Sie aus, dass in 10 Jahren eine Studie belegt, dass Elektrosmog verantwortlich ist für Tausende von Krebsfällen?
Das ist eine heikle Frage. Die wissenschaftliche Grundlage für solche Prognosen fehlt. Nachdem was wir wissen, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass so etwas eintrifft. Mit letzter Sicherheit ausschliessen kann man es aber nicht.
Interview: Mischa Aebi
Jürg Baumann ist doktorierter Chemiker und Chef nichtionisierender Strahlung beim Bundesamt für Umwelt Wald und Landschaft (Buwal).
Der Kampf wird härter
Vorstösse und Einsprachen: Tausende Antennengegner in der Region Bern kämpfen aktiv gegen Elektrosmog.
Allein die Ereignisse der letzten Woche sprechen Bände: Das Ostermundiger Parlament überwies mit grossem Mehr den folgenden Auftrag an die Exekutive: «Der Gemeinderat wird beauftragt, die bis an die äussersten Grenzen gehenden Mobilfunkanbieter Sunrise, Orange und Swisscom zu bremsen.» Ostermundigen dürfe keine Antennen an sensiblen Orten mehr bewilligen, fordert das Parlament. In derselben Woche gingen auf der Münsinger Verwaltung 53 Einsprachen mit insgesamt tausend Unterschriften gegen eine geplante Handyantenne ein.
Nur ein neuer Gipfel
Was vergangene Woche geschah, ist nur der Höhepunkt eines seit längerem anhaltenden Trendes: Im letzten Frühling stimmte auch in Zollikofen die Mehrheit des Parlamentes für einen Baustopp von Mobilfunkantennen. Der Vorstoss fordert sogar einen Rückbau von Antennen. Er bezieht sich allerdings nur auf Antennen auf Gebäuden, die der Gemeinde gehören. Sowohl der Vorstoss in Ostermundigen wie jener Zollikofen müssen noch vors Volk, bevor sie rechtsgültig werden. Das dürfte nicht unmöglich sein: In Muri hiess das Volk vor gut einem Jahr ein Antennenverbot auf Gemeindehäusern gut. Es gibt in der Region zahlreiche andere Beispiele für Masseneinsprachen und Vorstösse gegen Antennen.
Der Fall Schwarzenburg
Der wohl berühmteste Antennen-Bekämpfer ist Hans-Ueli Jakob aus Schwarzenburg. Er führt unter www.gigaherz.ch eine umfassende Homepage mit Hunderten von Artikeln über Studien, Meldungen und Gerichtsurteilen zum Thema Elektrosmog. Jakob ist selber Strahlenexperte, besitzt entsprechende Messgeräte und hilft jedem in der Region aus, der sich gegen eine Antenne wehrt. Jakob kämpfte bereits in den 90er-Jahren im Fall «Kurzwellensender Schwarzenburg». Dies war Jakobs grösster Erfolg: Die Behörde liess den Sender abstellen, als eine Studie einen Zusammenhang zwischen der Strahlung und verschiedenen Krankheiten der Bewohner in der Umgebung feststellte. Die Studie wurde von der Uni Bern durchgeführt, in einigen Punkten blieb ihre Aussagekraft jedoch umstritten (siehe Interview). Für Jakob ist klar: Die Studie belege eindeutig, dass Leute im Strahlungsbereich fünfmal mehr Schlafstörungen, viermal mehr psychische Erkrankungen und dreimal mehr Krebsfälle aufwiesen als andere. Jakob betont: Die Strahlenintensität in den Wohnungen der Betroffenen sei zwischen 0,4 und 4 Volt pro Meter gewesen. «Das ist nicht höher als die normale Strahlung einer heutigen Mobilfunkantenne in einem Wohnquartier.»
Heimlich installiert?
Jakob unterstützt nun die Einsprecher in Bantigen. Sämtliche Bewohner der Dorfschaft unterschrieben kürzlich eine Einsprache gegen neue Sender auf dem Bantigerturm (wir berichteten). Die Swisscom Broadcast beteuert, sie habe seit den 90er-Jahren mehr Sender vom Turm demontiert, als sie nun neu installieren wolle. Jakob hat damals wie heute Signale vom Bantiger selber nachgemessen: «Ich habe 16 Frequenzen gefunden, die 1996 noch nicht vom Turm kamen», sagt er. Jakob fordert: «Die Bevölkerung muss über jede Neuinstallation von Sendern auf dem Turm informiert werden.» ma
Urs Baumann